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Berliner Schule vs. film noir

UNVERNUNFT wird heute schlecht gelitten: alles muss algorithmisch sein oder hat es, was dasselbe heißt, "schon mal gegeben" (Sequel-Wahn). Wo es keine Erklärungen gibt, sind diese nur noch nicht gefunden worden, können aber als noch abwesende unterstellt werden usf.

Worauf ich hinaus will, erhellt ev. durch ein Nebeneinanderhalten von Berliner Schule und Film Noir.

Die Produkte der Berliner Schule signalisieren eine tiefere Bedeutung nahe der Oberfläche, vielleicht sogar auf dieser selbst, der man inne werden kann und soll durch ruhige Betrachtung, imgrunde Nichtstun (Lauschen statt Rauschen). Die so vergegenwärtigte Welt ist sinnvoll, wenn man sich ins rechte Mustern nur findet und somit zum besseren Menschen wird. Die das nicht können oder wollen, sind Narren (deren Abwesenheit oder sogar Vernichtung die Welt zu einem besseren Ort machen würde).

Die Berliner Schule drückt in reinerer Form das Credo der Moderne aus, des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und seiner Krimis, die heute alle psychologisch sind, also eine Erklärung liefern für das Sosein der Welt und damit auch ein Rezept für deren Besserung.

Die Romane von Autoren wie Spillane oder Goodis, auf denen der film noir basiert, waren im Vergleich zu heutigen Krimis eher kurz, da sie hauptsächlich auf einem absurden Einfall beruhten mit einer rätselhaften Sogwirkung. Der Held von Nightfall z.B. soll von Bankräubern für ihre Tat hingehängt werden, erschießt draufhin einen von ihnen und türmt mit der Beute, die er aber verliert, ohne sich zu erinnen, wo. Die vertrixten Geschichten des film noir haben etwas potentiell Komisches nach dem Schema "Glauben Sie mir bitte, das ist jetzt nicht, wonach es aussieht!" Aber sie sind auf der Seite des unvernünftigen, dessen Welt reicher an Möglichkeiten ist als die seiner Gegner.

Von Deleuze her könnte man sagen, sie befinden sich näher an der Immanenzebene, sind daher stärker getrieben - dermaßen voller Verlangen, dass selbst die Homosexuellen auf Weiber abfahren

Künstliche Intelligenz

War gestern mit normalen Smartphone-Nutzern unterwegs. Hab' vorsichtshalber auch mein eigenes dabei gehabt, das ich sonst ja kaum bruache.
Nach meiner Beobachtung wird das Gerät inzwischen immer mehr zum Teil des Körpers, ohne dessen Gegenwart dieser vor allem bei jungen Frauen nicht mehr vollständig zu funktionieren scheint. (Sie würden wahrscheinlich "sehr weit" gehen, um wieder in den Besitz ihres vorenthaltenen Smartphones zu kommen.)
Ein Teil der Gestik des Smartphones pflegt sich gerade in die menschlichen Bewegungen, indem sie berechenbarer werden. Gehört das zur "Delle", die S. Jobs ins Universum machen wollte: das menschliche Mienenspiel aufzulösen in ein Archiv von Emotikons?
Dass man sich von der Öffentlichkeit durch Ohrhörer abkapselt, ging ja bereits los mit dem Walkman. In Gegenwart von Smartphones scheint es inzwischen wohlgelitten, so etwas mitten im Gespräch zu tun. Spontane Worte sind einfach nicht künstlich intelligent genug.

Robert Musil zur aktuellen Lage

Es ist eine alte und wie mir scheint recht unfruchtbare Streitfrage, wie man Kultur und Zivilisation unterscheidet. Ich glaube, wenn man unterscheiden will, ist es am besten, Kultur zu sagen, wo eine Ideologie herrscht und eine noch einheitliche Lebensform, Zivilisation dagegen als den diffus gewordenen Kulturzustand zu definieren. Jeder Zivilisation ist eine Kultur vorausgegangen, die in ihr zerfällt; jede Zivilisation ist ausgezeichnet durch die gewisse technische Beherrschung der Natur und ein sehr kompliziertes, sehr viel Intelligenz forderndes, aber auch schluckendes – System sozialer Beziehungen. Es wird der Kultur fast immer eine unmittelbare Beziehung zu den Wesenheiten zugeschrieben, eine Art schicksalhafter Sicherheit der menschlichen Haltung und noch instinktive Sicherheit, der gegenüber dann der Verstand, das Zivilisationsgrundsymptom, eine etwas klägliche Unsicherheit und Indirektheit besitzen soll. Man kennt die Symptome, worauf sich das stützt. Der große, besonders aus der Ferne geschlossen wirkende Gestus von Mythos und Religion, andrerseits die Umständlichkeit, mit dem Verstand das zu sagen, was ein Blick, Schweigen, ein Entschluß viel besser ausdrücken. Der Mensch ist eben nicht nur Intellekt, sondern auch Wille, Gefühl, Unbewußtheit und oft nur Tatsächlichkeit wie das Wandern der Wolken am Himmel. Die aber nur das an ihm sehen, was die Vernunft nicht bewirkt, müßten schließlich das Ideal in einem Ameisen- oder Bienenstaat suchen, gegen dessen Mythos, Harmonie und intuitive Taktsicherheit alles Menschliche vermutlich nichts ist. Wie schon gesagt, halte ich das Wachstum der Anzahl daran beteiligter Menschen für die Hauptursache des Übergangs von Kultur in Zivilisation. Es ist klar, daß hundert Millionen Menschen zu durchdringen ganz andre Aufgaben stellt als hunderttausend. Die negativen Seiten der Zivilisation hängen zum größten Teil damit zusammen, daß diesem Volumen des sozialen Körpers seine Leitfähigkeit für Einflüsse nicht mehr entspricht. Man betrachte den Höhepunkt vor dem Krieg; Eisenbahn, Telegraph, Telephon, Flugmaschine, Zeitung, Buchhandel, Schul- und Fortbildungssystem, Wehrpflicht: alles völlig unzureichend. Der Unterschied zwischen Großstadt und schwarzgeistigem Land ist größer als der zwischen Rassen. Vollkommene Unmöglichkeit, selbst in der eigenen Schicht in die Voraussetzungen eines andren Gedankenkreises einzudringen außer unter ungeheurem Zeiteinsatz. Folge: schmale Gewissenhaftigkeit oder impetuose Oberflächlichkeit. Mit dem Wachstum der Zahl hält die geistige Organisation nicht Schritt: darauf sind achtundneunzig vom Hundert aller Zivilisationserscheinungen zurückzuführen. Keine Initiative vermag den sozialen Körper auf weitere Strecken zu durchdringen und empfängt Rückwirkung von seiner Totalität. Man kann tun, was man will, Christus könnte auf die Erde wieder niedersteigen: es ist ganz ausgeschlossen, daß er zur Wirkung käme. Die Frage auf Leben und Tod ist: geistige Organisationspolitik. Das ist die erste Aufgabe für Aktivist wie Sozialist; wird sie nicht gelöst, so sind alle andren Anstrengungen umsonst, denn sie ist die Voraussetzung dafür, daß die überhaupt wirken können. - - - - Ich fasse mich zusammen; noch nie in meinem Leben habe ich nötig gehabt, es hinterdrein zu tun. Ich habe also ein allgemein beliebtes Buch angegriffen. Ich hatte mir versprochen – ich rezensiere ja nicht – am berühmten Einzelfall Zeitfehler zu demonstrieren. Oberflächlichkeit; Mantelwurf der Geistigkeit, unter dem die Gliederpuppe steckt; Überfließen einer lyrischen Ungenauigkeit in die Gevierte der Vernunft. Denn so groß auch z. B. der Unterschied zwischen dem explosiven Weltanschau[er?] ist, der zu »Ballungen« verdaut, was geistig in der Luft liegt, und dem Bücherwurm, der nach Wurmart täglich das Vielfache seines geistigen Eigengewichts frißt, Wissenschaften konsumiert und das natürlich nur in lockerer Form von sich geben kann –: es sind bloß konträre, dem Sinn nach aber gleiche Erscheinungen einer Zeit, die ihren Verstand nicht zu gebrauchen weiß. Die nicht zuviel Verstand hat, wie es immer heißt, sondern den Verstand nicht am rechten Flecke. Diese Zeit hat mit dem Expressionismus, um ein andres Beispiel von ihr zu geben, eine Urerkenntnis der Kunst veräußerlicht und verflacht, weil die nicht denken konnten, welche den Geist in die Dichtung einführen wollten. Sie konnten es nicht, weil sie in Luftworten denken, denen der Inhalt, die Kontrolle der Empirie fehlen; der Naturalismus gab Wirklichkeit ohne Geist, der Expressionismus Geist ohne Wirklichkeit: beides Ungeist. Auf der andren Seite aber kommt bei uns gleich die gewisse Dörrfischrationalität und die beiden Gegner sind einander würdig. Ich weise noch einmal auf den Unterschied von ratioïd und nichtratioïd hin, den ich nicht erfunden, sondern nur so übel benannt habe. Hier steckt die Wurzel, aus der die verhängnisvolle Frage der Intuition wächst und des gefühlsmäßigen Erfassens, die nichts andres sind als Eigentümlichkeiten des nicht-ratioïden Gebiets, falsch verstanden. Hier liegt der Schlüssel zur »Bildung«. Hier sind der rachitische Idealismus unsrer Tage und ihr Gott ausgekommen. Hier wäre zu verstehn, warum der ergebnislose Kampf in der heutigen Zivilisation zwischen dem wissenschaftlichen Denken und den Ansprüchen der Seele nur durch ein Plus zu lösen ist, einen Plan, eine Arbeitsrichtung, eine andre Verwertung der Wissenschaft wie der Dichtung! Und Oswald Spengler erkläre ich öffentlich und als Zeichen meiner Liebe, daß andre Schriftsteller bloß deshalb nicht so viele Fehler machen, weil sie gar nicht die beide Ufer berührende Spannweite haben, um so viele unterzubringen.

Vom Neid

VOM NEID

Zwei menschliche Laster, die mich wenig plagen: Neid und Depression. Ich eigne mich nicht für letztere. Das ist kein Verdienst, sondern Zufall, ein Würfelung der Natur, die in meinem Fall eine Seele ohne viel Traurigkeit zustandegebracht hat.

Meine depressiven Freunde haben es oft weiter im Leben gebracht. Die Depressiven haben in der Regel einen besseren Blick für die Wirklichkeit, ihre Erfordernisse. Vielleicht sind sie deswegen depressiv. Ihnen gegenüber stehen die Hysteriker, unter denen ich mich leichter wiederfinde, mit ihren übertriebenen Geschichten.

Auch der Neid ist mir fremd. Wenn jemand einen Erfolg hat, freut es mich eher. In der Regel stellt er dabei etwas Schönes her auch zu meinem Ergötzen.

Ich glaube nicht, dass die Menschen ihren Erfolg verdienen, sondern in die Wiege gelegt bekamen. Wenn ich die Kinder beobachte - neulich z. B. im Kinderladen meines Neffen in Berlin - sehe sie vor mir mit 60 Jahren. Die Typen sind alle zu erkennen. Einige kommen groß heraus, die meisten leben das übliche Mittel-Leben. Und könnten zufrieden werden, wenn ihnen nicht die Anforderung in den Weg kommt, dass alle Menschen gleich sein müssen, die Hauptquelle des Neides.

Dadurch, dass man heute nur so wenig Kinder bekommt, sinken die Chancen, dass sich eines darunter befindet, das es drauf hat. Und dann wird alle Erziehung der Welt auf ein minderbegabtes Wesen verwandt, um etwas aus ihm zu machen, das in ihm nun mal nicht steckt. Natürlich lässt sich jedes Niveau etwas heben, aber um welchen Preis!

Es wäre wahrscheinlich besser, ein paar Kinder mehr zu haben und somit die Chancen zu erhöhen, dass ein begabtes zur Welt kommt. Um dieses muss man sich dann so wenig kümmern wie um seine minderbegabten Geschwister, außer dass man ihnen Spielraum gibt.

Das war das Schöne an meiner Kindheit: dass sich kein Erwachsener um uns gekümmert hatte. Es gab einfach zu viele Kinder. Auf uns einzelnen lastete nicht derselbe Wert. Man musste lernen, miteinander zurechtzukommen ohne die Vermittlung irgendwelcher Schutzpatrone.

Der hohe Wert, den heute das einzelne Kind zumindest in der Fantasie seiner Eltern hat, kann das Leben der minderbemittelten - also der Mehrheit - ruinieren, indem Dinge von ihnen verlangt werden, die früher außer Frage gestanden hätten. Jedes Kind bekommt dadurch eingebleut, etwas besonderes zu sein. Ohne es in den meisten Fällen einlösen zu können. Auf den naheliegenden Gedanken, vielleicht nichts besonderes zu sein, kommt es nicht mehr. Vielmehr glaubt es später, irgendwie "betrogen" zu werden - um den ihm wie jedem Menschen zukommenden Status und Gewinn.

Hier liegt die Quelle des endemischen Neides: in der gut gemeinten "emanzipatorischen" Erziehung zum Wunderkind im Falle jedes heute Geborenen.

Ich habe gestern eine Untersuchung gelesen: dass es künftig kaum noch bezahltes Beschäftigung geben wird. Ganz wenige teilen sie dann unter sich und erarbeiten den Wohlstand einer sonst rentenverzehrenden Gesellschaft. Diese besteht aus ihren minderbegabten Geschwistern, die alle zur Welt kommen mussten, damit auch jene herausgewürfelt werden konnten, die taugen, um die Mehrheit zu füttern. Und ist es etwa nicht so in fast jeder größeren Familie?

In Platos Staat gibt es dazu jene berühmte Stelle "Die Lüge des Sokrates":

"Ihr seid alle Brüder", soll den Menschen erzählt werden, "den geborenen Herrschern unter euch aber ist wertvolles Gold beigemischt, den Kadern Silber, den übrigen Eisen und Erz. Meist werdet ihr euch ähnliche Kinder erzeugen, manchmal aber auch aus Gold einen silbernen Nachkommen, aus Silber einen eisernen und so fort. Immer sollen deswegen die Herrscher auf ihre Nachkommen achten: falls einer eisenhaltig ward, gehört er unters Volk. Wird aus dessen Mitte aber ein gold- oder silberhaltiger geboren, gehört er unter die Kader oder Herrscher." Denn es sei wissenschaftlich erwiesen, dass ein Gemeinwesen untergehe, wenn sich Eisen und Erz seiner bemächtigen. - Wird irgendjemand diese Lüge glauben?

ANGST - einzig wirklicher Motor?


Gibt es eigentlich irgendeinen technischen Fortschritt, der nicht aus den Laboren des Militärs kommt?
Die Zivilgesellschaft an sich scheint zu keinen Innovationen imstande, hat - wenn schon - die Tendenz, sich zu zerlegen.
Wieso modernisiert andererseits das Militär?
Aus Angst. Dass der Feind einem zuvorkommt.
Ohne Angst rührt sich folglich gar nichts.

Nespresso-Kapseln . . .


. . . sollen neuerdings - durch ihr Verschwinden - die Welt verbessern. Das ist Augenwischerei. In welcher Hinsicht? Unsere gesamte moderne Zivilisation incl. all ihre Werte, der erreichten wie "immer noch nicht" erreichten, beruht auf der flüchtigen Voraussetzung, dass uns täglich mehr Energie zur Verfügung steht als die Sonne liefert. Sobald es damit - nach Erschöpfung der Kohle-, Öl und Uranvorräte - vorbei ist, brauchen wir eine neue Gesellschafts- und Werteordnung, um zu überleben. Zwänge, von denen wir wähnen, uns befreit zu haben, kehren zurück, vielleicht in anderem Gewand, aber es bleiben Zwänge. Ein schönes Sinnbild für die Emanzipation scheint mir das Autofahren bzw. der Führerschein: verschafft einem "Freiheit", außerordentliche Beweglichkeit, den Horizont erweiternd und die Möglichkeiten des Erlebens. Und doch ist es nur eine Funktion überschüssiger Energie, abnehmend mit der unausgesetzten Leerung der Speicher derselben. Unsere heutige Freiheit, Individualität entspringt nur zu geringem Grad unserem Wollen oder Können, sondern einem vorübergehenden Rausch aus flüchtigen Quellen. Die Nespresso-Kapsel ist ein Ausdruck davon und wird das drohende Ende, indem man auf sie verzichtet, um 2 Sekunden verschieben, nicht erübrigen, wie ihre Opferung suggerieren möchte. Heldenhaft wäre eher die Entwicklung genauerer Vorstellungen über Notwendigkeiten und Gestalt einer kommenden Zeit nach dem Ausklang des Energie-Intermezzos, die "Neugründung" der Menschheit gewissermaßen. Wie fantasielos da bis jetzt die Zukunftsromane sind! The Walking Dead entwickelt seine gesamte "neue Zivilisation" auf der Basis von verrottenden Hilfsquellen der alten (Konservennahrung, Verbrennungsmotoren, Patronen). Interessant würde es erst, wenn man wirklich sich wieder aus der Umwelt ernähren müsste: was das für Folgen auf die Gesellschaft und ihre Werte, das Individuum und seine Befreiung hätte. Es wäre vorstellbar, dass gerade die emanzipiertesten Menschen sich dann als die größte Gefahr für die Gesellschaft herausstellten und wie heute Terroristen unschädlich gemacht werden müssten.

Dramatische Ironie

Dass ausgerechnet die besten Autoren am dringendsten vor dem Lesen warnen: Cervantes, Flaubert, Tolstoi - Dante lässt die Leser in der Hölle schmoren! Seltsam. Aber ich fange an zu verstehen, was sie meinen, wenn ich mich an eine Episode aus meiner Studentenzeit erinnere. Ich besuchte damals an Wochenenden das Land-Theater, an dem mein Vater sein Leben lang inszenierte, im Sommer was Lustiges für die Freilichtbühne, im Winter was Ernstes (meist den Urfaust) für die Minibühne neben der Kamin-Bar. Ich liebte dieses Theater noch aus der Kindheit, die hier die beste war. Unserer Eltern spielten auf der Bühne, wir in den Wäldern ringsum, alle Familien lebten unter einem Dach, eigentlich eine Art Kommune, wenn dieses Wort damals auch noch nicht gebräuchlich war. Als Student später auf Besuch schlief ich meistens bis Mittags. Und wurde unter der Woche zweimal geweckt von lautem Kindergebrüll, das waren die aufeinander gespielten zwei Kinder-Vorstellungen des Räuber Hotzenplotz jeden vormittag. Aber das Geschrei, und bei jeder Vorstellung zuverlässig nach ca. 40 Minuten? Eines morgens schleppte ich mich herunter und lauerte neben der Bühne, welche Szene das Publikum dermaßen erregte. Da kam sie. Der Räuber wendet sich an das Publikum und sagt: "Kinder, gleich kommen Kasperle und Seppel, und ich verstecke mich jetzt hinter diesem Busch und überfalle sie. Und wehe einer sagt was!" Gesagt, getan. Kasperle und Seppel tauchen auf. Das Publikum explodiert. Kasperle und Seppel geben sich begriffsstutzig: "Was sagt ihr da?" Die ersten Kinder eilen vor zur Bühne, eine rotgesichtiges Mädchen aber klettert erregt herauf, um die beiden Kunstfiguren zu warnen. Ihr Bild hat sich mir bis heute eingeprägt: eine kleine Emma Bovary, rasend gemacht von den Taschenspielertricks der Erzähler. Diese wünschen sich natürlich so ein Publikum, sind dann aber doch betroffen, zumindest die besseren von ihnen, wenn sie es sehen.

Vom deutschen Wesen

DEUTSCHLAND ALS NATION kehrt in den Vordergrund durch die Flüchtlingskrise. Wenn ich aber in die Geschichte schaue, lässt sich nicht ein Hinweis herauslesen, Deutschland könne ernstlich gefährdet sein. Es hat eigentlich kein Volk Europas schlimmere Katastrophen überlebt - 30jähriger Krieg, zwei Weltkriege in kurzem Abstand . . . - und sich immer wieder aufgerappelt. Da sollte 1 Million Flüchtlinge den Untergang einläuten? Selbst 10 Millionen dürften das nicht schaffen. Denn was sollte durch Zuwanderung an die Stelle dessen treten, was Deutschland heute ausmacht? Welche florierende, auf eigenen Beinen stehende Gesellschaftsordnung wäre die Alternative, der man sich mehrheitlich zuwenden würde? Gibt es folglich etwas, das die deutsche Ordnung "allen anderen überlegen" macht? Wenn, dann ist es, meine ich, die einmalige geographische Lage. Wer an so einer verkehrsreichen Stelle des Globus residiert, vergleichbar eigentlich nur dem Nahem Osten, überlebt allein aufgrund eher elastischer Strukturen, die in der Lage sind, jeglichen "Durchgangsverkehr" zu kanalisieren. Deswegen braucht Deutschland ev. nicht mal wie Kanada oder Australien eine gezielte Einwanderungspolitik, sondern kann es mit jedem aufnehmen, den es in seine Netze verschlägt. Die Kanadier haben es durch ihre gezielte Einwanderung z. B. dahin gebracht, sich eine Elite zu importieren, die bereits merklich über dem Normalvolk sitzt. Deutschland ist dagegen ein Land der kleinen Leute: Schiller, Kant, Hegel, fast alle Dichter und Denker, aber auch die Erfinder, (späteren) Industriellen, Politiker - immer Abkömmlinge des Kleinstbürgertums. Die Berufsschule, nicht die Elite-Universität, prägt den Fortgang. Die Hausmusik, nicht die Königliche Oper. Es hat sich in diesem Gewebe eigentlich nie so richtig oder dauernd (außer in Bayern . . . ?) eine konkurrierende Lebensform entwickeln können.

Wesen der Tragödie

Spielform des Dramas, in der den Helden oder mehrere Hauptfiguren der Tod ereilt, meistens zum Schluss. Das schreckliche Ende erfüllt eine die ganze Zeit über im Zuschauer herangebildete Erwartung. Entsetzen und Mitleid „reinigen“ (nach Aristoteles) die Seele.

In dieser Hinsicht nähert sich das Melodrama der Tragödie. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: in der Tragödie enthüllt die Katastrophe der Hauptfigur eine unüberbrückbare Kluft zwischen menschlichem Wünschen und dem Sosein der Welt. Im Melodrama gibt es diese Kluft nicht. Erleiden und Gewalt sind Prüfungen, die die letztliche „Richtigkeit“ der Weltordnung erweisen. Wenn ein melodramatischer Held stirbt, dann entweder, weil er sich für eine gute Sache opfert – oder weil er es verdient, unterzugehen (sich dieses Ende eingehandelt hat). Die erschütternde Wucht einer Katastrophe, der Triumph des Bösen bestehen im Melodrama letztlich nur als dunkler Hintergrund für den dadurch umso strahlender leuchtenden Endsieg des Guten.

„Tragisch“ kennzeichnet keine menschliche Erfahrung, sondern eine Literaturform, die Aischylos und seine unmittelbaren Vorgängern im antiken Athen geschaffen haben; ihre Theaterstücke hießen Tragödien - nicht wegen ihres besonders "tragischen" Inhalts, sondern weil ihre Aufführung im Zusammenhang mit „Böcken“ (griech. tragos) stand. "Tragisch" ist ein Vorgang daher dann, wenn er nach Art der Tragödie dargestellt wird.

Aristoteles für Drehbuchautoren

Die Seitenzahlen verweisen auf die deutsche Übersetzung Fuhrmanns im Verlag Phillip Reclam jun., Stuttgart 1982. In {geschweiften Klammern} erscheinende Ausdrücke gehören nicht zum Ur-Text, sondern deuten benachbarte Stellen durch verwandte deutsche Worte, Erläuterungen oder die englische Übersetzung des griechischen Originals. Die Poetik war ursprünglich wohl eine Vorlesungsgrundlage, nicht zur Veröffentlichung vorgesehen.

Handlung ist nicht Rede, sondern Tun


[Eine falsch verwendete Figur] sagt ... von sich aus, was der Dichter will, und nicht, was die Überlieferung {Handlung} gebietet {... is made to say himself what the poet rather than the story demands} ... [Sie könnte] ebenso gut auch bestimmte Zeichen {Schrifttafeln, auf denen die Botschaft des Autors steht} an sich tragen {dem Publikum zum Lesen hinhalten} ... S. 51

Schlecht erfundene Charakteren sagen, was ihr Autor will, nicht was ihrer Verstrickung in die Handlung entspringt. Ebenso gut könnten sie Schrifttafeln mit Parolen hochhalten.

... Anfänger in der Dichtung [sind] eher imstande ..., in der Sprache {Dialogen} und den Charakteren {Begriffen} Treffendes zustande zu bringen, als die Geschehnisse {zu einer Handlung} zusammenzufügen. {... beginners succeed earlier with the Diction and Characters than with the construction of a story.} S. 23

Ungeübte Autoren bringen eher Charaktere zustande als eine zusammenhängende Folge von Ereignissen.

Homer

Wie Artemis, die Bogenschützin, fröhlich durchs Gebirge voranjagt, über die Höhen des Taygetos oder die Gipfel des Erymanthos, Eber und flinke Hirsche vor sich hertreibend, und mit ihr die Nymphen der Flure spielen, die Kinder der Zeus, des Herrschers der Aigis, und Leto zuzieht voller Genugtuung, denn ihre Tochter, die stolze Jungfrau, überstrahlt die anderen Mädchen alle – obwohl auch die sehr schön sind -, so übertraf auch Nausikaa alle in ihrer blühenden Anmut... ODYSSEE

Denken ist keine Funktion des Gehirns

"Keine Annahme scheint mir natürlicher, als daß dem Assoziieren oder Denken kein Prozeß im Gehirn zugeordnet ist; so zwar, daß es also unmöglich wäre, aus Gehirnprozessen Denkprozesse abzulesen. Ich meine das so: Wenn ich rede oder schreibe, so geht, nehme ich an, ein meinem gesprochenen oder geschriebenen Gedanken zugeordnetes System von Impulsen von meinem Gehirn aus. Aber warum sollte das System sich weiter in zentraler Richtung fortsetzen? Warum soll nicht sozusagen diese Ordnung aus dem Chaos entspringen? Der Fall wäre ähnlich dem - daß sich gewisse Pflanzenarten durch Samen vermehrten so daß ein Same immer dieselbe Pflanzenart erzeugt, von der er erzeugt wurde, - daß aber nichts in dem Samen der Pflanze, die aus ihm wird, entspricht; so daß es unmöglich ist, aus den Eigenschaften oder der Struktur des Samens auf die der Pflanze, die aus ihm wird, zu schließen, - daß man dies nur aus seiner Geschichte tun kann. So könnte also aus etwas ganz Amorphem ein Organismus sozusagen ursachelos werden; und es ist kein Grund, warum sich dies nicht mit unserem Gedanken, also mit unserem Reden oder Schreiben etc. wirklich so verhalten sollte. - Es ist also wohl möglich, dass gewisse psychologische Phänomene physiologisch nicht untersucht werden können, weil ihnen physiologisch nichts entspricht", schreibt Wittgenstein in Zettel. Um vielleicht zu verstehen, was er meint, setze man "denken", "vorstellen" u.ä.m. gleich mit "Lied". Wenn man etwa die drei singenden georgischen Frauen h i e r betrachtet - die Melodie des Liedes, welche sie singen, ließe sich wohl aus einer Notenschrift ablesen, nicht aber allein aus dem Zustand und den Modifikationen eines der drei Gehirne oder der beteiligten Gitarre, während es erklingt.

Schwerkraft & Zweibeinigkeit . . .

. . . scheinen mir die Quelle von allem: denn weil uns erstere im Falle der zweiten zum Umfallen nötigt, müssen wir untentwegt Ausbalancieren. Das erforderte eine vergrößertes Koordiantionszenturm: das Gehirn. Den Ausgleichbewegungen aber entspringt - der Tanz, diesem alles weitere Können. (Künstliche Intelligenz = Intelligenz ohne Schwerkraft.)


Monica Loughman's The Children of Lir (Work in progress) New York City

Shakespeare

Man kann Shakespeare nicht lieben, nur anstaunen.

DREHBUCHAUTOREN IN DER BREDOUILLE - wo bleibt das deutsche Breaking Bad?

"Breaking Bad, Borgen, Bergdoktor - was können und was dürfen deutsche Autoren?" hieß ein Fachgespräch, zu dem der Verband Deutscher Drehbuchautoren neulich in den Presseclub München geladen hatte, und eine preisgekrönte Kollegin brachte es gen Ende auf den Punkt: von deutschen Autoren könne man nicht erwarten, dass sie auf einmal die Flügel spreizten, nachdem diese für ihren TV-Erfolg so außerordentlich effektiv getrimmt worden seien. - Fernsehdrehbücher werden im Auftrag geschrieben. Ein Autor tritt nicht spontan mit einer Idee an den Sender oder eine Produktionsgesellschaft, sondern bekommt von dort signalisiert, was gesucht wird. Drehbuchschreiben ist etwas für Profis: Arbeit - kein Vergnügen! Drehbuchschreiben kann nicht verzweifelt oder zuchtlos erledigt werden. Kein Autor steigert sich in ein Drehbuch, einem guten Drehbuch fehlt die Entäußerung. Es ist vielmehr perfekt gebaut. Beim Durchblättern solcher Drehbücher entspinnen sich vorm inneren Augen des Lesers Ereignisse, greifen Bilder und Verläufe geschmeidig ineinander, werden relevante Gegenstände, Themen behandelt in solch verschwenderischer Fülle, dass einen die Furcht beschleicht, es könne einmal doch der Stoff ausgehen und das Fernsehen seine Produktion einstellen müssen.

DER LETZTE DEUTSCHE Glosse von Botho Strauß | Deutung

Der Debattenbeitrag wurde am 2. Oktober 2015 im SPIEGEL veröffentlicht und anschließend in den Feuilletons der deutschen Zeitungen, wie ich fand, eher unverständig rezensiert. Ich liefere deswegen hier m|eine Deutung, die - Abschnitt für Abschnitt - den Haupt-Gedanken Strauß’ nachzeichnet und würdigt.

“Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein. Ja, es ist mir, als wäre ich der letzte Deutsche. Einer, der wie der entrückte Mönch von Heisterbach oder wie ein Deserteur 60 Jahre nach Kriegsende sein Versteck verlässt und in sein Land zurückkehrt, das immer noch Deutschland heißt - zu seinem bitteren Erstaunen. Ich glaube, ich bin der letzte Deutsche. Ein Strolch, ein in heiligen Resten wühlender Stadt-, Land- und Geistesstreicher. Ein Obdachloser.” Strauß beginnt mit einem Zitat aus einem seiner Romane. Die "Ahnen", bei denen sich der hier Sprechende zu Hause fühlt, sind - wie sich später zeigen wird - die Dichter und Geistesgrößen der deutschen Romantik. - "Romantik" wird oft falsch verstanden als Widerspiel zur Aufklärung, zu Wissenschaft und Kritik, aber sie meint deren Vervollständigung. Ein Wissenschaftler ist erst perfekt, wenn er sich parallel aufs Dichten versteht. Dieser Gedanke, welcher einmal deutschem Genie entsprang, ist uns heute fremd, beinahe lächerlich. Strauß bedauert dies, da er darin keinen Fort-, sondern einen Rückschritt sieht. Das Niveau, auf dem in Deutschland und nur in Deutschland einmal gedacht und gedichtet wurde, ist heute kaum mehr vorstellbar, und es gibt auch keine Institutionen, die seiner erinnern. Die noch davon wissen, gleichen den letzten Sprechern einer aussterbenden Sprache.