Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Deleuze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Deleuze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Deleuze ohne Magen

Wittgenstein und Deleuze legen von den aktuelleren Philosophen am meisten Nachdruck auf die Immanenz: alles, was eine Rolle spielen kan, entspringt dem Hier und Jetzt sowie dessen Geschichte. Bedeutung ist eine Funktion der Materie, erscheint in deren Verhältnissen und Entwicklung, macht sie wesentlich aus. Begriffe wären demzufolge Konstellations- und Bewegungsmuster, die aus dem einen oder anderen Grund betont werden. Deleuze drückt sich immer wieder so aus, als sei es die Aufgabe des Philosophen, solche Begriffe zu schöpfen - Muster also spontan in die Wirklichkeit zu zwecken, statt sie etwa aus dieser aufzunehmen?

Ich nähere mich dem ganzen mal aus dem Blickwinkel des Magens. Gehört dieser eigentlich zur Innen- oder Außenwelt? Unser Körper ummantelt die Außenwelt in Gestalt des Verdauungstraktes, der sie vermittelt. Solange wir leben, bedingt unser Körper das Muster, welches wir in die Welt kennen ("projizieren"), die bedeutend wird infolgedessen.

Denken wäre dann im Grunde Stoffwechsel?

Es gibt das Wort "gedankenlos", es ist nicht unverständlich. Gemeint ist damit ein Tun, das ohne Überlegung erledigt wird (Fahrradfahren . . . ), aber auch bedacht ausgeführt werden könnte, also sorgsam, umsichtig und genau. Das Denken schöpft mit anderen Worten nicht den Vorgang, der es ausmacht, sondern steigert ihn. Hier gelingt es mir nicht, Deleuze zu folgen, wenn er zu meinen scheint, wir könnten Begriffe, also Vorgänge und materielle Verhältnisse schöpfen = Materielles durch Willenskraft zustande bringen. Wozu hätten wir dann den Magen?

Wittgenstein lese ich so, wie wenn er uns zu signalisieren versuchte, die Begriffe lägen in der Materie und ihren Verhältnissen bereit "wie Nahrungsmittel", auf deren Weisen zu merken ist, um sie bedeutungsvoll zu machen.

Deleuze ist fasziniert von der Metapher des Körpers "ohne Organe", also auch, möchte man hinzuspinnen, "ohne Magen". Weiß er in diesem Fall nicht mehr von Engeln als von Menschen?

DELEUZE & DIE DREIFALTIGKEIT


Wenn ich Hamann lese, Kants Freund und christlichen Gegenspieler, muss ich immer wieder auch an Deleuze denken, dessen Metaphysik auf einmal christlich schmeckt.
Haman deutet die Welt am Leitfaden Paulus' als Ausfluss Gottes, der gar nicht anders kann, als sich in dieser Weise "herabzulassen".
Bei Deleuze materialisiert sich alles Seiende aus dem so gut wie wirklichen Raum seiner Möglichkeiten, welcher - das ist Deleuze sehr wichtig - nicht wesentlich verschieden von ihm gedacht werden darf.
So wie das Dogma der Dreifaltigkeit Gottvater und dessen Herabkunft, Gottsohn, unbedingt in einem sieht.
Die Materialisierungen werden wahr - lt. Deleuze - kraft von etwas Durchgreifendem ("Intensivem"), das einer Art Feld oder nichtgegenständlicher Wölbung bzw. räumlicher "Formation" entspricht, welche die Ausdehnung in Raum und Zeit leistet.
Christen würden das heiliger Geist nennen.
Zur These, dass Frankreichs postmodernes Denken eine Weiterung der "polysemischen" Bibelauslegen des Mittelalters ist, könnte man daher diejenige gesellen, dass es sich bei Deleuze verwandt im Hinblick auf das Dogma der Dreifaltigkeit verhält.

Wittgenstein und Deleuze

ÄSTHETIK > ETHIK
Jene Philosophen, die hiezu mir das Interessanteste mitzuteilen haben, sind - via Spinoza - Wittgenstein und Deleuze, vor allem aufgrund von drei Merkmalen, die sie teilen:
1 - Zurückweisung, was die Mittel des Denken betrifft, des Übersinnlichen oder Unanschaulichen
2 - Philosophie als Wagnis - nicht Verwaltung oder Weitergabe bekannter, sondern Herausdenken abenteuerlicher, der Überlieferung widerstrebender Verbindungen
3 - Ideologielosigkeit
Ihr Abenteuer-Vormarsch des Denkens hat von vornherein etwas hauptsächlich Ästhetisches, welches hergestellt, also nicht erklärt wird (vermittels der Anführung von Ursachen oder Gründen für ästhetische Anmut).
Die klassische Philosophie von Bewusstsein oder Erkenntnis bleibt unvollständig, solange sie die Bedeutung der Anmut vernachlässigt oder missversteht. Ästhetisches, das die ganze Geschichte der Vernunft durchglimmt, entbehrt solange einer echten Theorie (welche die bestmögliche Aussprache seine Bestandteile vorgibt), wie die Philosophie noch seine Ursachen oder Bedingungen formuliert, statt sich vorbildlich den Kräften zu verdanken, welche es hervorbringen.
Sowohl Wittgenstein wie Deleuze liefern keine Philosophie der Kunst, sondern die Kunst des Philosophierens. Dieses wird von ihnen mit demselben Elan vorangetrieben wie ein Roman, ein Musikstück oder ein Gemälde und veranschaulicht auf diese Weise, worin Ästhetik besteht. (. . . ist zugl. die Bedeutung e t h i s c h e n Seins: dass eine erst kaum gewahrte, durchdringende Anschauung ausgearbeitet und zu den Formen des Lebens gestellt wird - welches allein so auch zur Liebe fähig wird. - Die künstliche Intelligenz kann nur in bestimmten Ursachen denken oder Gründen, jedoch nie anmutig werden.)

DELEUZES ONTOLOGIE

DELEUZE interessiert sich weniger als die meisten französischen Philosophen seiner Zeit für Sprache, hingegen besonders für Metaphysik. Seine Philosophie ähnelt in dieser Hinsicht der Naturlehre Schellings, z. B. in ihrer Auffassung des Wesens von Begriffen. Unter diesen werden, wenn ich Deleuze richtig lese, keine geistigen Vorlagen verstanden, die der Wirklichkeit gegenüber stehen, denen entsprechend sie ausgelegt wird, sondern eine Mannigfaltigkeit unterschiedlicher Beziehungen oder Muster, welche jede nur denkbare Welt "so gut wie wirklich" in petto hat. Man fühlt sich an den logischen Raum in Wittgensteins Tractatus erinnert. Als höchst konkrete Weisen des Seins bewahrheiten sich dessen Formen bei Deleuze - vermöge besonderer raum-zeitlicher Kraftentfaltungen - in ein gegenständliches, ausgedehntes Hier-und-Jetzt. Die Wirklichkeit materialisiert sich bei Deleuze aus dem Innigsten, welches, nicht verschieden von ihr, aus all ihren Möglichkeiten besteht. Sie werden wahr lt. Deleuze infolge von etwas "Hitzigem", welches vom bloß Ausgedehnten der Wirklichkeit dadurch differiert, dass es z. B. nicht zu- oder abnehmen kann, ohne seine Beschaffenheit zu verändern (vergleichbar Geschwindigkeit, Veränderungsrate oder Durchfluss). Was im Wahrwerden "durchgreift" ähnelt einer Art Feld oder nichtgegenständlicher Wölbung bzw. räumlicher "Formation", welche die Ausdehnung in Raum und Zeit gewährt. Ein verwirklichter Begriff tritt uns dann sichtbar entgegen, indem sein Muster sich - als neuer Zusammenhang - von der alten Umgebung abhebt (unterschiedet). Das Einschneidende entspringt der Bandbreite des Vorstellbaren, "so gut wie Wirklichen"; sie begründet Deleuzes Ontologie des Besonderen. Das neue Verhältnis kommt zur Welt durch "Sonderung" aus dem Innesein des Quasi-Realen - oder: was möglich war, wird wirklich. Seinem Wahrwerden voraus ging dessen Gestalt: damit etwas zur Welt kommen kann, musste es formmäßig zulegen: die Begeisterung greift durch als Gestalt. Diese lebt aus der Spannung zwischen verschiedenen Beziehungsgeflechten oder Begriffen, deren Zusammendenken etwas Praktisches entspringt. Wird dieses dann wahr, steht es weiter im Schatten seiner Gestalt als Sonderung aus der Bandbreite des Quasi-Realen. Diese enthält nach Deleuze mehr Möglichkeiten des Wahrwerdens als die just verwirklichte - ist ein "Körper ohne Organe", wie ein Embryo noch zu Bewegungen fähig, die das Skelett eines Geborenen zerbrechen würden. Deleuzes Ontologie spiegelt begeiin ihrer unbedingten Immanenz jene von Wittgensteins Tractatus. Wie dort sind auch bei Deleuze sinnvolle Gedanken nur als Formen der Wirklichkeit möglich. Trotzdem weist Deleuze Wittgenstein vehement zurück als "Totengräber der Philosophie". Der Grund könnte in der unverträglichen Auffassung der beiden von der "Quelle des Neuen" sein. Obwohl es etwas wirkliche Neues in der immanenten Philosophie eigentlich gar nicht geben kann, da alle Möglichkeiten des Seins der Welt bereits angehören. Der Unterschied zwischen Wittgenstein und Deleuze könnte in der Lokalisierung der Quelle neuer Gestalten liegen: für Deleuze im Denken, für Wittgenstein in der Umgebung. Wittgensteins Vormarsch hat etwas Zen-Buddhistisches, Deleuze ist vergleichsweise Idealist, er sagt "Cogito ergo est" - Wittgenstein dagegen "Est ergo cogito". Ich denke, Deleuze vermutete, dass Wittgenstein, den er nur oberflächlich kannte, die Wirklichkeit als Quelle der Bedeutung für statisch hielt. Doch sie bewegt sich, "denkt" und wir mit ihr.

Deleuze

Gestern bin ich wieder mal in Gilles Deleuze getaucht, eine sehr ergiebiger Philosoph, der es sich und anderen unnötig schwer macht.
Ich habe früher mal Pierre Bourdieus Die Feinen Unterschiede gelesen und seitdem nie vergessen können. Bourdieu analysiert darin hauptsächlich die französische Gesellschaft, wie ich finde, als Weiterung des Hofes von Versailles, der Machtlosigkeit durch Etikette ersetzte. Auch die besten Franzosen sind infolgedessen ständig bedroht vom Gespenst gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit und zögern, sich zu sehr in die Karten schauen lassen. Bei den Intellektuellen zeigt sich das in einem verdrechselten Stil und der Neigung, Kollegen herunterzumachen, die man als Nicht-Franzose nicht so ernst nehmen darf, wenn man Gold schürfen will (z. B. Derrida vs. Levi-Strauss . . .).
Was mir den Zugang zu Deleuze außordentlich erschwerte, war seine ungewöhnlich heftige, von Ekel geprägte Kritik Wittgensteins im Abécédaire, welche mich lange dazu brachte, Deleuzes Philosophie als eine Alternative zu Wittgenstein zu lesen und sie mir dadurch komplett verschloss.
Weiter kommt man, finde ich, wenn man beiden denselben Vormarsch und Deluze unterstellt, dass er Wittgenstein nicht oder - wie Freud den Nietzsche - aufgehört hat zu lesen, da er zuviel Ähnlichkeit witterte.
Starke Parallelen zwischen den Denkern liegen für mich z. B. in dem unbedingten Materialismus, der Ununterscheidbarmachung von Innenwelt und Aussenwelt - dem fließenden Übergang vom Menschen zum Tier, zum Organischen und Anorganischen.
Der Unterschied - zwischen Deleuze und Wittgenstein - betrifft die Rolle des Philosophen, den Wittgenstein als beschreibend, Deleuze als schöperisch versteht. Deleuze sieht die Aufgabe des Philosophen m. a. W. darin, neue Weisen des Zusammenfassens oder Wiederholens zu erfinden, während Wittgenstein meint, solche träten ein ohne Proaktion des Philosophen, dessen Aufgabe dann darin bestehe, ihnen klärend nachzugehen. Wittgenstein ist mit anderen Worten kein Metaphysiker, was Deluze ausdrücklich für sich in Anspruch nimmt.
Imgrunde zeigen sie aber aufs selbe, nur dass Deluze meint, es erfunden zu haben, während Wittgenstein sagt, er habe es "beobachtet". Die Streitfrage dabei: ob unserere Gedanken spontan dem Gemüt oder einem intersubjektiven "Feld" entquellen. Deleuze redet in punkto auch von einer "Immanenzebene", reklamiert dieser gegenüber aber doch eine Art kartesianische Subjektivität (was, finde ich, absurd ist - aber vielleicht verstehe ich ihn auch falsch).
Interessant finde ich die von beiden Denkern nahegebrachte Einbettung des Menschen in die Materie oder "Schöpfung", die ihn auf eine Art "unsterblich" macht (wenn Materie unsterblich ist). Der Mensch ist aus dieser Sicht Episode eines dynamischen "Gebräus", welches das Universum ausmacht sowie unentwegt weiter aus- und umformt.
Es ist klar, dass der Mensch sich darin nicht halten kann, sondern wie die Dinosaurier eines Tages (wahrscheinlich sogar wieder durch einen Meteoriteneinschlag) verschwinden dürfte. Ohne dass dadurch freilich etwas zum Erliegen kommt. Dem man sich nur angeschlossen erleben muss, um Erlösung zu erfahren.
Diesen Anschluss erlebt Deleuze im "Mitmischen" als Erfinder neuer Seinsweisen, während Wittgenstein dem erstaunten Innewerden Vorrang einzuräumen scheint, welches antwortet und sich aufgehoben fühlt im Verstehen und von diesem geleiteten Handeln.