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DAS HAUPTARGUMENT GEGEN DAS CHRISTENTUM . . .

. . . besteht darin, Gottes Existenz ließe sich nicht eindeutig erkennen und ihre Annahme sei unverträglich mit der logischen Zustimmung zu einem überzeugenden Argument.

Wie halten wir’s andererseits unter Menschen?

Erwarten wir beispielsweise von einem Freund, dass er unsere guten Absichten erst dann glaubt, nachdem wir alle Zweifel daran ausgeräumt haben? Entsteht Vertrauen auf Grund von Beweisen?

Ist unser Vorbild Othello, der an die Unschuld seiner inzwischen ermordeten Frau erst glaubt, nachdem sie ihm klar wurde? Muss die Müllerstochter im Märchen im Holzfäller den verkleideten Prinzen erkennen, damit ihm ihr Herz rechtmäßig zufliegt?

Was ist von einer Entscheidung zu halten, zu der man sich durchringt, nachdem alle anderen sie getroffen haben?

Aber wenn ich jemandem irrtümlich glaubte?

Habe ich ihm dann nicht doch ein Kompliment gemacht?

SIND DEKONSTRUKTIVISMUS UND GENDER-THEORIE MODERNDE ERSCHEINUNGEN DES BILDERSTURMS?

Der Bilderstreit geht zurück auf das Alttestament-Verbot, Gott sich leibhaftig vorzustellen. Die Kirche meinte schließlich, Gott könne abgebildet werden: indem er Mensch wurde. Daraus entwickelte sich die Auffassung der Welt als Offenbarung Gottes - einer der letzten Punkte, in dem wirklich alle Christen sich einig waren: Bilder haben ihren Platz in der Kirche, weil Gott sich in dem zeigt, was unsere Sinne erreicht, folglich auch in dessen Wiedergabe.

Ist die Postmoderne, indem sie die Vorstellung von etwas Wirklichem, somit Abbildbaren zersetzt, eine Weiterung des Alten Testaments? Geht beispielsweise die Gender-Theorie zurück auf den Bilderstreit, indem sie einen notwendigen Zusammenhang zwischen Vorstellung und Gegebenheiten bestreitet?

Der sinnlich wahrnehmbare Teil eines Menschen offenbart, sagt die Gender-Theorie, nichts Seelisches. Darin gleicht sie der gnostischen Häresie, welche das Jenseits radikal unterscheidet vom Diesseits und keinen Zusammenhang sieht zwischen den beiden. Weiblichkeit oder Männlichkeit wären demzufolge keine Gegebenheiten, sondern Vorstellungen, also Willenssache. Wissenschaftler, welche den menschlichen Körper betrachten, um Geschlechtsunterschiede festzustellen, sind biologische Essentialisten, eine Form des intellektuellen Faschismus.

Die Postmoderne stellt fest, dass alle Formen gleichwertig sind und daher jede mit demselben Recht in Erscheinung treten kann. Das überkommene Christentum nimmt dagegen an, Gott zeige sich in bestimmten Gegebenheiten oder Verläufen der Welt, die dadurch liturgische Bewandtnis haben. (So wie nicht alle Bewegungen als Tanz qualifizieren, dieser aber trotzdem nicht ohne Bewegungen auskommt).

Man kann die Postmoderne als „neue Gnosis“ bezeichnen: wir sind Geister, unsere Körper zählen nicht, können jederzeit unserem Wollen angepasst werden.

Dies entspricht nicht der christlichen Vorstellung vom Wesen einer Person, die sich eher im Handel mit Reliquien zeigt. Der christliche Heilige muss wie Gott einen Körper gehabt haben und von diesem bestimmt gewesen sein.

Freilich lässt sich jeder Ausschnitt der Welt in unendlich verschiedener Weise deuten. Was je vorherrscht, gibt immer weitere Möglichkeiten ein. Der Zweck bestimmt die Bedeutung. Bricht ein Feuer aus in meiner Wohnung, welche Gegenstände versuche ich zu retten? Deren Bewandtnis entsteht erst durch die Flammen.

Nicht wenige postmoderne Autoren blicken zurück auf eine Abrichtung als Mediävisten und waren daher vertraut mit der mittelalterlichen Angewohnheit, Bibelstellen vielfältig auszulegen = wie diese einerseits nur Voraussetzungen beschreiben, andererseits engelhaft sind, dann wieder eine gesellschaftliche oder persönliche Bewandtnis haben usf. In jeden dieser verschiedenen Bereiche entfaltet sich das Gefüge des Textes in besonderer Weise. Die Postmoderne stellt diese Vielfalt der Bedeutungen heraus, sieht aber ab Sinn ihrer Anwendung.

Wenn wir etwas sagen, ist damit immer auch sein Gegenteil verworfen - und dadurch impliziert. Derrida vor allem hebt das mit jeder Äußerung Unausgesprochene hervor, welches er auf das Niveau des Gesagten hebt. Wodurch die Grenzbestimmung zu dem wird, was sie einfasst, und letzteres wiederum zu dessen Umriss. In derselben Weise lässt sich im Übrigen jeder Text Derridas abbauen; er besagt dann das genaue Gegenteil seiner Oberfläche, holt das Überkommene wieder ins Sein = der post-post-moderne Vormarsch vor allen der heutigen Internet-Clowns.

Korintherbrief

"Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, daß er die Weisen zu Schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, daß er zu Schanden mache, was stark ist". Paulus

WISST IHR NICHT, DASS EURE LEIBER GLIEDER CHRISTI SIND?

. . . schreibt Paulus im Ersten Korintherbrief - eine bemerkenswerte Feststellung, denn Glieder sind nicht Mitglieder, keines gleicht dem anderen. Jeder Mensch ist - als "Glied Christi" - also unersetzlich, nicht kraft seiner Individualität, sondern als Bestandteil von etwas Größerem, dem sonst seine Vollkommenheit abgehen würde. Wir Menschen wären dann gleich kraft unseres Beitrags, nicht aber vom Wesen her.

GLAUBST DU AN GOTT?


Fast alle Leute, welche diese Frage stellen, hängen einer Art Yeti-Theorie an: dass Gläubige auf die Existenz eines Wesens bauen, das noch kein Mensch gesehen hat. Und Atheisten signalisieren dann sogar, wenn man ihnen dieses Wesen zeigen würde, "die Fußabdrücke" würden ihnen reichen, könnten sie es sich mit ihrem Unglauben nochmal überlegen.

Mir kommt die Existenz eines Yeti-Gottes wenig wahrscheinlich, irgendwie auch absurd vor. Die einzige Gottes-Vorstellung, die mir etwas sagen könnte, wäre die des Schöpfers von allem, des Seienden schlechthin. Gott wäre, solcherart gedacht, ein "lauter Nichts". Wie kann man ihn dann aber erfahren? Ich denke mal, durch Innerwerdung der Beschränktheit des Seinden: indem man sich wundert, dass es so gekommen ist, wie es kam, wo's doch auch ganz anders hätte kommen können.

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Da wir nicht wissen wann wir sterben werden, sehen wir das Leben wie einen unerschöpflichen Brunnen. Und doch geschieht alles nur wenige Male. Unsere Erlebnisse wiederholen sich nur sehr selten. Wie oft noch wirst du dich an einen Nachmittag in deiner Kindheit erinnern? Einen Nachmittag, der sich so tief in dein Wesen eingeprägt hat, das du dir dein Leben ohne ihn nicht einmal vorstellen kannst. Vielleicht wirst du dich noch vier oder fünfmal an ihn erinnern. Vielleicht nicht einmal so oft. Wie oft wirst du den Vollmond noch aufgehen sehen? Vielleicht noch zwanzig mal. Und doch ist alles unendlich.

P. Bowles HIMMEL ÜBER DER WÜSTE

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Der vollkommenste Tag der Welt
Es war gegen Ende meiner Landstreichertage, wenn man mich fragte, in welchem Jahr, welchem Monat, an welchem Nachmittag, ich wüsste keine Antwort. Ich kann nur sagen, dass es der vollkommenste Tag der Welt war, und dass ich ihn deswegen im Gedächtnis bewahrt habe, jenseits von Zeit und Wirklichkeit. Jeder Mensch hält so einen Tag in Ehren, in den er sich zurückziehen kann, wenn die Jahre verzweifelter werden. Für jeden ist es ein anderer Tag. Für manchen ist es die Erinnerung an eine Frau, oder an eine verklingende Melodie, oder an die glückstrunkene Nacht an einem Casino-Tisch im flüchtigen Wahn, das Spiel des Lebens gewonnen zu haben.

Auch gehört der vollkommenste Tag nur einen selbst. Wer einem Gesellschaft dabei leistete, wird sich nie in derselben Weise erinnern; wenn er sich überhaupt an etwas erinnert. Es ist ein Tag, der ausschließlich einem selbst gehört. So denke ich an meinen eigenen Tag. Ich erinnere mich nicht mehr meiner Begleiter, wenn ich damals überhaupt ihre Namen wusste. Ich erinnere mich nur, dass wir zu viert waren. Von all den Städten und Bahnhöfen dieser Jahre waren wir irgendwo in Kansas, im Weizen. War’s in Norton, war’s in – nein, ich glaube, es muss in Philippsburg gewesen sein. Wie wir schwärmende Herbstvögeln zusammengekommen waren, weiß ich nicht mehr. Es war ein zufälliges Treffen unter dem Wasserturm eines Verlade-Bahnsteigs an einem vollkommen verschwendeten Tag.

Die Stadt war klein genug, um uns gleichgültig zu sein. Von etwas Kleingeld hatten wir Trauben-Sprudel aus der Fabrik ebendieser Stadt gekauft. Wir tranken ihn langsam, genüsslich, und fanden es großartig, im Schatten eines Wassertanks ausgestreckt auf den unebenen Planken des Verlade-Bahnsteigs zu dösen. Ich weiß nicht, ob wir nach Osten oder Westen unterwegs waren oder von welchem Zug wir gesprungen waren, oder worauf wir warteten. Wir waren einfach da, Wandervögel, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, ohne Begehr.

Wir räkelten uns in der Makellosigkeit unserer Jugend und Gesundheit, rußig vom Lokomotivenrauch, geschwärzt von der Sonne vieltausender Meilen. Wir lachten, spannten aus, und die Welt konnte auf uns warten. Die Welt kann immer auf einen warten, wenn man jung ist. Es schickte sich damals nicht, jemand zu fragen, woher er kam und wohin er wollte. Meistens wollte er nirgendwo hin, egal wie weit oder wie schnell er bis jetzt gereist war. Was ihn umtrieb, ging niemanden etwas an; er hätte ein Dieb sein können, ein Revolverheld oder einfach nur vom Pech verfolgt. In den nächsten 48 Stunden mochte er unter einen Zug fallen und sterben, oder das Gesetz wartete hinter dem Horizont auf das Ende seiner Glückssträhne.

Nein, es gab keinen Grund für irgendeinen von uns, sich zu beeilen. Es gab wichtigeres. Auf den unebenen Planken, auf denen wir palaverten und dösten, waren wir in Abrahams Schoß. Unterschwellig spürten wir, glaube ich, dass wir dem Zeitfluss entronnen waren, heimlich, unbemerkt. Es war Frühherbst, die Hitze nicht mehr drückend. Wir tranken den Sprudel - eine Flasche nach der anderen - wie Ambrosia, die Welt vergessend.

Ich war die Nacht zuvor auf einem Lokomotiven-Tender gefahren – mindestens das fällt mir ein, indem ich mich anstrenge -, und der Junge, der jetzt neben mir saß, war über das Dach des schnellen Zuges herangekrochen, um mir Gesellschaft zu leisten. Als ich ihn hinunterklettern sah, war ich vor Angst ins Schwitzen geraten. Ich war zu groß für solche Kunststücke an einem schlingernden Zug. Er war der einzige Mensch, den ich je mit solchem Schneid und solcher Wendigkeit, buchstäblich im Tanz mit dem Tode die Trittleiter eines rasenden Zuges hinaufwirbeln sah. Er war einer der vollkommensten Gleichgewichtskünstler, den ich je erblickt hatte, und ich dachte mir, er würde einen sehr guten Leichtgewichtskämpfer abgeben.

Dann war da ein Indianer, Mexikaner wäre vielleicht das bessere Wort, nur dass er wie jemand aussah, der mit Geronimo geritten sein konnte. Ein ganz und gar wildes Gesicht, das durch irgendeine genetische Laune aus der Eiszeit zu uns gekommen war. Er hätte einer von Attilas Männern oder mit den ersten Jägern über die Landbrücke nach Amerika gezogen sein können . . .

Loren Eiseley ALL THE STANGE HOURS

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Apus Gedanken kehrten zurück zu jenem längst vergangenen Sommertag: Er und seine Schwester hatten im Freien nach einem Kälbchen gesucht, und sie waren weiter gegangen, um die Eisenbahn zu sehen. Sie waren gerannt, dass sie ganz außer Atem gerieten. Wie andres damals alles ausgeschaut hatte.

Die Bäume entlang der Gleise von Asharu nach Durgapur waren inzwischen gewichen, mit dem Horizont verschmolzen. Apu sah, wie der Bahndamm sich vom fernen Dorf über die Shonadanga-Ebene ihm entgegen schlängelte. Bei der Kurve nach Nishchindipur erblickte er den Rosenapfelbaum, den er so gut kannte, und darunter stand, ihrem Zuge nachschauend, seine Schwester, bleich und traurig.

Sie hatten sie nicht mitgenommen; sie fuhren weg und ließen sie zurück. Obwohl sie jetzt schon lange tot war, fühlte sich Apu ihr nahe - an jedem Ort, an dem sie zusammen gewesen waren: am Fluss, im Bambushain oder unter dem Mangobaum. Jede Ecke ihres verfallenen alten Haus in Nishchindipur atmete ihr liebes, unsichtbares Wesen. Und jetzt würde er für immer von dort wegfahren.
Er wusste, dass niemand sonst Durga wirklich geliebt hatte, niemand, nicht einmal seine Mutter. Niemandem sonst tat es leid, dass sie zurückgelassen wurde.

Da durchzog sein Herz etwas Seltsames. Es war weder Kummer noch Einsamkeit. Er wusste nicht, was es war. Es bestand aus allem möglichen Gefühlen, so vielen Erinnerungen, die ihn durchströmten: Aturi die Hexe – die Treppe hinunter zum Fluss – der Pfad unter dem Chalta-Baum – Ranu – die Spiele, die er nachmittags spielte – die Spiele, die er mittags spielte – Potu – Durgas Gesicht und all die Dinge, nach denen sie sich sehnte, und die sie niemals bekommen hatte…

Und da stand sie immer noch und schaute.

Die Worte seines Herzens ergossen sich in Tränen, immer und immer wieder versuchte er, ihr etwas zu sagen: „Ich geh’ nicht wirklich weg, Didi… ich hab’ Dich nicht vergessen… es ist nicht so, dass ich dich verlassen will… sie nehmen mich fort von hier!“

Und das stimmte, er hatte sie nicht vergessen und würde sie nie vergessen.
Später in seinem Leben, als er den Erdball so gut kennen lernte, seinen Gürtel aus Wasser und seine Zöpfe aus Blau, als sein Körper erbebte von der Geschwindigkeit der Bewegung – wenn von einem Schiffsdeck aus die überirdische Schönheit des blauen Himmels von einem Augenblick zum nächsten neu aufleuchtete, wenn die azurnen Hänge eines weinrebenverzierten Berges in die Ferne hinter die fahle Grenze des Meer-Horizontes verschwanden, wenn der süße Sirenengesang ferner Ufer, kaum zu erkennen durch Nebelhüllen, seine Ohren erreichte wie Götterrauschen – in solchen Momenten kehrten seine Erinnerungen zurück in eine stürmische Mosunnacht, in den dunklen Raum eines alten Hauses, zum unerbittlichen Regenrommeln, als die Tochter einer armen Dorf-Familie zu ihm aufsah von ihrem Totenbett und fragte „Apu, wenn ich wieder gesund bin, zeigst du mir dann die Eisenbahn?“

Die Signale des Bahnhofs von Majherpara wurden blasser und kleiner in der Ferne; schließlich konnte er sie nicht mehr sehen.

Bibhutibhushan Bandopadhyay PATHER PANCHALI

Bibel-Stellen

ATHEISMUS HIN ATHEISMUS HER . . . . . . es gibt in der Bibel Texte, schafft kein anderes Buch: Wo soll ich hin gehen vor deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mich in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken! so muß die Nacht auch Licht um mich sein. Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht. Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleib. Ich danke dir dafür, daß ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und das erkennt meine Seele wohl. Es war dir mein Gebein nicht verhohlen, da ich im Verborgenen gemacht ward, da ich gebildet ward unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und alle Tage waren auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, als derselben keiner da war . . . PSALM 139 "Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzen Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. Denn die Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben. Ich kann alle meine Gebeine zählen; aber sie schauen und sehen ihre Lust an mir. Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand. - Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Errette meine Seele vom Schwert, meine einsame von den Hunden! Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und errette mich von den Einhörnern!" PSALM 22 Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir's, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat? Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt, als mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessöhne? HIOB 38 "Deshalb sage ich: Alle Sünden können den Menschen vergeben werden, selbst die Gotteslästerungen, die sie aussprechen. Wer aber den Heiligen Geist lästert, wird keine Vergebung finden. Wer etwas gegen den Menschensohn sagt, dem kann vergeben werden. Wer aber gegen den Heiligen Geist redet, dem wird nicht vergeben werden, weder in dieser Welt noch in der kommenden." MATTHÄUS 12 Ich habe nur gehört, der Koran sollte Texte von ähnlicher Anmut haben und seinen Reiz vor allem diesen verdanken. Gelesen habe ich sie aber noch nicht.

Islam als identitärer Ethos

Wenn ich Länder besuche, in denen die Bevölkerung mehrheitlich muslimisch ist, fühle ich mich schon in einem anderen Kulturkreis. Ich bin immer gerne gereist, auch gerne in die islamisch geprägten Länder. Es geht dort für mich emotionaler zu als in meiner Heimat, menschlich näher. Ich empfinde den Islam zutiefst anderes als das Christentum. Der Unterschied kommt für mich am sichtbarsten heraus in den Sakralbauten: Moschee und Kathedrale. Eine Moschee imitiert die Himmelswölbung, eine Kathedrale will den Himmel erst noch erreichen, in dessen Richtung sie ausgreift. Das sind zwei Geisteshaltung, die nicht so leicht gemeinsamen Grund finden. Ich glaube nicht an die innere Überlegenheit einer Kultur gegenüber einer anderen, kann aber auch nicht sehen, wie aus ihrer Vermischung etwas Neues entstünde, außer höherer Reizbarkeit (die Neuköllner sind nach meiner Beobachtung reizbarer als andere Berliner, egal welcher Gruppe sie angehören). Christlich oder islamisch geprägte Menschen halten es da am besten nebeneinander aus, wo Gruppenzugehörigkeit keine besondere Rolle spielt, in einem System, das Über-Wert bereithält, dem sich alle anschließen können. Unser gegenwärtiges System aber, das patriarchalisch-kapitalistische, zerfällt. An seiner Stelle macht sich immer mehr breit der Pluralismus, der vor allem in der "identitären Bewegung" lebt: Man bezieht seinen Wert aus der gesellschaftlichen Minderheit, der man angehört, sei diese nun religiöser, sexueller oder ethnischer Natur. Die Einengung der Loyalität auf kleinere Gruppen bedroht momentan sogar den Zusammenhalt der EU. Selbst die globalen Superreichen, wenn man sie fragt, fühlen sich als Minderheit. Sind sie etwa keine? Solange wir keinen neuen Mythos finden, der die "Identitäten" einbindet, dürften diese in immer kleinere Einheiten zu zerfallen. Bis sie beim einzelnen angekommen sind. Was hat das ganze mit dem Islam zu tun? In seiner heutigen Form ist er Teil, finde ich, des identitären Ethos, also ein Zerfallsprodukt der patriarchalen Ordnung. Etwa nicht?

Psalm 22

Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzen Wachs.  Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. Denn die Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben. Ich kann alle meine Gebeine zählen; aber sie schauen und sehen ihre Lust an mir. Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand. 
 Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Errette meine Seele vom Schwert, meine einsame von den Hunden!  Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und errette mich von den Einhörnern! 

Also sprach Zarathustra

- so liege ich,
 Biege mich, winde mich, gequält
 Von allen ewigen Martern,
 Getroffen Von Dir, grausamster Jäger,
 Du unbekannter - Gott!

Hiob 42.5

Ich hatte von dir mit den Ohren gehört; aber nun hat dich mein Auge gesehen.

Selbstfindung . . .

. . . ist ja eines der Haupt-Themen fiktionaler Geschichten. Ich bin, was dies betrifft, im Kielwasser einer ambitionierten Manga-Serie neulich auf "Kierkegaard" gestoßen und erachte inzwischen den Einstieg zu seinem Ratgeber "Die Krankheit zum Tode" nicht unfruchtbar für Autoren. Wer möchte, kann den Text in deutscher Übersetzung unter dem schließlich zitierten Link nachlesen. Er ist nur sehr verschraubt, weswegen ich hier eine für Autoren gemeinte Deutung hinschiebe, die hoffentlich nicht zu viele Fehler enthält.
Kierkegaard beschreibt den Menschen als Spannungsfeld zwischen unversöhnlichen Momenten wie z. B. Endlichkeit | Unendlichkeit - Zeitlichkeit | Ewigkeit - Notwendigkeit | Freiheit - also: Körper | Seele. Er deutet dies Zerwürfnis als eine verzweifelte Lage, welche das Menschsein von Anfang an ausmacht.
Dieser Verzweiflung kann der Mensch entgehen durch die Entwicklung eines Selbsts.
Dies kann auf dreierlei Art misslingen.
1 - durch Nicht-Innewerdung der inneren Spannung infolge von Zeitvertreib intellektueller oder spielerischer Natur. Blaise Pascal führt als Beispiele für diese Ablenkungen "Tennisspielen" und "Mathematik" an, was ich hier zitiere, weil ich es lustig finde. "Tennisspielen" kann man durch alles ersetzten, was heute unter den Begriff "fun" fällt (Gefühls-Rhetorik . . .) - "Mathematik" würde ich ins Heute übersetzen durch "Algorithmus", "künstliche Intelligenz | VR" und "Wo ist das Problem?"-Mentalität. - Kierkegaard hält offenbar diese Art der Verzweiflung, die gar nicht weiß, dass sie verzweifelt ist, für die hoffnungsloseste (potentiell letalste).
2 - durch "Magersucht": indem ein Spannungs-Pol dem anderen geopfert wird. Damit sind z. B. asketische Bestrebungen gemeint, auf der Kehrseite hedonistische - religiöse Unerbittlichkeit vs. hysterischer Atheismus usf. Die Spannung soll dadurch aus dem Menschsein retuschiert werden, dass eine der sie bedingenden Kräfte niedergewollt wird (um meist in verkrüppelter Form - Tatoos bei Atheisten, Drogen- oder Sex-Exzesse bei Fundamentalisten, Bulimie usf. - wieder aufzutauchen).
3 - durch Überschätzung: indem man versucht, ein "selbstbestimmtes" Leben zu führen und reklamiert, die Widersprüche im Wesen des menschlichen Seins eigenmächtig eingebunden zu haben (was nach Kierkegaard bis heute noch niemandem gelang).
Entsprechend die üblichen Ausgangspunkte von "Selbstwerdungs"-Geschichten: Verzweiflung bricht durch, die Hauptfigur verliert ihr bisheriges Leben; aber irgendwie ist es auch kein richtiger Verlust, weil damit die Chance sich eröffnet, etwas Wertvolles zu finden: das "wahre Selbst".
Wie hat man sich solches Finden vorzustellen?
Bei Kierkegaard spielt zu diesem Punkt das "Andere" herein, traditionellerweise als "Gott" interpretiert, ein Wort, das bei Kierkegaard freilich niemals fällt. Er stellt nur fest, kein Mensch wisse, sich aus eigenen Kräften aus dem nativen Widerspruch zu verhelfen, dem sein Wesen entspringt, sondern müsse sich dafür etwas widmen, das mehr sei, als er alleine, und eingebunden würde durch sein solcherart entstehendes "Selbst".
". . . ein Selbst" , schreibt Kierkgegaard, "muss entweder sich selbst gesetzt haben oder durch ein anderes gesetzt sein." Da wir als Menschen aber jene Bedürfnisse, welche uns ausmachen - körperliche sowie geistige - nicht zeitgleich ausdrücken können, nicht simultan völlig bei der Sache und völlig abgehoben sein können, können wir auch das, was unsere widerstreitenden Momente versöhnte, nicht von uns aus "gesetzt" haben. Sonst würde es ja bereits leisten, was uns Menschen abgeht. Vielmehr muss es "durch ein anderes gesetzt sein".
Kierkegaard fasst zusammen: "Dies ist nämlich die Formel, die den Zustand des Selbst beschreibt, wenn die Verzweiflung ganz beseitigt ist: Indem es sich zu sich selbst verhält und indem es es selbst sein will, gründet das Selbst durchsichtig in der Macht, die es setzte."
"Durchsichtig" meint wohl etwas wie "an der Nasenspitze anzusehen" = diejenige Person hat sich selbst oder ihr Selbst gefunden, deren Leben von einer Sache erfüllt ist, die sich in allen wichtigen Aspekten ihres Tuns und Sterbens ("durchsichtig") mitteilt und nichts Menschliches dabei auslässt oder unterdrückt.
Was für eine "Sache" kann das sein?
Im Falle Dantes ist es z. B. "Beatrice" (wie sie in rührender Form als "Jenny" in Forrest Gump zurückkehrt) - der Tanz in Billy Elliot - Hollys Freundschaft zu Harry in Der dritte Mann - die Krone in Macbeth - die Literaturwissenschaften in Stoner usf.
Wie aber hebt die Hinwendung zu einer Sache die einen Menschen sonst zerreißende Spannung auf sowie die kraft ihrer schwelende Verzweiflung? Zu diesem Zweck müsste sie gewiß die nativ widespenstigen Momente des Menschseins integrieren.
Dies geschieht nach Kierkegaard z. B. durch die Stiftung von "Identität", in welcher sich Zeit und Ewigkeit versöhnen. Was sich von einem Menschen hält, ihn "in Ewigkeit" ausmacht, entspringt den vergänglich Spuren, die er - im Dienste seiner Sache - im Hier und Jetzt hinterließ. Ein Mensch wird unverwechselbar ("ewig") als Summe seiner ("vergänglichen") Taten . . .
Endlichkeit und Unendlichkeit als Aspekte der Welt werden dadurch versöhnt, dass ein engagierter Mensch mit allem etwas anfangen kann, das ihm begegnet - und je begegnen wird! Denn im Hinblick auf seine Sache hat es immer Bedeutung, in dem Maße beispielsweise wie es diese konturiert, fördert oder behindert. Indem ich weiß, was wahr werden soll (Endlichkeit), hat es mit allem, was mir je begegnet (Undendlichkeit), bereits etwas auf sich.
Die Versöhnung von Notwendigkeit oder Faktizität und Freiheit liegt in der Schaffung neuer Handlungsmöglichkeiten infolge zunehmender Identität. Nur wer einen bestimmten Weg einschlug, gelangt an neue Gabelungen.
Ein wesentliches Erkennungsmerkmal aber für die "Sache", die einen Menschen zum Selbst verhilft, ist für Kierkegaard offenbar das Gefühl der Angst, die durch das implizite Tun, in einem ausgelöst wird . . .
Soweit meine zusammenfassende Deutung einiger Gedanken Kierkegaards. Sie könnten sich als nützlich erweisen, wo sich für einen Autor der Eindruck verfestigt, es in erster Linie mit einer verzweifelten Hauptfigur zu tun zu haben, die uneigentliche Ziele verfolgt.

Kain und Abel

 Adam schlief mit seiner Frau Eva, und sie wurde schwanger, gebar den Kain. "Gott" sagte sie, "hat mir einen Sohn geschenkt." Sie fuhr fort und gebar den Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schäfer, Kain Ackerbauer. Nach einiger Zeit opferte Kain ein paar Feldfrüchte, Abel brachte Gott Lämmer seiner Herde, obendrein Fett. Gott gefiel, was ihm Abel hergab, weniger das Opfer seines Bruders. Das erbitterte Kain; er verstellte sich aber. Gott sprach: "Warum tust du so, als ob du nicht wütend bist? Warum machst du uns etwas vor? Sei guten Mutes, und du nimmst für dich ein, haderst du jedoch, wirst du ein Verbrechen begehen. Reiß dich zusammen." Kain aber beredete seinen Bruder Abel. Als sie danach auf dem Feld waren, zettelte er einen Streit an und schlug ihn tot. Da sprach Gott zu Kain: "Wo ist dein Bruder Abel?" Kain antwortete: "Was fragst du mich? Bin ich sein Kindermädchen?" Gott aber sprach: "Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Verflucht sollst du sein auf ihr, die ihr Maul auftat und deines Bruders Blut von deinen Händen empfing. Wenn du deine Felder bestellst, sollen sie nichts hergeben. Ruhelos und flüchtig sollst du sein auf Erden." Kain antwortete: "Mir kann nicht vergeben werden, meine Sünde ist zu groß. Du vertreibst mich, ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen, muß unstet und flüchtig sein auf Erden. Zum Schluß wird mich irgendwer totschlagen." Aber der Gott sprach zu ihm: "Nein; denn wer Kain totschlägt, kriegt es siebenfach heimgezahlt." Und Gott brannte Kain ein Zeichen in die Stirn, damit sich keiner traute, ihn zu erschlagen. Also ging Kain Gott aus den Augen und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden. Die moralische Pointe finde ich in der Aufforderung Gottes an Kain, damit aufzuhören, sich zu verstellen. Er macht eine zu große Sache daraus, diesmal verloren zu haben. Es ist seine wütende Ungeduld, die ihn zu Fall bringt. Und natürlich identifiziert sich jeder, der die Geschichte liest, mit ihm. Das ganze könnte z. B. auch eine hervorragende Backstory für ein Drama sein, beginnt mit dem Auftauchen eines Fremden "Jenseits von Enden", der ein geheimnisvolles Tatoo auf der Stirn trägt . . .

Burka

Ich bin nicht dafür, hier allzuviel zu verbieten, würde nur die Erkennbarkeit des menschlichen Gesichtes im öffentlichen Raum vorschreiben. Alles andere muss man zulassen, wenn man selber in Ruhe gelassen werden möchte.
Die demonstrative Körperverhüllung als Geste, ausgeübt von egal welcher Religion, möchte ich mit anderen Worten nicht verbieten, schätze aber auch nicht deren Anmut (oder "Ab"mut), da ich die Zurückdrängung des Leibes für eine Form der Verzweiflung, sogar "Sünde" halte, mit der jede Person, die sie begeht, uns als Menschheit herabzieht und für die sie - in einem höherem Sinn - auch einmal "zur Rechenschaft gezogen" werden könnte.
Ich habe mit anderen Worten, so absurd es sich auf Anhieb anhört, "religiöse" Bedenken. Wie ich ja etwa auch glaube, dass die Magersucht keine psychologische Wurzeln hat, sondern versucht, eine existentielle Herausforderung durch Ausblendung des Leibes zu lösen.
Worin besteht die "existentielle Herausforderung"? In der Unversöhnlichkeit von "Körper und Geist", der Tatsache, dass wir als Menschen ausgelegt sind aufs Immerwährende und doch sterben müssen.
Die asketische Antwort auf dieses Dilemma besteht in der Behauptung: "Ich habe keinen Körper" (kann deswegen also auch nicht sterben). Viele Religionen und Philosophien ermutigen diesen Weg der "Entwerdung", der aber nicht gelingen kann und, wo er Erfolg zu haben scheint, etwas Unmenschliches (Skelettartiges) versprüht.
Von hier kommen meine Bedenken, auch mein Widerwille gegen jede Handhabung des Körpers, die ihn nicht herausstellen, sondern zum Verschwinden bringen soll. Es liegt - für mich - darin etwas Unanständiges, Vermessenes, vom "Willen des Schöpfers" Abgefallenes.
Beheben kann man dergleichen "Sünde" nicht durch Regeln mit Strafen menschlicher Gesetzgebung, sondern nur durch die Geduld, die nötig ist gegenüber seelisch Erkrankten, Verständnis für ihr Dilemma und ein vorsichtiges Zeigen des Ausweges.

Religion


Mein Alter bringt es mit sich, dass der ein oder andere von uns inzwischen stirbt oder sich dem Tode nähert. "Die Einschläge rücken näher", wie einer meiner Freunde neulich sagte.
Es kommt angesichts solcher Situationen zu keinen religiösen Erweckungserlebnissen, aber man beschäftigt sich doch mit anderen Fragen als denen der unmittelbaren Zukunft im Getriebe der Welt.
Žižek, Haupt-Ideen-Geber der Moderne, bezieht sich ja z. B. deutlich auf den heiligen Paulus, nicht kritisch, sondern als Deutungsquelle. In Wirklichkeit ist das gesamte Menschenbild der Moderne ein vollkommen christliches, was wir dann merken, wenn andere Religionen und deren Bäuche wie im Moment an uns herantreten.
Das besondere des Christentums, das es von allen anderen Religionen unterscheidet, ist die Menschwerdung Gottes. Worin sich die Vorstellung ausdrückt, menschliches Sein hinge weniger vom Zufall ab, sondern ist die Bedingung für das Gutsein höchsten Wollens. Gott wird aufgefasst wie ein Künstler, und der Mensch bleibt aufgerufen, es ihm gleichzutun: sich - Kraft seines Lebens und dessen Produkten - wahr zu machen, kundzutun.
Die Kirche war deswegen immer eine Förderin der Künste, und viele auch modernste Künstler haben einen Bezug oder stiften eine quasi-religiöse Anmut (man denke etwa - neulich wieder - an Christo oder die geheimnisvollen Land-Stellen Walter de Marias, des womöglich bedeutendsten Künstlers der Neuzeit).
Der christliche Grundgedanke, dass jeder Mensch zählt, musste sich unentwegt den gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen - aus dem römischen Reich ins Mittelalter bis an die Schwelle der Neuzeit. Das Christentum von Bauern hatte andere Formen und Bedürfnisse als das von Stadtbewohnern. Man versteht z. B. Figuren wie den hl. Franziskus, einen Veteranen blutiger Kriege, der einen Hippie-Orden gründete als Auffangbecken für romantische Intellektuelle (darunter viele Juristen) besser, wenn man die darin liegende Antwort auf ein "neues Computerzeitalter" nachvollzieht, von dem die Menschen sich seinerzeit - Halt suchend - überwältigt fühlten angesichts überall hochschießender Städte.
Das Christentum trat offiziell zurück mit dem Beginn der Neuzeit. Diese unterscheidet sich von den Epochen davor, indem ihr Betrieb mehr Sonnenlicht verbraucht als täglich eingefangen wird, also auf fossilen Brennstoffen beruht. Da deren zufällige Besitzer von den Nachfahren der Christen für die Herausgabe Geld erhielten, anstatt ihre Schätze abgenommen zu bekommen, wurden sie reich - dadurch stilbildend, auch in religiöser Hinsicht, was eine "Renaissance" des Islam zur Folge hatte.
Der Islam nimmt die Vorstellung der Christen, Gott sei auf Erden sterblich gewesen, zurück und orndet den Menschen wieder Gott unter, der nicht durch ihn ist oder sich in ihm wiedererkennt, sondern unbeteiligter bleibt als noch der dreifaltige Gott der Christen.
Man kann heute, wie gesagt, kaum mehr über einen christlichen Gott reden, mehr über eine "Gottesfunktion" oder ein quasi-religiöses Verständnis, wie es in den "Menschenrechten" zum Ausdruck kommt. Trotzdem ist die religiöse Anmut, der Wunsch nach Bekenntnis und deren Sinnbildern nicht verschwunden, lebt z. B. in Tätowierungen, Burkinis u. ä. m.
Interessant wäre, ob es dem heiligen Geist der Christen nochmal gelingt, einen überzeugenden Vormarsch zu entwickeln, der es uns heute leichter macht, "zu leben und zu sterben", ein große Geste mit globalen Symbolen (Gebäuden) und Praktiken.
Deren Parallele wäre ev. eine Kunst, die den Globus zum Gegenstand hat - "Welt"-Kunst eben, aber nicht in Gestalt "ethnischer Vielfalt" (Tourismus . . .), sondern beispielsweise Öltanker, Bohrtürme, Facebook und deren Weiterungen gegenständlich oder imaginativ verarbeitend.

Missionare

Meine eigentliche Familie scheint die katholische Kirche. Zufällig war ich in dem Alter, das uns den Stempel aufdrückt, in ihren Fängen. Danach gibt es kein Verändern, kein wirkliches. Ich respektiere und begrüße ähnliche Tendenzen bei allen anderen Religionen, selbst jener des Konsums, wenn nur genügend Innigkeit im Spiel ist. Welche der Skeptizismus nie aufzubringen im Stande scheint; er bleibt - schließlich - "verkopft". Als ich noch mehr durch die Welt reiste, fühlte ich mich stets heimisch in einer der kath. Kirchen, die des doch fast überall gibt, sogar im tiefsten Buddha-Land. Ich erinnere mich bis heute mit viel Rührung an eine Messe, in deren Rahmen ein Willkommenslied für mich, den Besucher aus der Ferne, gesungen wurde. Heute finde ich die Botschaft am herausfordernsten in manchen Filme Südkoreas (etwa des Katholiken Kim Ki-duk). Eine abenteuerliche Geschichte aus dem Umfeld der Missionare erfuhr ich einst auf Sao Tomé, einem Inselstaat im Golf von Guinea. Dort missionierte Bruder Elias, eine zottelige Hippie-Erscheinung, im Auftrag des Vatikans. Singend folgten die Bewohner seinem Kreuz durch stockfleckige Dorfgassen. Das Eiland gehörte praktisch einem südafrikanischen Waffenhändler, Sohn deutscher Missionare, die wie Elias einst in Indien zu schaffen hatten. Der Mann schürfte im Auftrag der angolanischen Rebellen nach Diamanten und hatte die Insel als Fluchtpunkt für seine Unternehmungen ausgebaut. Mit den Gewinnen betrieb er laut Elias eine Hotelanalge in Wyoming. Beschwingt von südafrikanischem Wein im feuchten Tropenklima, schwangen sich die Geschichten in immer unwahrscheinlichere Höhen. Konnte es stimmen, dass lauter katholische Philippinos engagiert worden waren, um die Planierraupen in Schuss zu halten, welche den Diamanten auf der Spur waren? Wenn ich mich umschaute, sah die menschenleere Holz-Bungalow-Hotelanlage unter Palmen, in der wir den Abend ausklingen ließen, tatsächlich aus wie ein philippinisches Dorf. Und später auf dem Mini-Flugplatz traf ich sogar einige ihrer Erbauer. Der Waffenhändler stand, wie's schien, auf guten Fuß mit dem Missionar. Nicht zum Segen seiner finsteren Geschäfte, sondern in Bezug auf seine Rettung, die bei Katholiken immer möglich bleibt. Man macht sich gern drüber lustig, über Menschen, die auf dem Sterbebett sich mit einer Generalbeichte den Weg ins Himmelreich bahnen. Aber die Wahrheit kommt, je länger man ihr aus dem Weg ging, desto schwieriger über die Lippen, egal wie lange man danach noch zu leben hat - wenn man glaubt, dass es sie gibt. Wer es aber nicht glaubt, dem fehlt schließlich die Kraft, einen davon, nämlich von "nichts", zu überzeugen.

Gott hat sich nach den bekannten imaginierten sechs Schöpfungstagen keineswegs zur Ruhe begeben

»Wenn man die Leute reden hört,« sagte Goethe, »so sollte man fast glauben, sie seien der Meinung, Gott habe sich seit jener alten Zeit ganz in die Stille zurückgezogen, und der Mensch wäre jetzt ganz auf eigene Füße gestellt und müsse sehen, wie er ohne Gott und sein tägliches unsichtbares Anhauchen zurechtkomme. In religiösen und moralischen Dingen gibt man noch allenfalls eine göttliche Einwirkung zu, allein in Dingen der Wissenschaft und Künste glaubt man, es sei lauter Irdisches und nichts weiter als ein Produkt rein menschlicher Kräfte.
Versuche es aber doch nur einer und bringe mit menschlichem Wollen und menschlichen Kräften etwas hervor, das den Schöpfungen, die den Namen Mozart, Raffael oder Shakespeare tragen, sich an die Seite setzen lasse. Ich weiß recht wohl, daß diese drei Edlen keineswegs die einzigen sind, und daß in allen Gebieten der Kunst eine Unzahl trefflicher Geister gewirkt hat, die vollkommen so Gutes hervorgebracht als jene Genannten. Allein, waren sie so groß als jene, so überragten sie die gewöhnliche Menschennatur in eben dem Verhältnis und waren ebenso gottbegabt als jene.
Und überhaupt, was ist es und was soll es? – Gott hat sich nach den bekannten imaginierten sechs Schöpfungstagen keineswegs zur Ruhe begeben, vielmehr ist er noch fortwährend wirksam wie am ersten. Diese plumpe Welt aus einfachen Elementen zusammenzusetzen und sie jahraus jahrein in den Strahlen der Sonne rollen zu lassen, hätte ihm sicher wenig Spaß gemacht, wenn er nicht den Plan gehabt hätte, sich auf dieser materiellen Unterlage eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen. So ist er nun fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die geringeren heranzuziehen.«
Goethe schwieg. Ich aber bewahrte seine großen und guten Worte in meinem Herzen.

Eckermann: Gespräche mit Goethe

The Mystical Now . . .


Equating the mystical now with a failure to think ahead or analyze the past is dangerous hogwash. The now of mysticism is not the now of shortsightedness or stupor. The now of mysticism is the now of the aha!, where all things come together in a fully present, wordless, understanding. Like all moments of sudden insight, it is the endpoint of intensive, usually years long, inquiry. Unless you dig deep, into the nature of truth, into how others in the past understood truth, and into one’s own character and motives illumined by the light of past actions, there is no hope that all the pieces will come together in a Great Aha! Compassion, too, is only empty sentiment without intent, and intent is necessarily about the future. Life without planning and without looking back is a blinded and chaotic life, not an insightful and creative one. The ‘big mind’ zen weekends which cost € 1.000 — which type of person would be attracted to that? The type of person who thinks they’re special, can become enlightened faster than everyone else because they’re so smart/spiritual, and have a consumer “buy it” (compared to “build it”) view.

DAS JETZT DER MYSTIKER entspringt nicht dem Versagen des Denkens, der Perspektivlosigkeit oder der Ohnmacht, sondern dem wortlosen Aha beim Auftauchen eines Musters im vorher unverbundenem Sein: dem "anwesenden Verstehen". Wie alle Momente jäher Einsicht ist dies ein Endpunkt inbrünstiger, meist jahrelanger Suche. Wer nicht tief ins Wesen der Wahrheit und ihr Verständnis durch die Generationen tauchte, auch in seine eigene Art und deren Beweggründe im Lichte zurückliegender Taten, darf kaum auf das Zusammenkommen der Bruchstücke seines Lebens zum großen Aha hoffen. Reine Empfindsamkeit ohne Sorge bleibt ein leeres Gefühl, Sorge aber geht immer auf die Zukunft. Ein Leben ohne Voraus- oder Rücksicht, bleibt ein geblendetes, unzusammenhängendes Leben, weder einfühlsam noch schöpferisch. Wen ziehen denn diese 1.000-€-Zen-Wochenend-Klausuren anders an, als solche Personen, die sich für etwas Besonderes halten, mit Zugang zum Hochgeschwindigkeitsfahrstuhl ins Penthouse der Erleuchtung und einer "Kauf es"- anstelle von "Bau es"-Sicht auf alle Dinge?

Johann Georg Hamanns „kleine Schriftstellerei” von Bernhard Rang

Hamann war ein religiöser Mensch, genauer gesagt, er war ein Christ von besonderer Prägung. Für seine Zeit, die Epoche der Aufklärung, bedeutete er ein geistiges Elementarereignis. Erst heute sind wir vielleicht imstande, das Eigentümliche, Erregende und Prophetische seines Denkens neu zu erfahren. In umstürzender Weise hat Hamann Fragen gestellt, Blicke in verborgene Tiefen des Glaubens und Denkens getan. Der hessische Kanzler und politische Schriftsteller Friedrich Karl von Moser gab ihm den Beinamen eines „Magus im Norden”. Hamann selbst hat den Namen gern für sich aufgegriffen. Er reihte sich ein in die Magier oder Weisen des Morgenlandes. Wie diese will er Gold, Weihrauch und Myrrhe zu Füßen des Kindes und Weltheilandes niederlegen: Wunderbare und verhüllte Gaben der Nachforschung, wo jedes Blatt und jeder Satz, den er schrieb, mit geistiger Energie geladen war, mit „konzentrierter Intensität”, die schon Hegel an seiner Schreibweise rühmte. Magierhaft erschien aber auch den Zeitgenossen das Apokryphe und Sibyllinische seiner Schriften. So konnte der „Wandsbeker Bote” Matthias Claudius, mit Hamann befreundet, anläßlich dessen „Neue Apologie des Buchstaben H” sagen: „Übrigens hat er sich in ein mitternächtliches Gewand gewickelt, aber die goldnen Sternlein hin und her im Gewände verrathen ihn, und reizen, daß man sich keine Mühe verdrießen läßt.” Gewiß, der Zugang zu Hamann und seinen Schriften ist nicht leicht. Er denkt nicht in der üblichen Weise diskursiven und langsam fortschreitenden Gedankenganges, nicht, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, „wie eine Blindschleiche im Fahrgeleise, der Sicherheit wegen”, sondern eigentümlich sprunghaft, wie „eine Heuschrecke”. „Ich schleudere meine Gedanken weg. Von Gebirg zu Gebirg sollte der Odenschreiber gehen . . .”, schreibt er seinem Freund Lindner. Etwas Vulkanisches enthält alles, was er denkt und niederschreibt. Dennoch wahrt seine Sprache eine gleichsam höhere Folgerichtigkeit. So bezeugt er es Kant gegenüber: „In meinem mimischen Styl herrscht eine strengere Logic und eine geleimtere Verbindung als in den Begriffen lebhafter Köpfe.” Er weiß, daß auch seine Briefe oft schwer verständlich sind, „weil ich elliptisch wie ein Griech, und allegorisch wie ein Morgenländer schreibe”. Goethe, neben Herder der verständnisvollste Leser Hamanns (dessen gesammelte Schriften er herausgeben wollte), bemerkte angesichts dieser „sonderbaren Sprachhülle”, daß man hier „durchaus Verzicht tun müsse, was man gewöhnlich Verstehen nennt”, und sich mehr auf „das Ahnbare” beschränken solle. Um den Charakter dieser einmaligen Weise des Denkens und Verkündigens zu kennzeichnen, könnte als Motto zu den Schriften des Magus vorangestellt werden, was in den „Wolken”, dem „Nachspiel Sokratischer Denkwürdigkeiten”, Hamann selbst geäußert hat: „. . . der seinen Kiel in wilden Honig tunkt . . ., der wie Elias seine Lenden gürtet..., die Stimme eines Predigers, dem das Publikum eine Wüste ist, in der mehr Herden als Menschen wohnen.” Hamann besitzt den existentiellen Rang eines Kierkegaard. Und es ist nicht zufällig, daß dieser den Magus hoch einschätzte. Nicht nur teilte er dessen Zuneigung zu Sokrates und der sokratischen Methode, der „Hebammenkunst”. Nicht nur gehörte er mit Hamann zur großen Brüderschaft der Hypochonder. In der Schrift „Der Begriff Angst” bezieht sich Kierkegaard ausdrücklich auf Hamann und zitiert dessen Satz, der in einem Brief von 1781 an Herder steht: „Diese Angst in der Welt ist eben der einzige Beweis unserer Heterogeneität (Woandersher-Stammens).” Auch die Kategorie des Existentiellen und des Einzelnen fand Kierkegaard bei Hamann vorgebildet. Denn fast jede Schrift des Magus zielt auf einen bestimmten Menschen, hat einen konkreten und aktuellen Anlaß, wenn sie dann auch, aus existentieller Tiefe hervorbrechend, weit über den Adressaten hinaus in noch unbetretbares Gelände gerät, Sprache wird für das eigentlich Unaussprechbare, den logos ineffabile. Linie Am Beginn seines inneren Lebensweges stand die „Bekehrung”, das Londoner Ereignis des Jahres 1758, niedergeschrieben als „Gedanken über meinen Lebenslauf”. Es ist der Durchbruch zum Eigentlichen, die zweite Geburt des Königsberger Sohnes, der im Haus des Vaters, des altstädtischen Baders und Wundarztes, am 27. August 1730 das Licht dieser Welt erblickte. Hamann bleibt Königsberg, seiner Heimat, dieser ostpreußischen Haupt-, Handels- und Universitätsstadt, fast lebenslang treu. Außer London lernte er die Fremde während der ersten Studien- und Hofmeisterjahre in Mitau wie Riga, also in Kurland und Livland, kennen, und auch auf wenigen Reisen nach West- und Süddeutschland. In Königsberg, an der Pregel, von Seeluft umweht, schlägt er Wurzel. Lange Jahre lebt er im Haus des Vaters, mit der Baderstube, dem Lusthäuschen samt der Kürbislaube im kleinen Garten. Hier betreut er nach dem Tod des Vaters den in geistiger Dämmerung versunkenen, einst hochbegabten Bruder. Hier wird er jene Gewissensehe eingehen mit Anna Regina Schumacher, die als frisches Landkind in das Haus der Vaters gekommen war, dort als Magd diente, aber wie eine Tochter gehalten war. Am 27. September 1769 schenkte sie ihm den Ältesten, den Sohn Johann Michael, den der Vater menschlich-geistig sich zum Jünger und Freund erzog. Es folgten noch drei Töchter. So entfaltete sich im später erworbenen Haus des Packhofverwalters ein reges Familien- und Freundschaftsleben, nach Hamanns eigenen Worten: „Über gaudia domestica geht nichts; hierin besteht der einzige Himmel auf Erden.” Hamann besaß, gegenüber dem fast leiblosen Kierkegaard, eine leibnahe, vital frohe Menschennatur, trotz der ihn oftmals heimsuchenden acedia oder Schwermut. Er war ein starker Esser, verschmähte auch gute Weine nicht, die Freunde, wie Claudius oder Herder, ihm gern schickten. Als Bader- und Arztsohn hatte er genug Einsicht gewonnen in die Naturalia und auch Pudenda des Menschen. Das Geschlechtliche war ihm etwas Heiliges: „Vater sein ist die höchste Autorschaft und ein ebenso großes Geheimnis -.” Im „Versuch einer Sibylle über die Ehe” (1775) heißt es: „‚Das Geheimnis ist groß!’ - Alle Mysterien des Hymens sind daher dunkle Träume, die sich auf jenen tiefen Schlaf beziehen, worin die erste Männin zur Welt kam, als ein beredtes Vorbild für die Mutter aller Lebendigen.” Um das Geheimnis des Geschlechts kreisen neben der „Sibylle” auch jene beiden Schriften „Zweifel und Einfälle” und „Schürze in Feigenblättern”. Das „Hohelied” des Alten Testaments war ihm der „Nabel meiner Bibel”. Niemals frivol, doch nicht prüde, wagt er zu sagen: „Meine grobe Einbildungskraft ist niemals imstande gewesen, sich einen schöpferischen Geist ohne genitalia vorzustellen.” Alles Leben ist für ihn Leib. Und das Geschlecht ist der Leib des Lebens. So erlebte und dachte Hamann auch in allem Pneumatischen leibhaft. Er führte in Königsberg ein seltsam verborgen-öffentliches Leben. Durch Kants Vermittlung hatte er 1767 eine Dolmetscher- oder Korrespondentenstellung bei der Zollverwaltung, mit kleinem Gehalt, erhalten. So wurde er Zöllner, dies im palästinensischen, doch mehr noch evangelischen Sinn. In der Tat: Beides, die Verbindung mit der Magd und den Zöllnerdienst, faßte er als eine Demutsübung auf, als ein Mittel zur Vervollkommnung. Dank seiner früh erworbenen ökonomischen Kenntnisse durchschaute er, von seiner Praxis her, das für ihn verruchte System des friderizianischen Staates, der finanziellen Ausplünderung innerhalb der „aufgeklärten Despotie” des roi de Prusse. So richtete er an den „Salomo” Preußens, den König, seinen Widerpart, wiederholt Sendschreiben und polemisch gehaltene Botschaften, in denen er, bis zur Selbstgefährdung, den Zeitgeist, das bloße Nutz- und Vernunftdenken angriff. Aus der Enge des Zöllneramtes wurde Hamann im Schicksalsjahr 1777 durch Vermittlung des Berliner Freundes Reichardt befreit. Er erhielt die Stelle des Packhofverwalters, mit eigenem Haus, dicht am Pregel, so daß er die ein- und auslaufenden Schiffe sehen, auch mit Freunden manchen Stapellauf eines neugebauten Schiffes bewundern konnte. Linie Im großen nahen Baumgarten, seinem „Hain Mamre”, erging er sich oft und führte Gespräche mit den Freunden, später auch mit Schülern und Zöglingen, jungen Offizieren und den befreundeten Buchhändlern. Hamanns entschiedenes Christentum hatte nichts Mystisches, war in gleicher Weise entfernt von starrer Orthodoxie und vom Pietismus, der bloßen „Innerlichkeit”. Er wurzelte in der Begegnung mit dem Wort Gottes. Von hier ging für ihn das „Licht” auf, ein Licht über den Tiefen und Abgründen der Schöpfung und alles Ursprünglichen. Er wußte: Der Mensch findet in sich selbst „nichts als Sand, Triebsand, worauf nichts zu bauen ist”. Die bloße „Empfindung” des Glaubens genügt nicht, „denn sie ist öfters ein Betrug unseres Fleisches und Blutes und hat die Vergänglichkeit desselben mit dem Grase und den Blumen gemeinsam”. Der Orthodoxie gegenüber verfügte er über eine größere Spontaneität des Denkens, war sein Glauben elementarer und vom Heiligen Geist erfüllt und getrieben. Anders als Kierkegaard besaß er zudem ein freies, unmittelbares und erschließendes Verhältnis zum Ganzen der Schöpfung, des Menschen, auch zum Leiblichen des Lebens, zu Himmel, Erde und Leben schlechthin. Zeitlebens führte er ein Gespräch zwischen Vernunft und Offenbarung. Er greift nicht die Vernunft als solche an, sondern nur die sich absolut setzende Vernunft seines Zeitalters, der Aufklärung. „Vernunft ist Sprache” - „Ohne Sprache hätten wir keine Vernunft, ohne Vernunft keine Religion.” Das begründete auch Hamanns Position gegen alle „natürliche” Religion. Doch immer wieder betonte er den Primat der Sprache vor dem der Vernunft. Sprache, Wort, Logos: das waren seine Schlüsselworte. So schrieb er noch im Alter an Friedrich Jacobi: „Was in deiner Sprache das Sein ist, möchte ich lieber das Wort nennen.” Um Sprache, ihr Wesen, ihren Ursprung, ihre Kraft rang er mit besonderer Leidenschaft. Im „Logos” und so in der Sprache der Natur und Kreatur, aller Schöpfung, fand er den Grund und Abgrund menschlicher und göttlicher Existenz. Sprache wird und bleibt für ihn das unerschöpfliche Thema: „Vernunft ist Sprache, logos. An diesem Markknochen nage ich und werde zu Tode darüber nagen. Noch bleibt es immer finster über dieser Tiefe für mich; ich warte noch immer auf einen apokalyptischen Engel mit einem Schlüssel zu diesem Abgrund” (An Herder, 1784). - „Jede Erscheinung der Natur war ein Wort, - das Zeichen, Sinnbild und Unterpfand einer neuen, geheimen, unaussprechlichen, aber desto innigeren Verbindung, Mitteilung und Gemeinschaft göttlicher Energien und Ideen.” - „Vernunft und Schrift sind im Grunde einerlei: Sprache Gottes. Dieses Thema in eine Nuß zu bringen, ist mein Wunsch und das punctum saliens meiner kleinen Autorschaft” (An Jacobi, 1786). In der Tat: In der „Nuß”, in der dichterisch-tiefen Schrift „Aesthetica in nuce” (1762), dieser „Rhapsodie in kabbalistischer Prose”, hatte Hamann in wahrhaft geflügelten Worten, und nicht für die Menge (des Horatius „Odi profanum vulgus & arceo. Favete linguis!” steht am Eingang) von diesem Abgründigen gesprochen. Es sind berühmt gewordene Sätze, wahrhaft sibyllinische Sprüche einer auch in der Weltliteratur beispiellosen dichterischen Verkündigung, Tubatöne richterlichen Maßes und schöpferischer Inspiration: Linie „Nicht Leyer! - noch Pinsel! - eine Wurfschaufei für meine Muse, die Tenne heiliger Litteratur zu fegen... Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts ... Ein tiefer Schlaf war die Ruhe unserer Urahnen, ein taumelnder Tanz. Sieben Tage des Nachsinns oder Erstaunens saßen sie; und thaten ihren Mund auf - zu geflügelten Sprüchen... Rede, auf daß ich Dich sehe! - - Dieser Wunsch wurde durch die Schöpfung erfüllt, die eine Rede an die Kreatur durch die Kreatur ist; denn ein Tag sagts dem andern, und eine Nacht thuts kund der andern... Reden ist übersetzen - aus einer Engelsprache in eine Menschensprache, das heißt, Gedanken in Worte, - Sachen in Namen, - Bilder in Zeichen,... Der nächste Aon wird wie ein Riese vom Rausch erwachen, eure Muse zu umarmen, und ihr das Zeugnis zuzujauchzen: Das ist doch Bein von meinem Bein, und Fleisch von meinem Fleisch .. . Wagt euch also nicht in die Metaphysik der schönen Künste, ohne in die Orgien und Eleusinischen Geheimnisse vollendet zu seyn. Die Sinne aber sind Ceres, und Bacchus die Leidenschaft... Alle Farben der schönsten Welt verbleichen: sobald ihr jenes Licht, die Erstgeburt der Schöpfung, erstickt...” Bilder, Sprüche, Gedanken, Inspirationen, die wie eine Flut uns überschwemmen. Ihr Kern und Grund ist die Erkenntnis: Gottessprache und Menschensprache haben die gleiche Wurzel, wie Logos und Mythos. Schöpfung ist Erscheinung durch Sprache. Sprache selbst aber gründet im Bild, im Gleichnishaften. Und das Gebiet der Sprache erstreckt sich „vom Buchstaben bis auf die Meisterstücke der Dichtkunst und feinsten Philosophie” und bis in den Abgrund des Worts, das im Anfang war. Eine Sprachtheorie wollte Hamann nicht entwickeln. Ihm kam es auf das Mysterium an, auf die Ureinheit von Logos, Mythos und Dichtung. Hamann hat kein zusammenhängendes Buch geschrieben, sondern nur Gelegenheitsschriften, „Brocken, Fragmente, Grillen, Einfälle”, wie er selbst sagt, Betrachtungen, Versuche und Beiträge, Rezensionen und Kritiken, auch Zeitungsaufsätze und „fliegende Briefe”. Da er ein Mann der Freundschaft war, kommt seinen vielen Freundesbriefen besonderes Gewicht zu. Ein System seines Denkens und Glaubens hat er nie entworfen. Er huldigte mehr der sokratischen Hebammenkunst, der mit Ironie gewürzten Dialektik und indirekten Rede. So wurde Sokrates ihm (wie später Kierkegaard) zur prophetischen Gestalt. Davon zeugt am schönsten seine frühe Schrift „Sokratische Denkwürdigkeiten” (1759), gerichtet „an Niemand und an Zween”. Die zwei waren der frühe Lebensgefährte und einstige Mentor Johann Christoph Berens und Immanuel Kant, der philosophische Antipode. Als Niemand figuriert das „Publikum”, die Öffentlichkeit, ein „künstlicher Götze”, kein Mensch, sondern eben ein Niemand, der „Kundbare”. Diese Schriften trugen auch für die damalige Zeit ungewöhnliche Titel. Sie erhielten, mit der Absicht der Deutung wie Verhüllung, bemerkenswerte Motti oder Leitsprüche. Es waren gleichsam Losungen oder Parolen, die den besonderen Geist, den inneren Sinn seiner Gedanken und Aussagen, wenn auch oft mehr rätselhaft und in Gleichnissprache offenbaren sollten. Daß diese Motti vorwiegend der Heiligen Schrift, aber auch der antiken und klassischen Literatur entnommen waren, oftmals entlegene Zitierungen, kann bei Hamanns erstaunlicher Belesenheit nicht verwundern. Horaz war eine ergiebige Quelle für solche Leitworte. Der Ode im 2. Buch (1, Vers 7) entnahm er das stolze und hohe Wort, das ihm als Lebensmotto galt: „Ich wandle auf Flammen” (Incedo per ignes). Die letzte, nicht vollendete Schrift trägt nicht nur den tiefen und beziehungsreichen, ja fundamentalen Titel „Entkleidung und Verklärung”, sondern hat wiederum ein Horaz-Zitat als Motto: „Nicht Rauch aus dem Blitz, sondern Licht aus dem Rauch darzubieten, möge er bedacht sein; - - - Der Gast ist satt - - Jetzt ist es genug! -.” Linie In dieser letzten Abschiedsschrift, die als „fliegender Brief” wiederum gerichtet war „an Niemand, den Kundbaren”, also an den Götzen der Öffentlichkeit, an das Publikum, will Hamann alles und das Letzte sagen, die Zusammenfassung seines ganzen Wollens und Wirkens, will er sich als Autor bekennen zu seinem pseudonymen Werk, um darnach verstummen zu können. „Cessare, non celare volui” - aufhören, nicht verbergen habe ich gewollt. Es war der Akt der Entkleidung, der Entäußerung, auch Demütigung, und zugleich war es der Akt der Verklärung, der „Parusia”, wo Tod in Leben verwandelt wird. Auch dieses letzte Hamann-Wort „Entkleidung und Verklärung” steht, wie sein erstes Londoner Bekehrungswort, unter dem Zeichen Christi, unter dem Motto Alpha und Omega, dem ersten und letzten Laut oder Buchstaben des griechischen Alphabets. „Meine Autorschaft hat sich mit Nemo und Duo angefangen und soll sich in omne Trinitatis perfectum endigen.” Es beginnt oder endet mit dem letzten Aufbruch, der Reise nach Münster 1787, wo ihn die Fürstin Gallitzin mit ihrer „familia sacra” liebevoll erwartete. Und es wurde die „Reise in die Ewigkeit”, wie Hans Franck seinen wertvollen Hamann-Roman benannt hatte. Dort, in Münster, hinterließ der Magus, lateinisch abgefaßt, ein letztes Blatt, sein endgültiges Lebens- und Glaubensbekenntnis. Es enthält in der Erwartung der „Parusia” demütig-innige Sätze, in dem Wissen dessen, „der gesagt hat: Ich bin das A und das Z. - - Mit den Propheten wird es vorbei seyn, die Sprachen werden Feiertag haben, Wissen wird außer Kurs seyn, weil ER gekommen ist, um fertigzumachen, abzurechnen.” Nach Pempelfort bei Düsseldorf, dem Landsitz des Freundes Jacobi, wollte der bereits todkranke Hamann noch aufbrechen. Am 20. Juni 1788 stand der Wagen schon vor der Tür. Aber Hamann fieberte; die Ärzte verboten die Abreise. Am Morgen des 21. Juni 1788 ist Hamann gestorben. Grab und Grabstein auf einem verlassenen Friedhof in Münster sind verschollen. [Siehe dazu Eduard Lütgen] Hamanns Denken ist trinitarisch. Er sieht die dreifache Herablassung Gottes: In der Inkarnation Christi zum Menschen, in der Schöpfung zur Welt und in der Sprache, der Herablassung Gottes zum Buchstaben in der Heiligen Schrift. Diese Herablassung (Kondeszendenz nennt sie Hamann) wird als Erniedrigung empfunden, als „Entkleidung” und kennzeichnet die Demut des Schöpfers, des Sohnes und des Geistes. Von dieser dreieinigen Demut, Entblößung und Erniedrigung spricht Hamann immer wieder in seiner Theologie und auch Philosophie. Es sind seine Zentralgedanken. Schon im ersten Brief des „Kleeblatts Hellenistischer Briefe” (1759) schreibt Hamann: „Es gehört zur Einheit der göttlichen Offenbarung, daß der Geist Gottes sich durch Menschengriffel der heiligen Männer, die von ihm getrieben worden, sich eben so erniedrigt und seiner Majestät, als der Sohn Gottes durch die Knechtsgestalt und wie die ganze Schöpfung ein Werk der höchsten Demuth ist. Den allein weisen Gott in der Natur bloß bewundern ist vielleicht eine ähnliche Beleidigung mit dem Schimpf, den man einem vernünftigen Mann erweist, dessen Werth nach seinem Rock der Pöbel schätzet.” Hamanns Glauben und Denken ist dem des spätmittelalterlichen Nikolaus von Kues verwandt und dessen Vorstellung von der „Coincidentia oppositorum”, dem Zusammenfall der Gegensätze. Das Ganze - der Welt, der Schöpfung, des Menschen - ist für ihn stets ein sinnvoll gegliedertes Ganzes. „Die Einheit des Urhebers spiegelt sich bis in dem Dialekte seiner Werke.” Hier wird nichts zerrissen, gespalten, dualisiert, sondern - freilich in dialektischer Spannung - zur Einheit und Einigung geführt. Das Mysterium, daß das Göttliche und Unendliche das Menschliche und Endliche durchdringt, wie auch das Endliche das Unendliche in sich aufnimmt, ist auch für Hamann, wie es für Luther war, das eigentlich christliche Mysterium. Und ohne einem Pantheismus zu verfallen, konnte er sagen: „Folglich ist alles göttlich - - Alles Göttliche ist aber auch menschlich. - - Diese communicatio (Gemeinschaft) göttlicher und menschlicher idiomatum (Eigenschaften) ist ein Grundgesetz und der Hauptschlüssel aller unserer Erkenntniß und der ganzen sichtbaren Haushaltung.” Linie Noch einmal sei gesagt, wie Hamanns Sprechen und Schreiben, also sein Denken und Glauben konkret blieb, leiblich, vom Leiblichen bestimmt war, um freilich zugleich auch „pneumatisch” zu sein, durchweht vom prophetischen Geist. Schon in den „Brocken”, der Nachschrift zu seinem 1758 in London verfaßten „Lebenslauf”, spricht er davon, daß der Leib das Kleid der Seele sei, spricht er von dem „physischen Gewissen” und wie abscheulich der Mensch vielleicht sein würde, „wenn ihn der Leib nicht in Schranken hielte”. Aber er weiß auch um das Geistige, das Geisthafte, das dem Menschen innewohnt, ihn erst zu einem höheren Sein und Wesen befähigt. „Wir sind alle fähig, Propheten zu seyn. Alle Erscheinungen der Natur sind Träume, Gesichte, Räthsel, die ihre Bedeutung, ihren geheimen Sinn haben. Das Buch der Natur und der Geschichte sind nichts als Chyffren, verborgene Zeichen, die eben den Schlüssel nöthig haben, der die heilige Schrift auslegt und die Absicht ihrer Eingebung ist.” Das Prophetische spricht sich nie direkt aus, sondern in Gleichnissen und in Bildern. Darum war dies Hamanns Grundmeinung: „Sinne und Leidenschaften reden und verstehen nichts als Bilder. In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkenntnisse.” Für ihn ist der Christ dem nur natürlichen Menschen überlegen, da er der Lebendigere, „ein Instrument von 10 Saiten” und nicht bloß von fünf Sinnen, ein Mensch echter Leidenschaften ist, ein „Erneuerter”. So kann er seinem Freund Johann Gotthelf Lindner, nach der Versicherung, „Was für ein Göttlich Geschenk ist Freundschaft, wenn sie alle die Prüfungen aushält, die unsere schon durchgangen”, den schönen Satz schreiben: „und der Christ thut alles in Gott; Eßen und Trinken, aus einer Stadt in die andere reisen, sich darinn ein Jahr aufhalten, und handeln und wandeln, oder darinn stillesitzen und harren sind göttl. Geschäfte und Werke.” Und er fügt demütig hinzu: „Unser Leben ist verborgen - Es ist noch nicht erschienen, was wir seyn werden.” Noch einmal, nun im Alter, 1787, kurz vor dem Aufbruch nach Münster, gibt er dem anderen, späteren Freund Friedrich Heinrich Jacobi ein in seiner nüchternen Bescheidenheit ergreifendes Selbstbildnis: „Die Erde ist des Herrn, und in diesem Sinn bin ich ein Weltbürger. Ich bin in keinem einzigen Fache zu Hause, weder zum Gelehrten noch zum Geschäftsmann bestimmt, weiß nirgends Bescheid - ein wahrer Maulaffe, dem klösterliche Einsamkeit und große Gesellschaft unerträglich sind . . Nichts bleibt mir übrig, als mich der mütterl. Vorsehung in die Arme zu werfen ... Ich weiß von allem nicht ein lebendiges Wort, wie es zugegangen vom Anfang bis auf den heutigen Tag. Ein wahrer Traum. -” Das „verkannte Christentum und Luthertum zu erneuern” nennt Hamann den „Zweck”, das bleibende Thema seiner „kleinen Schriftstellerei” (an Jacobi, 1786). Von seiner Begegnung mit dem Wort Gottes her zieht er die Grundlage des neueren Denkens, wie es bei Descartes begann, in Frage. Daß das Sein zu einer bloßen Denkmöglichkeit, einem Denkobjekt gemacht wird und damit relativiert ist, ausgeartet zu einer „allgemeinen Unwissenheit des Wirklichen”, gegen dieses Verhängnis philosophischer Entwicklung wenden sich immer wieder seine Schriften: „Nicht Cogito, ergo sum, sondern umgekehrt oder noch hebräischer Est, ergo cogito, und mit der Inversion eines so einfachen Prinzips bekommt vielleicht das ganze System eine andere Sprache und Richtung” (an Jacobi, 1785). Erkennen ist für ihn nicht Erklären oder Berechnen oder Deduzieren, sondern Lesen und Verstehen. „Weiß man erst, was Vernunft ist, so hört aller Zwiespalt mit der Offenbarung auf.” Immer kommt es ihm auf das Wort, die Sprache an, ohne die nicht nur „keine Vernunft”, sondern auch „keine Welt”. Und so wagt er den kühnen Satz, den er wiederum an Jacobi schreibt: „Gott, Natur und Vernunft haben eine so innige Beziehung aufeinander wie Licht, Auge und alles, was jenes diesem offenbaret, oder wie Mittelpunkt, Radius und Peripherie jedes gegebenen Zirkels oder wie Autor, Buch und Leser.” Linie Ontologie und Theologie gründen für Hamann im Wort „und gewinnen vom Wort her und allein vom Wort her ihre lebendige und ursprüngliche Einheit” (Erwin Metzke). Gott selbst ist der Autor im auch buchstäblichen Sinn und: „Der Autor ist der beste Ausleger seiner Worte. Er mag durch Geschöpfe - durch Begebenheiten - oder durch Blut und Feuer und Rauchdampf reden.” „Natur und Geschichte sind daher die zwei großen commentarii des göttlichen Wortes”, die es zu lesen und zu interpretieren gilt. Zur Geschichte und ihrer Sinnerfassung schreibt Hamann bereits 1762, im zweiten Brief des „Kleeblatt Hellenistischer Briefe”: „Kann man aber das Vergangene kennen, wenn man das Gegenwärtige nicht einmal versteht? - Und wer will vom Gegenwärtigen richtige Begriffe nehmen, ohne das Zukünftige zu wissen? Das Zukünftige bestimmt das Gegenwärtige, und dieses das Vergangene, wie die Absicht Beschaffenheit und den Gebrauch der Mittel.” Es kommt auf das Verstehen, auf das verstehende „Lesen” an: „Wie die Natur uns gegeben, unsere Augen zu öffnen; so die Geschichte, unsere Ohren.” Denn: „Die ganze sichtbare Natur ist nichts als das Zifferblatt und der Zeiger”, sie ist eine Chiffre, welches Wort Hamann gern verwendet. Indem er sich, schonend, gegen Herders subjektives Geschichtssystem wendet, schreibt er ihm in seiner bildhaften Sprache: „Ich halte mich an den Buchstaben und an das Sichtbare und Materielle wie an den Zeiger einer Uhr - aber was hinter dem Zifferblatt ist, da findet sich die Kunst des Werkmeisters, Räder und Triebfedern, die gleich der mosaischen Schlange eine Apokalypse nöthig haben.” Warnend fügt er hinzu: Einen Körper und eine Begebenheit bis auf ihre ersten Elemente zergliedern, heißt, Gottes unsichtbares Wesen, seine ewige Kraft und Gottheit ertappen wollen. Es gilt zu erkennen, daß die ganze Schöpfung ein „Beweis” ist sowohl der „Majestät” wie der „Entäußerung” Gottes: „Ein Wunder von solcher unendlichen Ruhe, die Gott dem Nichts gleich macht, . . . aber zugleich von solcher unendlichen Kraft, die alles in allem erfüllt, daß man sich von seiner innigsten Zutätigkeit nicht zu retten weiß.” Hamanns Denken und Glauben kann nicht auf eine Formel gebracht werden. Es ist zu vielschichtig, eine wahre coincidentia oppositorum. Er steht, wie nur die Propheten und die Väter des Christentums, oder wie Luther, dem er von Herzen anhängt, in der „Wolke der Zeugen”. Nadler, der verdienstvolle Herausgeber der Gesamtschriften Hamanns, nennt ihn den Zeugen des Corpus mysticum. Das Geheimnis des Himmelreichs und der Schöpfung, der Offenbarung und der Vernunft, der Sprache und der Existenz, des Mythos und des Logos, der Zeitlichkeit und der Ewigkeit, das Geheimnis des Leiblichen und des Geschlechts, die Bedeutung der Verkleidung wie Entkleidung, der Entblößung, und das Mysterium der Verwandlung und Verklärung, „Golgatha und Scheblimini”, die Kreuzigungsstätte und der Ort zur Rechten des Vaters, und immer wieder das Geheimnis der Trinität: darum ging es für diesen Fragenden, Suchenden und Glaubenden. Dies alles aus der Tiefe des Ursprungs, aus der Wurzel der Sprache, aus vom Glauben erhellter Vernunft und immer als Bekenntnis zur „docta ignorantia”. Denn: „Ein Mensch, der nichts weiß und der nichts hat, sind Zwillinge des Schicksals.” Anfang und Ende stehen im Zeichen Christi und im „Drama der Nachahmung Christi”. Dies zu verkünden, war sein Wunsch und Streben: „Ich kann nichts mehr thun als der Arm eines Wegweisers und bin zu hölzern, meinen Lesern in dem Laufe ihrer Betrachtungen Gesellschaft zu leisten.” Sinn und Ziel seines Schaffens war, wie er dem Freunde bekennt: „Eine Lilie im Thal und den Geruch des Erkenntnißes verborgen auszuduften, wird immer der Stoltz seyn, der im Grund des Herzens und dem inneren Menschen am meisten glühen soll.” Dieser Satz könnte als Motto stehen über der großen, verhüllt-offenbaren und auch in unsere Zeit hineinwirkenden Welt des „Magus im Norden”. Quatember 1973, S. 221-230