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DRAMATISCHE IRONIE

 Dass ausgerechnet die besten Autoren am dringendsten vor dem Lesen warnen: Cervantes, Flaubert, Tolstoi - Dante lässt die Leser in der Hölle schmoren! Seltsam. Aber ich fange an zu verstehen, was sie meinen, wenn ich mich an eine Episode aus meiner Studentenzeit erinnere. Ich besuchte damals an Wochenenden das Land-Theater, an dem mein Vater sein Leben lang inszenierte, im Sommer was Lustiges für die Freilichtbühne, im Winter was Ernstes (meist den Urfaust) für die Minibühne neben der Kamin-Bar. Ich liebte dieses Theater noch aus der Kindheit, die hier die beste war: unserer Eltern spielten auf der Bühne, wir in den Wäldern ringsum, alle Familien lebten unter einem Dach, eigentlich eine Art Kommune, wenn auch diesem Begriff damals erst noch bevorstand, in Schwang zu geraten. Später dann auf Besuch schlief ich nach Studentenart meist bis Mittags. Und wurde Mo.-Fr. zweimal geweckt von lautem Kindergebrüll. Das war die Doppelvorstellung des Räuber Hotzenplotz auf der Freilichtbühne am Vormittag. Aber das Geschrei? Und bei jeder Vorstellung zuverlässig nach 40 Minuten? Eines morgens schleppte ich mich herunter und lauerte neben der Bühne, welche Szene das Publikum dermaßen erregte. Da kam sie. Der Räuber wendet sich an die Zuschauer und sagt: "Kinder, gleich kommen Kasperle und Seppel, und ich verstecke mich jetzt hinter diesem Busch und überfalle sie. Und wehe einer sagt was!" Gesagt, getan. Kasperle und Seppel tauchen auf. Das Publikum explodiert. Kasperle und Seppel geben sich begriffsstutzig: "Was sagt ihr da?" Die ersten Kinder eilen vor zur Bühne. Eine rotgesichtiges Mädchen klettert erregt herauf, um die beiden persönlich zu warnen. Ihr Bild hat sich mir bis heute eingeprägt: kleine Emma Bovary, rasend gemacht von den Taschenspielertricks der Erzähler. Diese wünschen sich natürlich so ein Publikum, sind dann aber doch betroffen, wenn sie es wirklich erblicken.

Taxi-Tage

Am denkwürdigsten kamen mir die Menschen Ende der 80er Jahre vor während meiner Zeit als Taxifahrer, als ich's täglich mit den unglaublichsten Exemplaren zu tun kriegte. Eingeprägt hat sich mir die Sache mit dem brennenden Porsche, der das bizarrste, zugleich rührendste Schauspiel beleuchtete. Ich war ein fauler Taxifahrer, mit Vorliebe nachts unterwegs und stand stundenlang an den entlegendsten Warteplätzen, um in Ruhe lesen zu können (ich erinnere mich an eine 800 Seiten dicke Biographie Stalins). Zwischendurch raste ich in meinem BMW mit Höchstgeschwindigkeit über den nachmitternacht-leeren Mittleren Ring und bin wie durch ein Wunder nie erwischt worden, sonst wäre der Führerschein weg gewesen. Eines Nachts presche ich vom Effnerplatz über den Isarring an die Biedersteinstraße, wo es einen winzigen Hügel gibt, darauf ein Baum. In diesen gerannt: ein lichterloh brennender Porsche, ein schrecklicher, zugleich sehr beeindruckender Anblick, der mir an die Nieren ging. Ich stoppte, stieg aus und erblickte zwei hockende Männer davor auf dem Gras, einen Polizisten sowie einen Playboy-Typen, der laut schluchzte. Der Polizist nahm ihn fast zärtlich in den Arm und sprach beruhigend: Er sei doch am Leben, alles werde wieder gut. Ich habe bis heute die Erleichterung im Gesicht des jungen Polizisten vor Augen, dass es keine Leichen gab. Dreht sich der Playboy zu ihm und jammert kopfschüttelnd: "Das verstehst du nicht. So ein Auto bekomme ich nie wieder."

Als Lohn nimm' heißes Blei

Nach dem Abitur hatte ich wie jeder normale deutsche Student seit dem Mittelalter ein katastrophales Verhältnis zu Rechtschreibung, zu schweigen von der Zeichensetzung - und wurde kuriert durch einen Schock, der binnen 2 Wochen meinen Rechtschreibsinn inaugurierte. Auslöser war Lobo, das Halbblut. So hieß der Charles Bronson nachempfundene Held einer Western-Reihe, die Pabel aus Rastatt verlegte. Die Leser waren damals Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg zur Arbeit, und die Heftchen mussten so getaktet sein, dass es alle 10 Seiten einen Höhepunkt, entweder eine Schlägerei oder eine Sex-Szene, gab. Dazwischen durchquerte der narbige Held in großer Einsamkeit die endlose Wüste. Ich hatte mir bald einen kleinen Karteikasten mit der Beschreibung aller denkbaren Arizona-Kakteen und "Gestrüpp"-Arten zugelegt. Es waren die Zeiten von Tipp-Ex und manche Manuskriptseite schließlich so zugekleistert, dass man sie stöhnend von vorne tippen musste. Erst später lernte ich alle möglichen Schriftstellertricks der Vor-Computerzeit kennen, diese Klippe zu umschiffen. Am genialsten fand ich Raymond Chandlers, der eine normale Manuskriptseite in der Mitte durchschnitt und, wenn er nicht zufrieden war mit seinem Text, die halb so große Seite neu und neu tippte, bis sie die Prüfung bestand. Auf jeder dieser kleinen Seiten, die sich zu Chandlers Werken scharen, musste etwas stehen, das rechtfertigte, dass man sie nicht wegwirft. So lautete die Maxime dieses Dichters. Wer mal in Paris ist, kann sich, wenn er möchte, im Balzac-Museum die abenteuerliche "Textverarbeitung" anschauen, mit welcher Honoré seine 600-Seiten-Manuskripte in 6 Wochen durch ca. 15 Fassungen jagte! Auch Balzac begann als Groschenheftautor. Was seine Romane heute schlecht lesbar macht (mit Ausnahme von Cousine Bette, den ich bei dieser Gelegenheit dringend in der Übersetzung von Paul Zech empfehle). Wir Studenten bekamen damals für unsere 110-Seiten-Western knapp 1.000 DM. Was eine Riesenmenge Geld für mich war, keine Verdienst hat sich je wieder so köstlich angefühlt. Ich brachte meinen ersten "Roman" unter, reichte gleich den zweiten nach: Als Lohn nimm heißes Blei! Woraufhin mich der freundliche Lektor, Herr D., in die Augustenstrasse bestellte, wo die Münchener Büros von Pabel damals in einer Etage zwischen Neuer Illustrierte und Praline untergebracht war. Irgendetwas war los mit dem Manuskript. Herr D. reichte es mir traurig über den Tisch. Die Seiten waren über und über mit Tintenstrichen bedeckt, man konnte kaum den Text entziffern. So sah mein Manuskript aus, nachdem Pabels Deutschlehrer, der sich auf diese Weise ein Zubrot verdiente, es Korrektur gelesen hatte. Der Schreck, gemischt mit Scham sitzt mir noch heute in den Knochen. Herr D. fragte mich, ob ich mit ihm einverstanden sei, dass so etwas nicht noch einmal vorkommen dürfte. Ich nickte stumm, kaufte mir "So schreibt man richtig" aus dem Duden-Verlag, und hatte mich, da ich dringend Geld brauchte, innerhalb zwei Wochen mit der deutschen Rechtschreibung u n d Zeichensetzung angefreundet. Es kamen dann aber doch nicht mehr so viele Western zustande, knapp zehn. Ich wurde etwas zu einfallsreich für den Rahmen des Genres. Nicht, dass meine Einfälle "besser gewesen" wären, sie waren meistens schlechter, sprengten aber vor allem den Rahmen der Erwartungen des Lesers. Deshalb zog der Verlag, fand ich später noch heraus, junge Autoren mit kleinen Kindern vor. Womöglich weil sie zu wenig Zeit hatten, geistreich zu werden, und somit Garanten solider Kost waren.

Bad Luck

Als ich in Kabul weilte, lernte ich eine mir bisher unbekannte Inkarnation des bösen Omens kennen - in den Hügeln über Stadt. Diese liegt wie Sarajewo in einem Kessel, von dessen Rand Bürgerkriegsparteien in sie hinein schießen konnten. Für die Bewohner war diese Zeit ein Alptraum. Man wusste nie, sagte mir einer meiner Studenten, ob man vom Einkaufen lebendig nach Hause zurück kam. Unberechenbar, böse sirrend schlugen die Garanten ein, ohne besonderes Ziel, nur um die Bürger, die im falschen Stadtviertel wohnten, zu demoralisieren. Ich fuhr am Sonntag mit einem befreundeten Journalisten hoch in die ehemaligen Stellungen. Die ansteigenden Lehmstraßen waren gesäumt von niedrigen Häusern, um welche die Kinder spielten mit kleinen Plastikwaffen. Manche von ihnen seien, meinte mein Begleiter, infolgedessen schon von der einen oder anderen verwirrten US-Patrouille erschossen worden. Aber das Ballerspiel ging lustig weiter. Die Stellen, an denen die Granatwerfer gestanden hatten, waren leer. Von hier überblickte man die hingewürftelte Stadt unter kobaltblauem Himmel. Metallene Patronenhülsen lagen ringsum, große und kleine. Ich bückte mich nach einer von ihnen und wollte sie einstecken. Als Souvenir. Mein Begleiter, ein erfahrener Kriegsberichterstatter, schaut mich irritiert an. Er riet mir, die Hülse wieder unter die anderen zu werfen. Ein solches Erinnerungsstück bringe schweres Unglück, de facto seien Kollegen dadurch noch daheim zu Tode gekommen, indem sie Sprengmittelreste in der Hülle übersehen hätten. Unter Kriegsberichterstattern, lernte ich an diesem Tag, sind Mitbringsel vom Ort der Geschehens tabu.

Heiße Reifen über Baku

Auch ich war in Kabul, nachdem das Goethe-Institut dort wieder eröffnet und Geld für alle möglichen Lehrgänge - auch meinen - hatte. Die Künste stehen in Afghanistan in keinem hohen Ansehen. Nur wer's nirgendwo anderes geschafft hat, studiert Literatur oder geht zum Film, eine unwürdige Tätigkeit. Die EU-Länder hatten trotzdem Kulturschaffende aus allen Bereichen nach Kabul geschickt, um die absonderlichsten Lehrgänge abzuhalten. Ich erinnere mich an eine bildhübsche Französin, direkt vom Titelblatt der Vogue, welche, um Gutes zu erreichen, den einheimischen Jungs das Jonglieren mit Zirkusbällen beibrachte. Eine Deutsch-Afghanin, die später einen GSG-9-Mann heiratete, setzte ihre Theaterstücke über das Elend afghanischer Frauen in Szene für die Expat-Gemeinde Kabuls. Den Afghanen selbst blieb die bürgerliche Veranstaltung Theater fremd, sie zogen indische Filme vor. Selbst dem Taliban-Obermullah Omar soll es nicht gelungen sein, den DVD-Player seiner jüngsten Frau zu beschlagnahmen. Überhaupt schien mir der Silberscheiben-Verleih in Afghanistan damals der einzige garantiert funktionierende Weg, in jedes Frauengemach und -gemüt vorzudringen. Statt dessen wurde zur Aufklärung der Massen das meiste Geld für Theater verpulvert, unter anderem, weil man der "Raubkopiererei" keinen Vorschub leisten wollte. Kabul zog damals viele Glücksucher und bunte Gestalten an. Ich erinnere mich an eine deutsche Orientalistik-Professorin, die ihm hohen Alter mit ihrem VW-Bully über die Berge "zurück nach Kabul" gekommen war, um hier zu sterben. Die etablierten Journalisten harrten alle in ihren Hotels aus, um nicht angeschossen oder entführt zu werden. Es war die Hochzeit für Freiberufler, die, wenn sie ihr Leben riskierten, endlich eine Chance hatten, etwas im Spiegel oder der New York Times zu platzieren. Ohne Aussicht freilich auf feste Anstellung. Einige Journalistinnen profitierten von ihren intimen Beziehungen zu dem ein oder anderen Warlord. Überhaupt fuhren auffällig viele NGO-Frauen tonangebend in weißen Allrad-Fahrzeugen umher und hatten afghanische Liebhaber. Die Männer zählen zu den bestaussehendsten der Welt. Aus dem Garten meines "Hotels", der ehemaligen österreichischen Gesandtschaft und Ex-Residenz Bin-Ladens, sah ich ältere Flugzeuge sich in den Himmel schrauben. Kabul ist so hoch von Bergen umgeben, dass man nach dem Abheben nicht einfach durchstarten kann, sondern erst mal - über der Stadt kreisend - ins Stahlblau-Wolkenlose hinaufkreisen muss, um's über die Berge zu schaffen. Das Hochland Afghanistans stellt eine große Herausforderung für Flieger dar, die in den Tälern zu landen haben. Weswegen etliche Peruaner, vertraut mit dem Relief der Anden, damals Arbeit als Piloten fanden. Auch in meinem Hotel lebten einige dieser Kondore in Uniform. Der zwischen Frankfurt und Kabul verkehrende Air Afghan-Airbus war ein klapperiges Geschenk der Inder, immerhin in der Lage, es ohne Hochschrauben über die Berge zu schaffen, auch wenn deren Gipfel plötzlich zwei Meter unter den Flügeln rauchten. Auf dem Heimweg wurde zwischengelandet in Baku, um Sprit zu fassen. Der Pilot, ein afghanischer Kriegsveteran, der auch mit abgesprengtem Bugrad, wie die Stewards mir versicherten, überall auf der Welt zu landen verstand, musste mit Bündeln Bargeld bezahlen. Nach dem Wiederabheben sackte die Maschine auf einmal durch und Rauch machte sich in der Kabine breit. Durchsagen auf Dari. Es roch nach verbranntem Gummi. Die Räder polterten heraus. Aber der Flug ging weiter. Die Bremsen, erfuhr ich dann, der Ohnmacht nahe, wären beim Abstoppen der Reifen, bevor diese in die Radkästen klappten, heißgelaufen - jetzt hängte man das Fahrwerk zum Abkühlen in die Luft. Und der Rauch? Kam aus der Küche, wo die Stewards - im Hocken - sich an indischen Zigaretten gütlich taten. Wenig von dem, was in Afghanistan passiert/e, dringt an die Öffentlichkeit, obwohl Kabul damals von Journalisten wimmelte. Ich habe mich öfters gefragt, woran das liegt. Wahrscheinlich, weil Zeitungen, auch TV-Programm u. ä. m. inzwischen "konzipiert" werden. Wer "Inhalte" liefert, muss die "Programmplätze" damit füllen und kann mit nichts Unerhörtem kommen. Nachrichten werden heute, fürcht' ich, eher am Bildschirm hergestellt als von einem Geschehen abgelesen.

Missionare

Meine eigentliche Familie scheint die katholische Kirche. Zufällig war ich in dem Alter, das uns den Stempel aufdrückt, in ihren Fängen. Danach gibt es kein Verändern, kein wirkliches. Ich respektiere und begrüße ähnliche Tendenzen bei allen anderen Religionen, selbst jener des Konsums, wenn nur genügend Innigkeit im Spiel ist. Welche der Skeptizismus nie aufzubringen im Stande scheint; er bleibt - schließlich - "verkopft". Als ich noch mehr durch die Welt reiste, fühlte ich mich stets heimisch in einer der kath. Kirchen, die des doch fast überall gibt, sogar im tiefsten Buddha-Land. Ich erinnere mich bis heute mit viel Rührung an eine Messe, in deren Rahmen ein Willkommenslied für mich, den Besucher aus der Ferne, gesungen wurde. Heute finde ich die Botschaft am herausfordernsten in manchen Filme Südkoreas (etwa des Katholiken Kim Ki-duk). Eine abenteuerliche Geschichte aus dem Umfeld der Missionare erfuhr ich einst auf Sao Tomé, einem Inselstaat im Golf von Guinea. Dort missionierte Bruder Elias, eine zottelige Hippie-Erscheinung, im Auftrag des Vatikans. Singend folgten die Bewohner seinem Kreuz durch stockfleckige Dorfgassen. Das Eiland gehörte praktisch einem südafrikanischen Waffenhändler, Sohn deutscher Missionare, die wie Elias einst in Indien zu schaffen hatten. Der Mann schürfte im Auftrag der angolanischen Rebellen nach Diamanten und hatte die Insel als Fluchtpunkt für seine Unternehmungen ausgebaut. Mit den Gewinnen betrieb er laut Elias eine Hotelanalge in Wyoming. Beschwingt von südafrikanischem Wein im feuchten Tropenklima, schwangen sich die Geschichten in immer unwahrscheinlichere Höhen. Konnte es stimmen, dass lauter katholische Philippinos engagiert worden waren, um die Planierraupen in Schuss zu halten, welche den Diamanten auf der Spur waren? Wenn ich mich umschaute, sah die menschenleere Holz-Bungalow-Hotelanlage unter Palmen, in der wir den Abend ausklingen ließen, tatsächlich aus wie ein philippinisches Dorf. Und später auf dem Mini-Flugplatz traf ich sogar einige ihrer Erbauer. Der Waffenhändler stand, wie's schien, auf guten Fuß mit dem Missionar. Nicht zum Segen seiner finsteren Geschäfte, sondern in Bezug auf seine Rettung, die bei Katholiken immer möglich bleibt. Man macht sich gern drüber lustig, über Menschen, die auf dem Sterbebett sich mit einer Generalbeichte den Weg ins Himmelreich bahnen. Aber die Wahrheit kommt, je länger man ihr aus dem Weg ging, desto schwieriger über die Lippen, egal wie lange man danach noch zu leben hat - wenn man glaubt, dass es sie gibt. Wer es aber nicht glaubt, dem fehlt schließlich die Kraft, einen davon, nämlich von "nichts", zu überzeugen.

Wir haben alle Aids!

Meine erste unmittelbare Begegnung mit Prostituierten hatte ich in Nairobi, Anfang der 90er Jahre. Ich betreute damals die Realisierung eines Spielfilms an der örtlichen Filmhochschule. Untergebracht war ich in dem Hotel Boulevard, das sich an einer vielbefahrenen Straße hinter hohe Hecken druckte. Die offen stehenden Bar- und Restaurant-Bereiche waren staffiert mit Safari-Dekor, Kleinbusse spuckten Touristen aus, die hier zwischenübernachteten zwischen Wild-Park und Flughafen. An der Bar und bestimmten Tischen saßen junge Afrikanerinnen, die es, wie bald zu ersehen, auf allein reisende Männer abgesehen hatten und von dem österreichischen Hotel-Management großzügig mit auf die Zimmer gelassen wurden, oft über die ganze Nacht. Die Mädchen wirkten gut gelaunt, aus ihren Ecken war immer Gelächter zu hören. Ich erinnere mich, wie einmal der Kellner an den Tisch zu mir und zwei englischen Amateurschauspielern kam: Ob wir nicht den Damen weiter hinten im Raum nicht Gesellschaft leisten wollten. Offenbar hatten sie ihn losgeschickt, winkten schon zu uns herüber. Damals war in Europa die Hoch-Zeit der AIDS-Epidemien, und wir hatten tierische Angst, uns damit anzustecken, vor allem in Afrika, wo die Sache noch nicht so ernst genommen wurde. Einer der Engländer, der vorlauter war als sein Kollege, rief - etwas rüde, wie ich fand - zu den jungen Frauen herüber, er hätte keine Lust, sich den Virus einzufangen. Die Mädchen lachten zurück und meinten laut, er bräuchte sich keine Sorgen zu machen, sie hätten alle AIDS. Es sah nicht so aus, als ob irgendeine von ihnen einen Test gemacht hatte. Sie fanden es nur einfach zu lustig, worüber wir verrückten Weißen uns den Kopf zerbrachen.

Wie ich zu meiner privaten Jugendstil-Sauna gekommen bin

Wenn Sauna, Schapps oder Teer nicht helfen, sagen die Finnen, ist die Krankheit tödlich. Da habe ich mir lieber vor 10 Jahren angewöhnt, alle 7 Tage in die Saune zu gehen: drei mal 15 Minuten bei 90 Grad. Danach Untertauchen in Kaltwasserbecken. Was ich lange in meinem Leben glaubte, nicht überleben zu können. Als ich es das erste Mal versuchte (an einem Ort in Hessen, dessen Existenz aus Gründen, die nicht hier her gehören, geheim bleiben muss), war es auch wirklich ein kleiner Tod. Ich habe ich mich bis heute noch nicht daran gewöhnt und betrachte es seit einiger Zeit als Vorbereitung auf den finalen Sprung aus dieser Welt. Der Held des Glasperlenspiels findet auf diese Art ins Jenseits. Die schönste literarische Sauna-Episode aber gibt es in Schwedens letztem großem Roman vor der Krimi-Seuche: Populärmusik aus Vittula (den es sich allein wegen dieser einen Szene zu lesen lohnt). In München gewöhnte ich mich ans Saunieren im Hallenbad von Giesing-Harlaching, das seinen Schwitzbereich aber schloss, als die Erlebnislandschaften in Mode kamen. Die schönste Münchener Sauna liegt seitdem am Zen-Garten des Forstenrieder Bades. Wenn ich aber meine Ruhe haben will, gehe ich ins Volksbad. Nicht einmal Budapest bringt einen solchen Mix aus Römischer Therme, Hamamm, barokem Sakralbau und Moschee zustande, zusammengehalten von Jugendstilelementen. Die Sauna liegt im Bereich des Dampfbades, in dem schon ein italienischer Horrorstreifen und weitere "berühmte Spielfilme" gedreht wurden wegen des Kulissen-Charakters dieses Ensembles. Es gibt sogar Schlafkabinen, und im Sommer kann man ohne Aufpreis den ganzen Tag vor Ort verbringen. In Gesellschaft nur weniger Besucher. An manchen Vormittagen bin ich der einzige und freue mich über jeden Besuch in meiner privaten Sauna.

Das tödlichste Tier Afrikas

Als ich zum ersten Mal nach Afrika kam, nach Kenia, Anfang der 90er Jahre, sollte ich eigentlich einen Drehbuch-Workshop geben. Bei meiner Ankunft aber standen bereits alle Motive fest, wie sie der Regisseurin am malerischsten vorkamen, auch die Darsteller. Nun musste flugs eine erzählerische Linie erfunden werden, die alles miteinander verband: das Mara Serena Hotel in Nairobi, die Touristen-Camps in den Nationalparks, eine kleine Hütte in den Slums und das Thema der Emanzipation. Ich koppelte die Vorgaben vermittels einer langhaarigen Geschichte über ein gefallenes aber wiederauferstehendes Mädchen vom Land auf drei Seiten step outline und war, ehe ich mich versah, in der Maasai Mara, um den Dreh zu überwachen. Ich war damals so überwältigt und besorgt, dass ich kaum mitbekam, zwischen welch spektakulären Orten wir unentwegt pendelten. Die Maasai Mara ist ein Wildpark: die wilden Tiere leben unbeeinflusst vom Menschen, der in kleinen Touristenbussen dazwischen herum fährt, um sich anzuschauen, was passiert. Ich erinnere mich deutlich, wie "melancholisch" die Tiere in freier Wildbahn mir vorkamen. Ständig sieht man sie beschäftigt mit ihrem Überleben, hastig, panisch die kleinen Pflanzenfresser, hier noch und dort noch etwas abzupfend, bevor sie weiter rennen. Auch das Bestreben, bloß nicht den Kontakt zu den anderen zu verlieren. Ich habe das Bild einer Zebraherde vor Augen, die eine Fluss durchquerte, humpelnd verfolgt von einem der Tiere, das einem Löwen entkommen sein musste, denn ein Gutteil seines Rücken war weggerissen, das Fleisch glänzte noch in der Abendsonne. Es versuchte unentwegt, sich zwischen seine Gefährten zu drängen, die ihm auswichen. Wenn wir nach Sonnenuntergang nicht mehr drehen konnten, beherbergten uns die sog. "Camps", Luxusherbergen in der Wildnis, die regelmäßig überbucht waren. Ich erinnere mich, wie die französischen Touristen dann immer ein Riesenspektakel, sinnlose Sit-ins in der Lobby, machten, während die Deutschen sich in richtiger Einschätzung der Lage ohne zu murren in Dienstbotenquartiere abführen ließen. Die Büffets nach Einbruch der Dunkelheit waren spektakulär, Maasai-"Krieger" tauchten auf, um ihre Speertänze vorzuführen, und die Ranger erzählten wilde Tier-Geschichten: wie man angreifenden Elefanten entkommt - dass die Büffel, wenn sie einen Menschen auf dem Kieker haben, erst alle Bäume umhauen, auf die er sich flüchten könnte, um ihn dann selbst zu erledigen. Der heimtückischste Menschenfeind aber ist das Nilpferd, man kann ihm nicht entkommen. Ich dachte erst, das sei Touristengarn. Aber eines frühen Morgens, als wir raus zu einem Bergmotiv fuhren, die Piste war auf einem Damm, sah ich weiter unten ein Nilpferd neben uns rennen, wenn ich den Tacho unseres Jeeps konsultierte, mit annährend 50 KmH. Dem entkommt kein Mensch. Und dabei sind die Nilpferde Vegetarier.

Mörderinnen

Der Impuls, das eigene Kind umzubringen, ist verbreiteter, als allgemein angenommen, wenn man sich nur länger mit einer erfahrenen Hebamme unterhält. Meine eigene Mutter hatte es mir einmal fröhlich gestanden, da sie es kaum fertig brachte zu lügen, einer ihrer besseren Charakterzüge. Am gespenstischsten aber erfuhr ich diese Wahrheit in meiner Jugend auf einer Bahnfahrt, die bis heute in meinem Gedächtnis stattfindet. Damals war Interrail angesagt. Wir durchquerten mit Rucksäcken Europa vom Nordkap bis hinein nach Marokko. Marrakesch! Statt in Hotels schlief man oft im Zug, das war mit der Netzfahrkarte kostenlos. Ich erinnere mich, während des Paris-séjour abends immer nach Limoges gefahren, dort gegen drei Uhr nachts ausgestiegen zu sein und den Rest der Nacht im Zug zurück nach Paris geschlafen zu haben. Zum Frühstück war man zurück. Irgendwann in dieser Zeit landete ich in einem Nachtexpress ins damalige Jugoslawien, in einem Abteil mit einer dicken jungen Mutter und drei Kindern, einem zehnjährigen, einem vierjährigen Jungen und einem Säugling, der an ihren gewaltigen Brüsten hing, die ihm ohne weiteres hätten die Luft abdrücken können. Die junge Mutter beschrieb mir, wie sie sich das manchmal ausmalte. Aber der Säugling war in Sicherheit, ebenso der Vierjährige, ein fröhlicher Sonnenschein, der mich öfters auf meiner obersten Liege besuchte. Der Schwarzen Peter war beim Ältesten, für den die Mutter nur Verachtung übrig hatte. Er strahlte inzwischen etwas Äffisches aus, versuchte unentwegt mit plumpen, schleudernden Bewegungen zustande zu bringen, was ihm ein bisschen Achtung einbringen sollte. Aber er stießt dabei nur an oder etwas um und zog sich noch mehr Groll zu. Es war hoffnungslos. Und wenn er seinem kleinen Bruder nachkletterte auf meine Liege, um etwas von meinem Zurücklachen abzubekommen, befremdete er mich ebenfalls, tat mir zugleich leid, wie ein Bettler, den man mit Kleingeld loswerden möchte. Schließlich stellte er eine weitere Eselei an, und die Mutter sagte: "Jetzt reicht's. Du kommst ins Heim." Ihre Worte haben sich mir eingeprägt wegen des Gesichtsausdrucks des Sohnes. Er war noch zu jung, um ihren Bluff zu durchschauen, und alles brach in ihm zusammen. Die Vorstellung, von dieser Mutter und seinen Geschwistern, um deren Achtung er unentwegt kämpfte,  getrennt zu werden, stürzte ihn in eine tiefe, untröstliche Verzweiflung. - Die Macht der Mutter ist so gewaltig, unbesiegbar, dass es nur zwei Film-Handlungen gibt, die es fertig bringen, sie als Widersacherin zuzulassen: die Schwarze Komödie und der Horrorfilm, denn jedes seiner Monster ist wesentlich "Mutter" (Name des Computers in Alien). Ich denke heute, dass Frauen in der Regel verträglicher sind als Männer, weil die unverträglichen ihre Kinder umgebracht haben und sich deswegen nicht  fortpflanzen konnten. Aber manchmal tauchen Mutationen auf, wenige zwar, aber es gibt sie. Und wehe dem dann, der auf sie angewiesen ist.  

Die Erwählten

"Der Mensch", sagt Davila, "bewundert aufrichtig nur das Unverdiente. Talent, Abstammung und Schönheit." Daran musste ich neulich im Hallenbad von Giesing denken, wo ich beinahe täglich ca. 60 Minuten für einen bizarren Anblick im Nichtschwimmerbecken sorge. Einen Gürtel um die Hüften, von dem ein Gummiseil zu einem Saugnapf reicht, der am Rand des Beckens haftet, paddele ich dann schäumend in Rückenlage auf der Stelle, die sog. "Schwimmstrippe" verwendend, die uns Rückenschwimmer vor sonst unliebsamen Zusammenstößen - im Giesig-Bad vor allem mit zornigen Rentnern - bewahrt. Ich bevorzuge die publikumsarmen Zeiten, aber die lassen sich nicht immer berechnen, und manchmal sind viele Kinder in meiner Nachbarschaft, allein schon wegen der alle 10 Minuten in linken Beckenreich hervorsprudelnden Fontäne. Die meisten machen einen Bogen um mich. Die neugierigeren - vor allem Mädchen - tauchen mit ihren Schwimmbrillen "zufällig" in meiner Gegend herum, um zu erkunden, was mich auf der Stelle hält. Ein paar Guckindielufts oder nur Dumme, die es überall gibt, verheddern sich sporadisch in der Strippe. Neulich aber tauchte in meinem rechten Blickfeld ein merkwürdiger kleiner Patron auf, höchstens 18 Monate alt und beinahe über dem Wasser schwebend infolge der ganzen Schwimmgürtel, in die er gepackt worden war. Er wippt wie eine Boje auf der Stelle, sich kaum voran bewegend, und ließ mich die ganze Zeit nicht aus den Augen. Kleine Kinder sind noch nicht in der Lage zu starren, sondern versprühen jene tiefernste Aufmerksamkeit, welche in der Lage ist, Begriffe aus dem Sein zu saugen, das so überreichlich davon zur Verfügung stellt. Die Situation, das fragend-neugierige Schweben gegenüber der schäumenden Welt, zu der gerade auch ich gehörte, hatte etwas Eindringlich-Erhabenes. Ich sah mich nach der Mutter um, die schräg hinter mir halb im Wasser saß, dunkelhäutig und tätowiert im Bikini mit der Ausstrahlung einer Rockerbraut, wie ich fasziniert von der Anmut des kleinen Engels, den sie hervorgebracht hatte, sobald sie ihn ansah. - Natürlich sind wir Menschen alle gleich. Vor dem Gesetz. Worin aber nicht enthalten ist, dass es keine Unterschiede gäbe z. B. vor der Kamera oder auf der Bühne. Es sind nun mal manche Menschen schöner anzuschauen als andere. Umso mehr, je weniger sie - und wir - etwas dafür können.

Das spirituellste Erlebnis meines Lebens . . .

. . .hatte ich nicht in einer Kirche oder anlässlich irgendeines der Events, die heute den Gottesdienst ersetzen, sondern an Bord der RMS St. Helena vor der Küste Kapstadts. Die RMS ist ein königliches Postschiff, welches die Britische Kronkolonie St. Helena mit dem Mutterland verbindet. Sie kommt mit 15 km/h von Cardiff über Teneriffa zur Insel St. Helena im Atlantik, fährt weiter nach Kapstadt und dieselbe Strecke wieder zurück. An Bord geht es gemächlich zu unter den nie mehr als 50 Passagieren; man stampft viele-viele Tage ereignislos durch die Wellen des Atlantiks. Nach Ablegen packt einen unfehlbar die Seekrankheit und lässt nie wieder los, es sei denn man trotzt ihr auf der Stelle und würgt - ungeachtet von Übelkeit und Brechreiz - im kleinen Speisesaal alles hinunter, was das Büffet zur Schau stellt, dann hat man nach 12 Stunden ca. eine Chance auf Ruhe. Auf St. Helena leben die 4.000 Bewohner in kleinen Siedlungen abgekapselt vom Rest der Welt, es gibt keinen Flughafen. Nur das Postschiff schaut alle 1 1/2 Monate vorbei. Nach Kapstadt waren wir 5 eintönige Tage unterwegs, näherten uns gerade der Stadt bei Nacht, da entstand eine Unruhe an Bord. Die Passagiere signalisierten untereinader, dass es etwas Außerordentliches zu sehen gäbe. Auch ich hielt Ausschau und erfuhr, dass es ein kleines Mädchen an Bord gäbe, die gerade zum ersten Mal in ihrem Leben eine Stadt sehen würde. Sie war 10 Jahre alt und rannte die Fenster der oberen Galerie entlang. Zwischendurch winkte sie einen erregt heran, das Ungeheueliche mit ihr zu teilen. Sie kletterte auf die verschiedenen Decks, immer wieder die Fenster suchend, durch die sie sich nie satt sehen konnte, den Umstehenden die frohe Botschaft zurufend. Kapstadt bei Nacht vom Meer aus bietet einen großartiges Tableau, glitzernde Diamanten, hingestreut vor den von Lichtfingern erhellten Altar des Tafelbergs. Trotzdem lag etwas in der Begeisterung des kleinen Mädchen, das uns betroffen machte, weil sie sah - dasselbe, was wir täglich sehen, aber auch die allzeit darin liegende Offenbarung. Es ist ein Wunder, dass es diese Welt gibt - dass sie gerade so ist, wie sie uns begegnet. Es erreicht uns durch unsere Sinne und lässt dabei keine Frage offen.

Die guten Geister des Friedhofs

Am einfühlsamsten den Hinterbliebenen gegenüber hatte ich damals die Wärter des Essener Parkfriedhofes erlebt, deren Bemühungen, es allen Kulturen recht zu machen, die komischsten und rührendsten Folgen hatten. Oft war ich als Kind mit meiner Mutter unter den Bäumen des nahe unserer Wohnung in kleine Siedlungstraßen auslaufenden Friedhofs sonntäglich umherspaziert, ahnungslos, wie früh sie hier begraben sein würde. Die Beerdigung hatten mein Bruder und ich alleine auszurichten. Wir organisierten eine kleine Multi-Media-Show aus den Lebensspuren unserer Mutter, die glücklicherweise ein ziemlicher Erfolg wurde, soweit dieser Begriff für einer Beerdigungsfeier gelten darf. Ich erinnere mich noch heute eine junge Frau, welche die ganze Zeit intensiv und schön weinte, von der ich gar nicht wusste, wie sie zu unserer Trauergemeinde gehörte. Meine Mutter hatte zum Glück noch ein umfangreiches Leben jenseits der Familiengrenzen. Ihr Tod hatte uns natürlich mit den Berufszweigen in Verbindung gebracht, welche die Weiterungen betreuen, die taktvollsten Deutschen, die ich bisher im Leben kennengelernt hatte. Am tiefsten beeindruckten mich aber die Friedhofswärter, weil sie, wenngleich kleine Beamte, die im Dienste Bier tranken und Nikotinfinger hatten, doch sehr feinfühlig waren. Sie halfen mir bei allen, auch den esoterischsten Vorbereitungen zu unserem Begängnis, und erzählten von anderen bemerkenswerten Totensitten. Wie z. B. die ersten Türkinnen zur Überraschung der noch Uneingeweihten mit einer Zinnbadwanne angerückt waren, um die Leiche des Patriarchen auf dem Kühlkammer-Flur zu waschen. Inzwischen hat der Friedhof dafür einen eigenen Raum mit eigener Zinnbadewanne. Am einfühlungsbedürftigsten aber waren die Chinesen. Der Parkfriedhof in Essen Steele hat nämlich ein Quartier für Chinesen, die aus ganz NRW hier beerdigt werden. Dabei gibt es einige Bräuche zu beachten. Z. B. wird den Toten Geld mit ins Jenseits - also ins Grab - gegeben, und man muss aufpassen, dass es zu keinen Räubereien kommt. Auch waren die Essener Friedhofswärter erschrocken, als die trauernden Asiaten sich "in ihren Anzügen" neben dem Gab auf die Erde warfen - und hatten inzwischen auf Stadtkosten Teppiche angeschafft, damit die Fremden sich nicht unnötig schmutzig machen. Für die chinesische Trauerfeier wird die Friedhofskapelle mit einem rundlaufenden Stoffband voller Schriftzeichen dekoriert. Als die Friedhofswärter es zum erstenmal anbrachten und die Trauergemeinde eintraf, wäre die Großmutter beinahe in Ohnmacht gefallen. Die Zeichen hingen verkehrt herum! Ein schlechtes Omen . . . Seitdem können die Friedhofswärter in Essen Steele genug Chinesisch lesen, um böse Geister aus der Friedhofskapelle fernzuhalten. Das alles liegt jetzt schon mehr als 20 Jahre zurück. Das Grab meiner Mutter ist aufgelöst worden. Als wir vor der Frage standen, es zu verlängern, in jener Stadt, an jenem Ort, den wir nur noch in unserer Erinnerung aufsuchen, entschieden wir uns, ihr lieber weiter einen virtuellen Grabstein zu setzten - hier in Facebook, wo ihr sie heute - oder, wenn euch das gerade nicht passt - auch in 100 Jahren noch besuchen könnt.

Nur Mut

Ich würde mich spontan als feige bezeichnen, jemand, der sich erst mal wegmacht. Wahrscheinlich, weil ich soviel davon in den Gazetten Zeitung gelesen habe und deswegen glaube, ich müsste wie alle handeln. Dabei hatte mir einmal etwas Zivilcourage die Reisekasse gerettet! Denn als ich meine spätere Frau vom Flughafen in Paris abholte, wir das Hotel hinter uns gebracht hatten und noch etwas via Metro umherirrten, sprangen, ich weiß nicht mehr an welchem Bahnhof, zwei jungen Schwarze zu uns herein, gefolgt vom Auftauchen des verzweifelten Gesichts einer Amerikanerin direkt vor meinem, welches ich noch durch die sich zwischen uns schließenden Türblätter sagen hörte: "But he just stole my purse!" Ich stand unmittelbar neben den beiden jungen Männern im weiterfahrenden Zug. Meine Freundin, Kanadierin, hatte die letzten Worte der Bestohlenen mitbekommen, wir schauten uns aber nur betreten an. Was war zu tun? Schließlich sagte ich, herzklopfend, zu dem jungen Mann neben mir: "La fille au quai disait que vouz avez chopé son sac." Die Antwort war explosiv, weniger aggressiv, als ich befürchtet hatten. Die Angesprochenen verteidigten sich wild gestikulierend: was mir Anlass gäbe zu solch abwegigen Behauptungen usf. Wir fuhren ein in den nächsten Bahnhof. Sobald die Türen aufzischten, stürzten die beiden hinaus. Ich hinterher, gefolgt von meiner Gefährtin, die aber plötzlich umkehrte in den U-Bahn-Wagen. Dort lag auf dem Fußboden ihr Brustbeutel mit der gesamten Reisekasse für das nächste 1/2 Jahr. Sie las ihn hastig auf, und wir hatten noch einen schönen Urlaub in Griechenland und Italien.

Die dunkle Seite der Macht . . .

. . .hatte auch mich einmal gerufen. Noch heute schwindelt mir etwas bei der Erinnerung an das von der Stirne gewischte Blut - damals in Kalkutta. Die indische Göttin Kali kann bestochen werden. Wenn einem bei uns jemand auf den Zeiger geht oder im Weg steht, und wir wünschten ihm eine tödliche Krankeit auf den Hals - an wen kann man sich da schon wenden? Der Hindu geht zum Kali-Tempel. Dort kann man Tiere opfern lassen, nicht gerade billig, um bösen Zauber zu dingen. Es werden ca. 5.000 € investiert, um den Mitbewerber um einen begehrten Job oder eine Rivalin um einen wohlhabenden Bräutigam zu erledigen. Als neugieriger Tourist wurde ich natürlich gleich von einem der Priester beschlagnahmt, der mich überall herumführte. Es herrschte eine laute, gereizte Stimmung unter den schubsenden Besuchern des Tempels, der, wie ich erfuhr, auch von unfruchtbaren Frauen aufgesucht wurde; nach erfolgreicher Geburt brachten sie ihre Babys zurück, um deren schwitzende Köpfchen an den verschmierten Blutsteinen der Göttin zu reiben. Schon befand ich mich in einer waschküchenartigen Halle und sah jetzt überall die Straßenhunde. Sie äugten gierig, ohne sich näher heran zu wagen, auf Blutpfützen, die verstreut über den Kachelboden eindickten. Ein panisch-böse um sich schauender Ziegenbock wurde zu einem Holzgestellt gezerrt. Dort stand eine Familie und überreichte dem fetten, habnackten Priester ein dickes Bündel Geld. Nachdem dieses zweimal durchgegezählt und verstaut war, hieb ein dürrer Messdiener mit einem hakenförmigen Stecken auf eine schmutziges Trommel-Fell. Bong-bong-bong! Der Ziegenbock wurde in das Gestell gedrückt, der Priester holte mit einer messerförmigen Axt aus und hieb ihm den Kopf ab. Die Hunde sprangen erregt hinzu, um von dem Blut zu schlecken, bevor sie weggetreten wurden. Noch benommen von dem Schauspiel, folgte ich dem Priester ins Heiligtum der Göttin, randvoll schwitzender Besucher, die den Blick auf alles weitere versperrten. Ob ich die Göttin sehen wolle? fragt mich der Priester und bedeutete mir, mich zu bücken. Als ich in die Knie ging, bog sich auf einmal das Beingewimmel vor mir auseinander, bildete einen Tunnel, an dessen Ende Kali erschien: drei dicke weiße Striche stießen auf einen schwarzen Punkt, welcher aus der Mitte einer dreckigen Steinplatte starrte. Ich spürte etwas Feuchtes im Gesicht, zugleich schloss sich ein Band um meinen Arm. Der Priester hatte mir Blut aus dem Opferraum auf die Stirne geschmiert und eine zottige Devotionalie angelegt. - Die riss ich mir, als ich auf die Straße entkommen war, augenblicklich vom Handgelenk und reinigte meine Stirn von dem Blut aus Kalis Tempel. Nur zögernd fühlte ich die böse Nässe weichen . . .