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WIE WITTGENSTEIN UNS HELFEN KANN, DIE HERAUSFORDERUG DES AUSLÄNDISCHEN ZU VERSTEHEN


Ich bin in meinem Leben in vielen Teilen der Welt gewesen. Eigentlich fast überall außer Lateinamerika. Je mehr ich herum kam, desto mehr fielen mir die Deutschen auf. Egal, wo man hinkommt, es gibt immer einen Deutschen, der dorthin ausgewandert ist. Und er hat fast immer einen an der Waffel. Wenn er gerade erst angekommen ist, idealisiert er seine neue Heimat und macht Deutschland herunter. War er länger im Ausland, verhält es sich genau andersherum.

Wer zwei Frauen liebt, verliert sie Seele, sagt der französische Volksmund, wer in zwei Häusern lebt, verliert den Verstand.

Wie dieser Verlust des Verstandes vor sich geht, gehen muss, erhellt aus den Beobachtungen Ludwig Wittgensteins zum Wesen des Gemütes.

Unser Denken vollzieht sich in einem Netzwerk von Begriffen, denen gemäß wir die Wirklichkeit auffassen und handhaben. Die meisten Philosophen kommen nicht über diese Beobachtung hinaus - stellen Bewusstsein und Wirklichkeit einander gegenüber, ohne auseinander setzen zu wollen, wie die beiden aufeinander bezogen sind. Die Begriffe, welche alles bedeuten, werden selber nicht weiter erklärt, sondern hingenommen als etwas geistig Gegebenes.

Hier setzt Wittgensteins grundsätzlicher Gedanke an: zum Wesen des Begriffs, das er im von ihm sog. Sprachspiel ausmacht.

Was Wittgenstein mit Sprachspiel markieren möchte, heißt später bei Luhmann Kommunikation und wird ursprünglich dargestellt durch den Blickwechsel Mutter-Baby. Denn offenbar geht etwas Bedeutendes vor zwischen den beiden. Ihre Gegenseitigkeit hat Witz. Hier lokalisiert Wittgenstein den Ursprung von Begreifen und Bewusstsein, dessen später noch so vielschichtige und verflochtene Erscheinungen doch immer den sinnstiftenden Grundzug des zwischenmenschlich Antwortenden haben.

Wenn ich denke, befindet sich mit anderen Worten immer jemand anderes in meinem Kopf, auf den ich antworte, und der mir antwortet.

Das Sprachspiel, in dem sich Menschen, Alltag und Sprache gegenseitig bedingen, wird in Wittgensteins Spätphilosophie zum Ursprung der Bedeutung. 

Die Verstandestätigkeit entspringt hiermit zum ersten Mal im westlichen Denken nicht der Gegenüberstellung von Einzelnem und Gegenstand, welche der Philosoph versucht, aufeinander zu beziehen. Wittgensteins Philosophische Untersuchungen beginnen mit etwas, was sich bis dahin niemand als Startpunkt vorstellen konnte, und es fällt, wenn man das Werk zum ersten Mal liest, schwer, Verständnis für etwas zu entwickeln, das so offensichtlich zusammengesetzt ist wie das Sprachspiel, als Keimzelle der Besinnlichkeit.

Doch Wittgensteins Genie besteht genau in diesem Erkennen der dreifachen Wechselbeziehung – von Menschen, Umgebung und Sprache – als Ureinheit der Bedeutung. Dadurch erfüllt er den Traum eines jeden Philosophen, endlich hinauszukommen über das Subjekt-Objekt-Schema als Startpunkt des Denkens, ohne dabei doppeldeutig werden zu müssen. Wie es möglich sein könnte, Bedeutung schlechthin zu besichtigen, noch bevor der einzelne Mensch einer Welt gegenübertritt, darauf war vor Wittgenstein noch niemand gekommen.

Was er unter „Sprachspiel“ versteht, veranschaulicht Wittgenstein ab dem zweiten Paragrafen seiner Philosophischen Untersuchungen: „Denken wir uns eine Sprache […]. Die Sprache soll der Verständigung eines Bauenden A mit einem Gehilfen B dienen. A führt einen Bau auf aus Bausteinen; es sind Würfel, Säulen, Platten und Balken vorhanden. B hat ihm die Bausteine zuzureichen, und zwar nach der Reihe, wie A sie braucht. Zu dem Zweck bedienen sie sich einer Sprache, bestehend aus den Wörtern: ‚Würfel‘, ‚Säule‘, ‚Platte‘, ‚Balken‘. A ruft sie aus; – B bringt den Stein, den er gelernt hat, auf diesen Ruf zu bringen. – Fasse dies als vollständige primitive Sprache auf.“

Am wichtigsten hier: die „Vollständigkeit“, welche „aufzufassen“ einem geraten wird. „Ich werde auch das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, das ‚Sprachspiel‘ nennen“, fügt Wittgenstein erklärend hinzu. „Das Wort ‚Sprachspiel‘ soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform.“

Weitere Sprachspiele, welche Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen anführt, sind nicht immer der Wirklichkeit entnommen, sondern manchmal als „Vergleichsobjekte“ erfunden worden, um die Aufmerksamkeit auf wichtige Merkmale zu lenken. Als existierende Sprachspiele zitiert er: 

• Befehlen und nach Befehlen handeln
• Beschreiben eines Gegenstands nach dem Ansehen oder nach Messungen
• Herstellen eines Gegenstands nach einer Beschreibung (Zeichnung)
• Berichten eines Hergangs
• Über den Hergang Vermutungen anstellen
• Eine Hypothese aufstellen und prüfen
• Darstellen der Ergebnisse eines Experiments durch Tabellen und Diagramme
• Eine Geschichte erfinden und lesen
• Theater spielen
• Reigen singen
• Rätselraten
• Einen Witz machen, erzählen
• Ein angewandtes Rechenexempel lösen
• Aus einer Sprache in die andere übersetzen
• Bitten, danken, fluchen, grüßen, beten

Es hilft, sich vorzustellen, die hier aufgelisteten Sprachspiele seien gerade erst entstanden, spontan in die Welt getreten vor Millionen Jahren, um zu erkennen, dass in ihnen die Keimzelle von zum Beispiel Physik, Architektur, Geschichte, Theoriebildung oder Humor liegt.

Wie viele Sprachspiele gibt es?

Unendlich viele – neue kommen ständig in die Welt, alte verblassen.

Sprachspiele als Teil einer Kultur sind Erweiterungen einer noch primitiveren organischen Entwicklung, welche Wittgenstein als die Naturgeschichte der Menschen beschreibt: „Befehlen, fragen, erzählen, plauschen gehören zu unserer Naturgeschichte so wie gehen, essen, trinken, spielen.“ Nicht alle Sprachen verwenden Wörter, einige bestehen aus Nummern – oder Gesten – oder Tönen. Auch Bienen, Ameisen, Vögel oder Schimpansen haben ihre jeweilige Sprache. Die menschliche Wortsprache aber ist Teil der menschlichen Naturgeschichte, welche deswegen nicht etwa erklärt, warum wir sprechen, sondern diesen Entwicklungsschritt eben mit sich bringt.

Von großer Bedeutung ist schließlich noch die Beziehung zwischen Sprachspiel und Lebensform, Wittgensteins Bezeichnung für das Unbewusste, in Form des Alltags.

„Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen“, schreibt Wittgenstein dazu in den Philosophischen Untersuchungen, „die nur aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht. – Oder eine Sprache, die nur aus Fragen besteht und einem Ausdruck der Bejahung und der Verneinung. Und unzählige Andere [sic!]. – Und eine Sprache vorstellen heißt, sich [einen Alltag] […] vorstellen.“

Zu einer Sprache, die nur aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht, gehört dann zum Beispiel der Alltag „Krieg“. Besteht eine Sprache nur aus Fragen und einem Ausdruck der Bejahung oder der Verneinung, ist sie im Alltag „Gerichtsverfahren“ anzusiedeln.

Ein Alltag besteht aus sich wiederholenden Aktivitäten, egal, ob sie nun kultureller oder biologischer Natur sind. Sich einen menschlichen Alltag vorzustellen, heißt, sich eine Sprache – wohlgemerkt noch kein Sprachspiel – vorzustellen: „Das Wort ‚Sprachspiel‘ soll […] hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder […] [eines Alltags] […].“

Dass sich der menschliche Alltag aus etwas sich Wiederholendem zusammensetzt, beinhaltet unter anderem, dass gesprochen wird – also Sprachspiele stattfinden.

Der Alltag kann nun beispielsweise jener der Geschäftswelt sein; eines seiner Sprachspiele wäre dann die Werbung. Er könnte auch im Bereich der Therapie verortet sein; in dem Fall wäre ein Sprachspiel die Psychoanalyse. Im Alltag der Wahrsagerei bestünde ein Sprachspiel im Handlesen, in einer Welt, die sich nur ums Glücksspiel dreht, hieße ein zugehöriges Sprachspiel Lotto, usw.

Ich komme auf meine einleitende Wahrnehmung zurück: wie deutsche Auswanderer nach meiner Beobachtung nicht selten einen "an der Waffel" - also Bewusstseinsprobleme - zu haben scheinen. Denn wenn unser Bewusstsein eine Funktion der Umgebung ist, in welcher es sich ausbildete, kommt es in Schwierigkeiten, je mehr Umgebungs-Antworten abweichen von denen, die ein Bewußtsein ursprünglich zu Wege brachten.

In einem fremden Kulturkreis lauert immer die Gefahr des Nervenzusammenbruchs für solche Personen, deren Begriffswelt und daher innere Gesetztheit sich anderen Zusammenhängen verdankt.

Freilich gibt es beweglichere Gemüter, die Fremdsprachengenies, die sich vergrößern mit dem Aufenthalte in unterschiedlichen Kulturen, dadurch aber nicht selten auch an Unförmigkeit gewinnen. Ich erinnere mich an einen jungen Mann in Bangkok, der ständig - mitten im Satz - von einer Sprache in die andere wechselte und dadurch mehr Verwirrung signalisierte als Weltgewandtheit. Es ist auch bekannt, dass Diplomaten nur mit Schwierigkeiten einen Altersruhesitz finden.

Wie den Deutschen im Ausland könnte es auch den Ausländern in Deutschland gehen, die uns daher immer wieder mit Nervenzusammenbrüchen überraschen dürften.



SIND DEKONSTRUKTIVISMUS UND GENDER-THEORIE MODERNDE ERSCHEINUNGEN DES BILDERSTURMS?

Der Bilderstreit geht zurück auf das Alttestament-Verbot, Gott sich leibhaftig vorzustellen. Die Kirche meinte schließlich, Gott könne abgebildet werden: indem er Mensch wurde. Daraus entwickelte sich die Auffassung der Welt als Offenbarung Gottes - einer der letzten Punkte, in dem wirklich alle Christen sich einig waren: Bilder haben ihren Platz in der Kirche, weil Gott sich in dem zeigt, was unsere Sinne erreicht, folglich auch in dessen Wiedergabe.

Ist die Postmoderne, indem sie die Vorstellung von etwas Wirklichem, somit Abbildbaren zersetzt, eine Weiterung des Alten Testaments? Geht beispielsweise die Gender-Theorie zurück auf den Bilderstreit, indem sie einen notwendigen Zusammenhang zwischen Vorstellung und Gegebenheiten bestreitet?

Der sinnlich wahrnehmbare Teil eines Menschen offenbart, sagt die Gender-Theorie, nichts Seelisches. Darin gleicht sie der gnostischen Häresie, welche das Jenseits radikal unterscheidet vom Diesseits und keinen Zusammenhang sieht zwischen den beiden. Weiblichkeit oder Männlichkeit wären demzufolge keine Gegebenheiten, sondern Vorstellungen, also Willenssache. Wissenschaftler, welche den menschlichen Körper betrachten, um Geschlechtsunterschiede festzustellen, sind biologische Essentialisten, eine Form des intellektuellen Faschismus.

Die Postmoderne stellt fest, dass alle Formen gleichwertig sind und daher jede mit demselben Recht in Erscheinung treten kann. Das überkommene Christentum nimmt dagegen an, Gott zeige sich in bestimmten Gegebenheiten oder Verläufen der Welt, die dadurch liturgische Bewandtnis haben. (So wie nicht alle Bewegungen als Tanz qualifizieren, dieser aber trotzdem nicht ohne Bewegungen auskommt).

Man kann die Postmoderne als „neue Gnosis“ bezeichnen: wir sind Geister, unsere Körper zählen nicht, können jederzeit unserem Wollen angepasst werden.

Dies entspricht nicht der christlichen Vorstellung vom Wesen einer Person, die sich eher im Handel mit Reliquien zeigt. Der christliche Heilige muss wie Gott einen Körper gehabt haben und von diesem bestimmt gewesen sein.

Freilich lässt sich jeder Ausschnitt der Welt in unendlich verschiedener Weise deuten. Was je vorherrscht, gibt immer weitere Möglichkeiten ein. Der Zweck bestimmt die Bedeutung. Bricht ein Feuer aus in meiner Wohnung, welche Gegenstände versuche ich zu retten? Deren Bewandtnis entsteht erst durch die Flammen.

Nicht wenige postmoderne Autoren blicken zurück auf eine Abrichtung als Mediävisten und waren daher vertraut mit der mittelalterlichen Angewohnheit, Bibelstellen vielfältig auszulegen = wie diese einerseits nur Voraussetzungen beschreiben, andererseits engelhaft sind, dann wieder eine gesellschaftliche oder persönliche Bewandtnis haben usf. In jeden dieser verschiedenen Bereiche entfaltet sich das Gefüge des Textes in besonderer Weise. Die Postmoderne stellt diese Vielfalt der Bedeutungen heraus, sieht aber ab Sinn ihrer Anwendung.

Wenn wir etwas sagen, ist damit immer auch sein Gegenteil verworfen - und dadurch impliziert. Derrida vor allem hebt das mit jeder Äußerung Unausgesprochene hervor, welches er auf das Niveau des Gesagten hebt. Wodurch die Grenzbestimmung zu dem wird, was sie einfasst, und letzteres wiederum zu dessen Umriss. In derselben Weise lässt sich im Übrigen jeder Text Derridas abbauen; er besagt dann das genaue Gegenteil seiner Oberfläche, holt das Überkommene wieder ins Sein = der post-post-moderne Vormarsch vor allen der heutigen Internet-Clowns.

Eigene Tugend erfinden

Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber mein Bruder, wenn du ein Stern sein willst, so mußt du ihnen deshalb nicht weniger leuchten! Und hüte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne die, welche sich ihre eigne Tugend erfinden – sie hassen den Einsamen. NIETZSCHE

Friedrich Nietzsche: Der Ernst des Handwerks



Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten! Es sind große Männer aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren. Aber sie bekamen Größe, wurden »Genies« (wie man sagt), durch Eigenschaften, von deren Mangel niemand gern redet, der sich ihrer bewußt ist: sie hatten alle jenen tüchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Teile vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein großes Ganzes zu machen; sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen, Nebensächlichen hatten als an dem Effekte eines blendenden Ganzen. Das Rezept zum Beispiel, wie einer ein guter Novellist werden kann, ist leicht zu geben, aber die Ausführung setzt Eigenschaften voraus, über die man hinwegzusehen pflegt, wenn man sagt »ich habe nicht genug Talent«. Man mache nur hundert und mehr Entwürfe zu Novellen, keinen länger als zwei Seiten, doch von solcher Deutlichkeit, daß jedes Wort darin notwendig ist; man schreibe täglich Anekdoten nieder, bis man es lernt, ihre prägnanteste, wirkungsvollste Form zu finden; man sei unermüdlich im Sammeln und Ausmalen menschlicher Typen und Charaktere; man erzähle vor allem so oft es möglich ist und höre erzählen, mit scharfem Auge und Ohr für die Wirkung auf die anderen Anwesenden, man reise wie ein Landschaftsmaler und Kostümzeichner; man exzerpiere sich aus einzelnen Wissenschaften alles das, was künstlerische Wirkungen macht, wenn es gut dargestellt wird, man denke endlich über die Motive der menschlichen Handlungen nach, verschmähe keinen Fingerzeig der Belehrung hierüber und sei ein Sammler von dergleichen Dingen bei Tag und Nacht. In dieser mannigfachen Übung lasse man einige zehn Jahre vorübergehen: was dann aber in der Werkstätte geschaffen wird, darf auch hinaus in das Licht der Straße. – Wie machen es aber die meisten? Sie fangen nicht mit dem Teile, sondern mit dem Ganzen an. Sie tun vielleicht einmal einen guten Griff, erregen Aufmerksamkeit und tun von da an immer schlechtere Griffe, aus guten, natürlichen Gründen. – Mitunter, wenn Vernunft und Charakter fehlen, um einen solchen künstlerischen Lebensplan zu gestalten, übernimmt das Schicksal und die Not die Stelle derselben und führt den zukünftigen Meister schrittweise durch alle Bedingungen seines Handwerks.

Nietzsche gegen den Nihilismus

Nackt hatte ich einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen: allzuähnlich einander, allzumenschlich auch den Grössten noch!

Von da an sind alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe ich mich so gut als jemand auf Angeln? ... Wenn Nichts sich fing, so liegt die Schuld nicht an mir. Die Fische fehlten .

Wir aber wollen die werden, die wir sind, — die Neuen, die Einmaligen, die Unvergleichbaren, die Sich-selber-Gesetzgebenden, die Sich-selber-Schaffenden!

Im Grunde weiß jeder Mensch recht wohl, dass er nur einmal, als ein Unikum, auf der Welt ist und dass kein noch so seltsamer Zufall zum zweiten Mal ein so wunderlich buntes Mancherlei zum Einerlei, wie er es ist, zusammenschütteln wird: Er weiß es, aber verbirgt es wie ein böses Gewissen — weshalb?

Bei den allermeisten ist es Bequemlichkeit, Trägheit, kurz jener Hang zur Faulheit . . . die Menschen sind noch fauler als furchtsam und fürchten gerade am meisten die Beschwerden, welche ihnen eine unbedingte Ehrlichkeit und Nacktheit aufbürden würde.

Manche leben in Scheu und Demut vor ihrem Ideale und möchten es verleugnen: sie fürchten ihr höheres Selbst, weil es, wenn es redet, anspruchsvoll redet.

Die junge Seele sehe auf das Leben zurück mit der Frage: was hast du bis jetzt wahrhaftig geliebt, was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir auf, und vielleicht ergeben sie dir, durch ihr Wesen und ihre Folge, ein Gesetz, das Grundgesetz deines eigentlichen Selbst. . . denn dein wahres Wesen liegt nicht tief verborgen in dir, sondern unermeßlich hoch über dir, oder wenigstens über dem, was du gewöhnlich als dein Ich nimmst.

Im Schmerz ist soviel Weisheit wie in der Lust . . . dass er weh tut, ist kein Argument gegen ihn, es ist sein Wesen.

Wie? Das letzte Ziel der Wissenschaft sei, dem Menschen möglichst viel Lust und möglichst wenig Unlust zu schaffen? Wie, wenn nun Lust und Unlust so mit einem Stricke zusammengeknüpft wären, daß, wer möglichst viel von der einen haben will, auch möglichst viel von der andern haben muß – daß, wer das »Himmelhoch-Jauchzen« lernen will, sich auch für das »Zum-Tode-betrübt« bereit halten muß?

. . . darum muß ich erst tiefer hinab, als ich jemals stieg: tiefer hinab in den Schmerz, als ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Flut! So will es mein Schicksal . . . Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, daß sie aus dem Meere kommen. Dies Zeugnis ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. Aus dem Tiefsten muß das Höchste zu seiner Höhe kommen.

Ich schätze die Macht eines Willens darnach, wie viel von Widerstand, Schmerz, Tortur er aushält und sich zum Vortheil umzuwandeln weiß.

Wer wird etwas Großes erreichen, wenn er nicht die Kraft und den Willen in sich fühlt, große Schmerzen zuzufügen?

Solchen Menschen, welche mich Etwas angehn, wünsche ich Leiden, Verlassenheit, Krankheit, Mißhandlung, Entwürdigung, – ich wünsche, daß ihnen die tiefe Selbstverachtung, die Marter des Mißtrauens gegen sich, das Elend des Überwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein Mitleid mit ihnen, weil ich ihnen das Einzige wünsche, was heute beweisen kann, ob einer Werth hat oder nicht, – daß er Stand hält.

Heraklit

Ein Philosoph, den ich so ganz wie gar nicht verstehe und, obwohl eigentlich anderes dran wäre, im Kopf herumwälze.

Hier der sagenhafte 50te Satz seiner Fragmente: „Habt ihr nicht mich, sondern mein Wort vernommen, ist es weise zuzugestehen, dass alles eins ist.“

Deutung 1: Indem wir sprechen, macht alles Sinn.

Deutung 2: Wenn ich rede, sage ich dies und das: Worte. Indem du sie aber vernimmst, sei nicht mir, Heraklit, hörig, sondern der Regel, welcher ich - sprechend - folge, wie du's eben zu tun in der Lage wärst. Ihrer Anmut gemäß wirst du inne, dass es etwas Denkendes gibt, das hellwach in Worten vorgeht und, verkörpert im Sein, sie erfüllt damit, dass jedes einzelne und ihm gegenüber die Dinge miteinander verbunden sind.

Deutung 3: Die Fassung hat keine Gestalt, aber verleiht sie.

DIE LIEBE, DIE DEM ZEUGUNGSWUNDER ENTGEGENFLIEGT, IST VOM WAHNSINN BERÜHRT

. . . das Sein der endlichen Dinge als solches ist, den Keim des Vergehens als ihr Insichsein zu haben; die Stunde ihrer Geburt ist die Stunde ihres Todes. - HEGEL Logik

Dionysos: Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit könnte ausgelegt werden als Genuß der zeugenden und zerstörenden Kraft, als beständige Schöpfung. - NIETZSCHE Wille zur Macht

Seit Aristoteles ist ja sogar ein vom Menschen gewöhnlich Wort, daß ohne einen Zusatz von Wahnsinn keiner etwas Großes vollbringe. Wir möchten statt dessen sagen: ohne eine beständige Sollizitation zum Wahnsinn, der nur überwunden werden, nie ganz fehlen darf. . . jener sich selbst zerreißende Wahnsinn, noch jetzt das Innerste aller Dinge, und nur beherrscht und gleichsam zugut gesprochen durch das Licht eines höheren Verstandes . . . die eigentliche Kraft der Natur und aller ihrer Hervorbringungen«. - SCHELLING Die Weltalter

ALLES GLEICH

Die Regisseurin Barbara Rohm sattelt auf den letzten Metoo-Erfolg einem Ruf nach mehr Gerechtigkeit: öffentliche Mittel müssen, was Film/TV betrifft, weniger nach historischen oder inhaltlichen, sondern nach statistischen Gesichtspunkten verteilt werden - nicht der vorhergehende Erfolg der Antragstellenden oder die Qualität eines Projektes sollen entscheiden, sondern ebenso ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, die gemäß ihrem Anteil an der Bevölkerung bedacht werden muss.
Erst mal geht es um die Gruppen der Frauen/Männer. Lässt sich aber weiter differenzieren. Das Verfassungsgericht hat gerade die Bundesregierung ermahnt, weitere Geschlechter zu bestimmen - man kann auch nach Hautfarben unterscheiden (Cis-Deutsche mit Subsahara-Wurzeln) usf. Die Debatte eskaliert gerade in den USA.
Hinzu kommt, dass die Genderforschung die geschlechtliche Identität vom Körper gelöst und zur Privatsache gemacht hat: eine Person ist immer das, wozu sie sich selber erklärt im Hinblick auf ihr Geschlecht.
Eine Verschärfung der Diskussion bis zu ihrem effektiven Zusammenbruch hat in den USA die Ausdehnung der Identitätssouveränität auf die Rasse zur Folge gehabt. Kann ich authentisch selbst bestimmen, dieser oder jener ethn. Gruppe anzugehören, oder legt das meine Geburt fest? (In Deutschland reklamierte da etwa mancher Philosemit gerne den Status des Juden, auch wenn er christlich getauft war.)
Zugrunde liegt die Auffassung, alle Menschen seien gleich, für Christen sind sie das bereits im Mutterleib, für deren Nachkömmlinge, nachdem sie einmal geboren wurden. Zwar ist der unmittelbare Glaube an Gott großteils abhanden gekommen, aber das Gleichheitsgebot vor ihm hält stand.
Wie kommen dann trotzdem Unterschiede zustande in Hinsicht auf Rang, Einkommen, Macht usf.? Durch Betrug und Gewohnheiten infolge desselben. Wenn eine Partei sich der anderen überlegen zeigt, hat sie dies verdient allein durch ihren Verstoß gegen das Gleichheitsgebot und abgelistet dem Entgegenkommen der ihr so Unterlegenen.
Die Verlierer und Opfer dieser Masche haben deswegen als Gewinner in punkto Gleichheit, da reicht ihnen niemand das Wasser, ein Recht auf Wiedergutmachung, eigentlich sogar die Krone.
"Im Grunde weiß jeder Mensch recht wohl", argumentiert Nietzsche dagegen, "dass er nur einmal, als ein Unikum, auf der Welt ist und dass kein noch so seltsamer Zufall zum zweiten Mal ein so wunderlich buntes Mancherlei zum Einerlei, wie er es ist, zusammenschütteln wird: Er weiß es, aber verbirgt es wie ein böses Gewissen — weshalb?" Woanders fügt er erklärend hinzu: "Bei den allermeisten ist es Bequemlichkeit, Trägheit, kurz jener Hang zur Faulheit . . . die Menschen sind noch fauler als furchtsam und fürchten gerade am meisten die Beschwerden, welche ihnen eine unbedingte Ehrlichkeit und Nacktheit aufbürden würde."
Also nicht kraft Angehörigkeit oder Gleichheit fände ein Mensch zu sich und dem, was zählt, sondern allein durch Innewerdung und Entwicklung seiner Voraussetzungen, sich ungleich zu machen. Die Gleichheit würde, so gesehen, höchstens die Startrampe bilden - ein Zustand, von dem es sich zu entfernen gilt.

Nietzsche zum Thema Wahrheit

Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.

Das Leben kein Argument. – Wir haben uns eine Welt zurechtgemacht, in der wir leben können – mit der Annahme von Körpern, Linien, Flächen, Ursachen und Wirkungen, Bewegung und Ruhe, Gestalt und Inhalt: ohne diese Glaubensartikel hielte es jetzt keiner aus zu leben! Aber damit sind sie noch nichts Bewiesenes. Das Leben ist kein Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein.


Wahrheit ist die Art von Irrthum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Werth für das Leben entscheidet zuletzt. Es ist unwahrscheinlich, daß unser »Erkennen« weiter reichen sollte, als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht.


Man hat jeden Schrittbreit Wahrheit sich abringen müssen, man hat fast alles dagegen preisgeben müssen, woran sonst das Herz, woran unsre Liebe, unser Vertrauen zum Leben hängt. Es bedarf Größe der Seele dazu: der Dienst der Wahrheit ist der härteste Dienst.


Die Behauptung, daß die Wahrheit da sei und daß es ein Ende habe mit der Unwissenheit und dem Irrthum, ist eine der größten Verführungen, die es giebt. Gesetzt, sie wird geglaubt, so ist damit der Wille zur Prüfung, Forschung, Vorsicht, Versuchung lahm gelegt: er kann selbst als frevelhaft, nämlich alsZweifel an der Wahrheit gelten ... Die »Wahrheit« ist folglich verhängnißvoller als der Irrthum und die Unwissenheit, weil sie die Kräfte unterbindet, mit denen an der Aufklärung und Erkenntniß gearbeitet wird. Der Affekt der Faulheit nimmt jetzt Partei für die »Wahrheit« – (»Denken ist eine Noth, ein Elend!«); insgleichen die Ordnung, die Regel, das Glück des Besitzes, der Stolz der Weisheit, – die Eitelkeit in summa: – es ist bequemer zu gehorchen, als zu prüfen; es ist schmeichelhafter, zu denken »ich habe die Wahrheit«, als um sich herum nur Dunkel zu sehn... vor Allem: es beruhigt, es giebt Vertrauen, es erleichtert das Leben, – es »verbessert« den Charakter, insofern es das Mißtrauen verringert. Der »Frieden der Seele«, die »Ruhe des Gewissens«: alles Erfindungen, die nur unter der Voraussetzung möglich sind, daß die Wahrheit da ist. – »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« ... Die »Wahrheit« ist Wahrheit, denn sie macht die Menschen besser... Der Proceß setzt sich fort: alles Gute, allen Erfolg, der »Wahrheit« auf's Conto zu setzen.


Die Schlange, welche sich nicht häuten kann, geht zugrunde. Ebenso die Geister, welche man verhindert, ihre Meinungen zu wechseln; sie hören auf, Geist zu sein.


Nie etwas zurückhalten oder dir verschweigen, was gegen deinen Gedanken gedacht werden kann! Gelobe es dir! Es gehört zur ersten Redlichkeit des Denkens. Du mußt jeden Tag auch deinen Feldzug gegen dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit, – aber auch deine Niederlage ist nicht mehr deine Angelegenheit!

Dionysos

Den Griechen war deshalb das geschlechtliche Symbol das ehrwürdige Symbol an sich, der eigentliche Tiefsinn innerhalb der ganzen antiken Frömmigkeit. Alles einzelne im Akte der Zeugung, der Schwangerschaft, der Geburt erweckte die höchsten und feierlichsten Gefühle. In der Mysterienlehre ist der Schmerz heilig gesprochen: die »Wehen der Gebärerin« heiligen den Schmerz überhaupt, – alles Werden und Wachsen, alles Zukunft-Verbürgende bedingt den Schmerz... Damit es die ewige Lust des Schaffens gibt, damit der Wille zum Leben sich ewig selbst bejaht, muß es auch ewig die »Qual der Gebärerin« geben... Dies alles bedeutet das Wort Dionysos . . . NIETZSCHE

Nietzsches philosophisches Programm

Mein neuer Weg zum »Ja«. – Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Aufsuchen auch der verabscheuten und verruchten Seiten des Daseins. Aus der langen Erfahrung, welche mir eine solche Wanderung durch Eis und Wüste gab, lernte ich Alles, was bisher philosophirt hat, anders ansehn: – die verborgene Geschichte der Philosophie, die Psychologie ihrer großen Namen kam für mich an's Licht. »Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist?« – dies wurde für mich der eigentliche Werthmesser. Der Irrthum ist eine Feigheit... jede Errungenschaft der Erkenntniß folgt aus dem Muth, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich... Eine solche Experimental-Philosophie, wie ich sie lebe, nimmt versuchsweise selbst die Möglichkeiten des grundsätzlichsten Nihilismus vorweg: ohne daß damit gesagt wäre, daß sie bei einer Negation, beim Nein, bei einem Willen zum Nein stehen bliebe. Sie will vielmehr bis zum Umgekehrten hindurch – bis zu einem dionysischen Ja-sagen zur Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und Auswahl –, sie will den ewigen Kreislauf: – dieselben Dinge, dieselbe Logik und Unlogik der Verknotung. Höchster Zustand, den ein Philosoph erreichen kann: dionysisch zum Dasein stehn –: meine Formel dafür ist amor fati.

NIETZSCHES ETAPPEN ZUR ÜBERWINDUNG DES NIHILISMUS

Nackt hatte ich einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen: allzuähnlich einander, allzumenschlich auch den Grössten noch! Von da an sind alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe ich mich so gut als jemand auf Angeln? ... Wenn Nichts sich fing, so liegt die Schuld nicht an mir. Die Fische fehlten . Wir aber wollen die werden, die wir sind, — die Neuen, die Einmaligen, die Unvergleichbaren, die Sich-selber-Gesetzgebenden, die Sich-selber-Schaffenden! Im Grunde weiß jeder Mensch recht wohl, dass er nur einmal, als ein Unikum, auf der Welt ist und dass kein noch so seltsamer Zufall zum zweiten Mal ein so wunderlich buntes Mancherlei zum Einerlei, wie er es ist, zusammenschütteln wird: Er weiß es, aber verbirgt es wie ein böses Gewissen — weshalb? Bei den allermeisten ist es Bequemlichkeit, Trägheit, kurz jener Hang zur Faulheit . . . die Menschen sind noch fauler als furchtsam und fürchten gerade am meisten die Beschwerden, welche ihnen eine unbedingte Ehrlichkeit und Nacktheit aufbürden würde. Manche leben in Scheu und Demut vor ihrem Ideale und möchten es verleugnen: sie fürchten ihr höheres Selbst, weil es, wenn es redet, anspruchsvoll redet. Die junge Seele sehe auf das Leben zurück mit der Frage: was hast du bis jetzt wahrhaftig geliebt, was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir auf, und vielleicht ergeben sie dir, durch ihr Wesen und ihre Folge, ein Gesetz, das Grundgesetz deines eigentlichen Selbst. . . denn dein wahres Wesen liegt nicht tief verborgen in dir, sondern unermeßlich hoch über dir, oder wenigstens über dem, was du gewöhnlich als dein Ich nimmst. Im Schmerz ist soviel Weisheit wie in der Lust . . . dass er weh tut, ist kein Argument gegen ihn, es ist sein Wesen. Wie? Das letzte Ziel der Wissenschaft sei, dem Menschen möglichst viel Lust und möglichst wenig Unlust zu schaffen? Wie, wenn nun Lust und Unlust so mit einem Stricke zusammengeknüpft wären, daß, wer möglichst viel von der einen haben will, auch möglichst viel von der andern haben muß – daß, wer das »Himmelhoch-Jauchzen« lernen will, sich auch für das »Zum-Tode-betrübt« bereit halten muß? . . . darum muß ich erst tiefer hinab, als ich jemals stieg: tiefer hinab in den Schmerz, als ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Flut! So will es mein Schicksal . . . Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, daß sie aus dem Meere kommen. Dies Zeugnis ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. Aus dem Tiefsten muß das Höchste zu seiner Höhe kommen. Ich schätze die Macht eines Willens darnach, wie viel von Widerstand, Schmerz, Tortur er aushält und sich zum Vortheil umzuwandeln weiß. Wer wird etwas Großes erreichen, wenn er nicht die Kraft und den Willen in sich fühlt, große Schmerzen zuzufügen? Solchen Menschen, welche mich Etwas angehn, wünsche ich Leiden, Verlassenheit, Krankheit, Mißhandlung, Entwürdigung, – ich wünsche, daß ihnen die tiefe Selbstverachtung, die Marter des Mißtrauens gegen sich, das Elend des Überwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein Mitleid mit ihnen, weil ich ihnen das Einzige wünsche, was heute beweisen kann, ob einer Werth hat oder nicht, – daß er Stand hält.

WIE DER KRIMI HEUTE DIE FIKTION BEHERRSCHT UND WAS DAS EIGENTLICH HEISST

Um den Krimi zu verstehen, muss man zunächst das Wesen der Ironie nachvollziehen. Ironie beherrscht heute das Erzählerische überhaupt.
Ironie ist Tiefstapelei, die Vortäuschung von Einfalt. Ironie missbilligt jede Form der Behauptung. Der Ironiker meint immer mehr, als er sagt. Worauf es ankommt, wird nicht ausgesprochen, sondern steht zwischen den Zeilen.
(Den ironischste Aussageweise überhaupt enthält das Drehbuch. Weil in ihm nur stehen kann, was sich abfilmen lässt: raum-zeitliche Gegebenheiten. Ihr Untertext ist nicht dingfest zu machen, sondern muss vom Leser - oder in aufdringlichen Dialogen - hinzugefügt werden.)
Der ironische Autor nimmt das Leben so, wie er es findet, neigt daher zur Alltäglichkeit, zu schmucklosen Gegenständen, nüchternem Realismus.
Die Glut des Sommers hat mich so verändert,
gab ich zur Antwort.
Aber die Tränen rannen über mein Gesicht.
- Haiku von Nishiyama Soen
April ist der grausamste Monat, brütet
Flieder aus totem Grund, mischt
Erinnerung mit Sehnsucht, weckt
Taube Wurzeln mit Frühlingsregen.
Der Winter hielt uns warm, bedeckte
Die Erde mit achtlosem Schnee, fütterte
Das karge Leben mit strohigen Knollen.
Der Sommer überfiel uns, vom Starnberger See kommend,
Mit einem Regenschauer; wir hielten inne unter den Kolonnaden
Und gingen ins Sonnenlicht, in den Hofgarten,
Und tranken Kaffee, und plauschten ein Stündchen . . .
- T. S. Eliot, The Waste Land
Es war Mitte Oktober, gegen elf Uhr vormittags - ein Tag ohne Sonne, mit Aussicht auf einen harten, scharfen Regen in der Klarheit der Vorberge. Ich trug mein lichtblaues Jackett mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Brusttaschentuch, schwarze Hosen und schwarze, weiche Wollsocken mit blauen Zwickeln.
- R. Chandler, Der tiefe Schlaf
The hills across the valley of the Ebro were long and white. On this side there was no shade and no trees and the station was between two lines of rails in the sun. Close against the side of the station there was the warm shadow of the building and a curtain, made of strings of bamboo beads, hung across the open door into the bar, to keep out flies. The American and the girl with him sat at a table in the shade, outside the building. It was very hot and the express from Barcelona would come in forty minutes. It stopped at thisjunction for two minutes and went to Madrid.
- E. Hemingway, Hills Like White Elephants
Aussageformen müssen nicht ironisch sein. Sie können statt dessen z. B. rauschhaft sein oder schwermütig, niederschmetternd, schwülstig. Sie können durchdacht statt ironisch sein, beschaulich, forsch, ausgekocht usf.
Heute aber sind sie meistens ironisch. Und deswegen haben wir auch fast nur noch Krimis, die Ironie-Stücke fürs Volk.
Um zu entschlüsseln, warum, müssen wir erst sehen, wie Geschichten grundsätzlich zerfallen in die tragische oder komische Spielart. Eine tragische Geschichte erzählt, wie ein Person infolge ihrer Abtrennung aus der Gemeinschaft zugrunde geht. Die komische Geschichte erzählt, wie eine außer Rand und Band geratene Gemeinschaft wieder zu sich kommt.
Entsprechend gibt es die ironische Tragödie. Und die ironische Komödie - deren Hauptspielart heute der Krimi ist.
Wie der Krimi die ironische Komödie einnimmt, wird klarer, wenn man sich zunächst der ironischen Tragödie zuwendet.
Die ironische Tragödie zeigt, wie eine Person aus der Gemeinschaft getrennt und zugrunde gerichtet wird. Was immer es für Gründe oder Erklärungen für den Ausstoß aus der Gemeinschaft geben könnte, sie bleiben in der für die ironische Aussageweise typischen Art unausgesprochen. "Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." (F. Kafka, Der Prozeß). - (Auch der Tod des Sokrates oder Christi ist in diesem Sinne ironisch.)
Das typische Opfer der ironischen Tragödie ist der Sündenbock oder Angehörige einer verfolgten Minderheit oder Einzelgänger (Künstler). Er ist unschuldig, indem er etwas hervorrief, das größer war, als seine Absicht (wie ein Bergsteiger, dessen Ruf eine Lawine auslöst). Und er ist schuldig: als Mitglied einer Gesellschaft, die solche Folgen unausweichlich macht.
Die ironische Komödie schlägt sich angesichts derselben Lage auf die Seite der Gesellschaft, welche den Schädling zu ihrer Rettung ausstößt. Dabei geht es ihr um das Gefühl der Erleichterung, das einen erfasst, wenn man den Bösewicht bestraft und leiden sieht.
(Ein zweischneidiges Schwert, denn die Rache der Gesellschaft an einem einzelnen lässt diesen leicht weniger schuldig, die Gesellschaft dagegen stärker schuldig erscheinen . . .)
Die gröbsten Formen der ironischen Komödie bestehen durchaus darin, einem unschuldigen Opfer Schmerz zuzufügen, jemandem, der einfach nur herumsteht, auf Verdacht eins zu verpassen. Er wird es schon verdienen, einfach weil er einer Gesellschaft angehört, in welcher es im Grunde jeder verdient. Aus dem Reich der Fiktion springt dieser Trieb, wo die Verhältnisse sich auflösen, herüber in den Impuls des Lynchmobs.
Als Beispiel zeigt ich hier auf Teds Verhör in Verrückt nach Mary. Zum Schluss wird der ahnungslose und unschuldige Ted brutal zusammengeschlagen, der stärkste Lacher des gesamten Films. - Weiteres Beispiel: Im Alter von 16 Jahren hatte sich Lisa Loch 2001 bei einer Miss-Wahl zur Miss Alemania beworben, über die das RTL-Magazin Explosiv berichtete. Unter anderem wurde sie mit den Worten „Mein Name ist Lisa Loch und ich bin 16 Jahre alt“ zitiert. Dieser Filmausschnitt wurde von TV total auf ProSieben verwertet. In mehreren Sendungen machte Raab Bemerkungen über den Namen Loch, die der Münchner Merkur als „versaute Witze“ bezeichnete. Loch erfuhr dadurch Hänseleien durch ihr Umfeld, wurde telefonisch belästigt und auf offener Straße beleidigt. In der Folge begab sie sich in therapeutische Behandlung.
Die ironische Komödie holt das Barbarische in den Bereich der Fiktion und spielt dort mit dem menschlichen Opfer (das Gelächter befreit uns dabei vom Unangenehmen | Grässlichen).
Ihre populärste Spielart jedoch ist im Moment der Krimi, in welchem ein Menschenjäger ein Opfer bestimmt, dessen sich dann die Gesellschaft entledigt. Ausgesprochen ironisch: das verschärfte Interesse des Krimis für Einzelheiten, die langweiligsten und nebensächlichsten Geringfügigkeiten des täglichen Lebens, in welche eine geheimnisvolle, unausgesprochene Bedeutung gelesen wird.
Die unschlüssige Hand sozialer Gerechtigkeit schwebt über etlichen "Verdächtigen" und lässt sich schließlich auf einem von ihnen nieder. Dass es sich dabei in Wirklichkeit um ein blindlings ausgewähltes Opfer handelt, erhellt aus dem Indizienbeweis, welcher einer Deutung (Manipulation) vorliegender Tatsachen entspringt.
Mit zunehmender Brutalität (lizensiert durch die Konventionen der Form, nach welchen es unmöglich ist, dass der Menschenjäger sich irrt in der Identifizierung des Auszustoßenden) mutiert der Krimi zum Thriller, eine Form des Melodramas (Komödie ohne Gelächter) mit dessen typischem Triumph der Tugend über Schurkerei zur Idealisierung von beim Publikum vorausgesetzten moralischen Anschauungen. Im Melodrama des brutalen Thrillers kommen wir der Selbstgerechtigkeit des lynchenden Pöbels so nahe, wie es normalerweise der Kunst überhaupt möglich ist.
Liefert insofern aber der Krimi nicht - in seiner Entwicklung zum Melodram vor allem in Skandinavien - die Vorschußpropaganda für einen Polizeistaat als Regulativ der Ausfälle des Pöbels?
Das ironische Substrat jeden Krimis kann auch die Absurdität einer Fixierung des Feindes einer Gesellschaft außerhalb derselben implizieren. So steht die Entwicklung offen zur Satire, die den Feind einer Gesellschaft als eine Figur innerhalb derselben bestimmt. Damit haben wir aber die Domäne des Krimis verlassen.
Ein populäres nicht-ironisches Genre, das den Krimi ablösen oder wenigstens ergänzen könnte, wäre die Science fiction, wo sie Lebensformen vorstellt, welche unsere gegenwärtigen überbieten. Es könnte Sinn machen, zumindest einen einzigen Sendeplatz für dieses Format zu reservieren und ihm dort Gelegenheit zu geben, sich zu entwickeln. Statt eine x-te Krimi-Serie aufzulegen und mit ihr das zu stabilisieren, was ich weiter oben aufzeige.

Neomarxismus . . .


. . . Kleidung der von Marx bestimmten Verhältnisse in neue Metaphern, unterstützt durch die postmoderne Philosophie. Die ursprüngliche Arbeiterklasse fächert sich nun auf in Menschen bestimmter Identitäten: Homosexuelle, Farbige, Behinderte, Frauen usf. Ihnen gemeinsam ist, dass sie unverändert ausgebeutet werden wie ursprünglich die Arbeiterklasse mittlerweile von den Protagonisten des Patriarchats, dessen Auflösung den Glückszustand völliger Gleichheit zur Folge haben (oder zumindest in eine Synthese im Sinne Hegels fortschreiten) wird. Helfend hinzu tritt - als Ausfluss der postmodern-philosophisch aufgezeigten unendlichen Deutungsmöglichkeiten von Sachverhalten - die Vorstellung, Wissen sei niemals objektiv, sondern strukturiert von Machtverhältnissen, deren Erhalt es dient. Vorurteilsfrei ist allein die ursprünglich marxistische Auffassung, es allzeit mit Unterdrückungsverhältnissen zu tun zu haben. Daher Neo-Marxismus.

Der Komplex ist unangreifbar, da metaphysisch; eine Metaphysik kann nicht widerlegt werden, kommt höchstens außer Mode.

Ich denke, das marxistische Modell ist letztlich ein säkularisiertes Christentum mit seiner Behauptung der Gleicheit aller Menschen, eine Frucht "Jerusalems". Ihm gegenüber steht "Athen" mit seinem Fokus auf die Wissenschaften und der Herrschaft jener Eliten aus "Gold" (Plato), welche sie - zum Wohl des ihr sowohl anvertrauten wie untergeordneten Rests - beherrschen.

TRÄUME SIND ZAHNSCHMERZEN

Ludwig Wittgenstein ist sicher der Philosoph, der am meisten über Zahnschmerzen nachdenkt. Sie werden unentwegt herangezogen als Beispiel für „innere Zustände“. Insofern stehen sie auf derselben Ebene wie z. B. Absichten, Vorstellungen, Gedanken, Erinnerungen, Hoffnungen, Meinungen, welche sich alle – wie Zahnschmerzen – von Häusern, Autos, Wolken oder Pferden dadurch unterscheiden, dass man sie z. B. nicht fotografieren oder sich nicht über ihr Vorhandensein im Gesichtsfeld täuschen kann. Mit „Innerem“ hat es etwas Verwickelteres auf sich als mit „Äußerem“, und Wittgenstein arbeitet die Dichte sowie das Wesen dessen, was wir mit „innen“ meinen, am Beispiel von Zahnschmerzen heraus. Er hätte stattdessen auch „Gedanken“ oder „Bewusstsein“ nehmen können, aber Zahnschmerzen sind irgendwie griffiger, ihre Auseinandersetzung wirft anschaulicher ab, was das Seelische ausmacht.

Wittgenstein wird allgemein aufgefasst als Philosoph der Sprache, redet selber unentwegt von „Grammatik“, welche er herausarbeite. Das ist zwar richtig, kann aber auch in die Irre führen, denn Wittgenstein ist kein Linguist oder Semiotiker, sondern Philosoph, dem daran liegt, festzustellen oder in seinem Fall herauszupfriemeln, was niemand bestreiten möchte: die Bedeutung von Zusammenhängen, in denen Worte eine Rolle spielen. Man kommt Wittgenstein daher ev. näher, wenn man ihn - statt Sprach- - Bedeutungsphilosophen nennt. Ihn interessierte nicht die Erkenntnis oder das Sein, sondern in welcher Weise Wichtigkeit statthat.

Bedeutung kann bei Wittgenstein wie in der Mystik nicht ausgesprochen werden, sondern zeigt sich wie der Gegenstand eines Mosaiks, z. B. ein Gesicht, das in keinem der Einzelteile enthalten ist, aber durch ihr Zusammenkommen einmal so, einmal anders erscheint. Wittgenstein ist der immanenteste, zugleich der spirituellste Philosoph. Er spricht ausschließlich von den Einzelteilen des Mosaiks, und hält jede andere Rede für sinnlos. Für das Gesicht aber gibt es keine Worte, es erscheint vielmehr in einem Zusammentreten wie der Witz eines Gedichtes oder Kunstwerks.

Es sind aber nicht nur Worte, die wirklich zusammenkommen müssen, damit ein Gesicht erscheint, Bedeutung statthat, sondern auch Gegenstände, Verläufe, Körper in Bewegung usf. Eigentlich ist es das so zustande kommende Gesicht, seine Hervorbringung, was Wittgenstein unter „Sprache“ versteht. Worte und Texte sind Bestandteile des Mosaiks, enthalten aber noch nicht das Gesicht, sondern tragen zu dessen Erscheinung bei.

Die Bedeutung von Zahnschmerzen besteht oder erschöpft sich daher nicht darin, dass dieses Wort ein Namenstäfelchen wäre, welches einem inneren Zustande umgehängt wird, um dann an seine Stelle zu treten und verwaltet werden zu können in der Sprache, sondern hat zu tun mit der Tatsache, dass der Schmerz sich lokalisieren lässt, Ansatzpunkte liefert für ein Eingreifen oder die Schonung bestimmter Stellen im Körper der betroffenen Person, deren Unfähigkeit zu bestimmten Leistungen begründet usf. Zahnschmerzen bestehen nicht nur im Gefühl des Wehtuns, sondern in allem, was daraus folgt, weiter getan werden kann. Das Wort „Zahnschmerzen“ ist nur ein Bestandteil dieses Mosaiks - nicht die alleinige Quelle oder Miniaturausgabe seines Witzes oder „Gesichts“, sondern Innehaber einer Rolle im Spiel hinsichtlich dessen Zustandekommens.

Auch die Marter in meinem Mund ist ein Bestandteil, nicht das Wesen von Zahnschmerzen, solange ich bei Bewusstsein bin.

Wittgensteins Behandlung von Zahnschmerzen trifft auf alle anderen inneren oder seelischen Erscheinungen zu, also auch auf den Traum. Sein Wesen besteht nicht darin, dass ich ihn habe, sondern in allem, was noch in dem Zusammenhang geschieht oder geschehen kann. Das Wort „Traum“ ist kein Namenstäfelchen, das irgendetwas umgehängt wird, sondern Bestandteil eines Mosaiks, dessen Gesicht kraft seiner und anderer Geschehnisse hervortritt. Zum Beispiel kann und soll ein Traum erzählt werden, um Bedeutung zu erlangen – durch das Mitgehen etwa von Zuhörern und weitere Folgen. Die „Grammatik“ des Träumens ist bei uns heute eingerostet, nicht weil sie bedeutungslos wäre, sondern wir diese Art der Bedeutung auf Diät gesetzt haben.

Bedeutung, auf die es Wittgenstein alleine ankommt, lebt auf im Zusammenkommen aller möglichen Bestandteile, darunter Worten, einer menschlichen Lebensform, welche als einzige in der Lage ist, sie zu vermitteln.

WITTGENSTEINS HERAUSFORDERUNG AN DEN LESER

Ludwig Wittgensteins Philosophieren besteht in dem Versuch, uns zu entwöhnen von der fixe Idee, unsere inneren Zustände und Verläufe würden etwas vergegenwärtigen oder fundamental sein - oder Bedeutung würde in Regeln oder Strukturen liegen.

Es ist nicht einfach, Wittgenstein zu folgen, da seine Texte plötzlich das Thema zu wechseln scheinen, in mehreren Stimmen sprechen, immer wieder Tonart und Farbe wechseln.

Ständig wird der Leser aufgefordert, Fragen zu beantworten.

In den "Philosophischen Untersuchungen" werden 784 Fragen gestellt, von denen nur 110 beantwortet werden - in 70 Fällen absichtlich falsch, um einen Irrtum zu veranschaulichen. Oft entdeckt man als Leser, dass die Antwort, welche einem spontan auf eine Frage einfiel, vorweggenommen wurde und Gegenstand des nächsten Abschnitts oder der nächsten Bemerkung ist.

Manchmal wird eine Frage gestellt, gefolgt von Beobachtungen, abgeschlossen mit einer - meist kurzen, schneidenden - Antwort:

Etwa in "Philosophische Untersuchungen" 199:

"Ist, was wir »einer Regel folgen« nennen, etwas, was nur ein Mensch, nur einmal im Leben, tun könnte? - Und das ist natürlich eine Anmerkung zur Grammatik des Ausdrucks »der Regel folgen«.
Es kann nicht ein einziges Mal nur ein Mensch einer Regel gefolgt sein. Es kann nicht ein einziges Mal nur eine Mitteilung gemacht, ein Befehl gegeben, oder verstanden worden sein, etc. - Einer Regel folgen, eine Mitteilung machen, einen Befehl geben, eine Schachpartie spielen sind G e p f l o g e n h e i t e n (Gebräuche, Institutionen).
Einen Satz verstehen, heißt, eine Sprache verstehen. Eine Sprache verstehen, heißt, eine Technik beherrschen."

Manchmal fordert Wittgenstein den Leser unmittelbar auf, um einen Strang seiner Untersuchungen anzufangen oder zu beenden: "Mach diesen Versuch: S a g »Hier ist es kalt« und m e i n e »Hier ist es warm«. Kannst du es? - Und was tust du dabei? Und gibt es nur eine Art, das zu tun?" (510)

Dann wieder nimmt er vermutliche Antworten vorweg und stößt nach mit weiteren, den Irrtum vertiefenden Fragen, um dann seine - richtige - Antwort zu geben: "Woher kommt uns auch nur der Gedanke: Wesen, Gegenstände, könnten etwas fühlen?
Meine Erziehung hätte mich darauf geführt, indem sie mich auf die Gefühle in mir aufmerksam machte, und nun übertrage ich die Idee auf Objekte außer mir? Ich erkenne, es ist da (in mir) etwas, was ich, ohne mit dem Wortgebrauch der Andern in Widerspruch zu geraten, »Schmerzen« nennen kann? - Auf Steine und Pflanzen, etc. übertrage ich meine Idee nicht.
Könnte ich mir nicht denken, ich hätte fürchterliche Schmerzen und würde, während sie andauern, zu einem Stein? Ja, wie weiß ich, wenn ich die Augen schließe, ob ich nicht zu einem Stein geworden bin? - Und wenn das nun geschehen ist, inwiefern wird d e r S t e i n Schmerzen haben? Inwiefern wird man es vom Stein aussagen können? Ja warum soll der Schmerz hier überhaupt einen Träger haben?!
Und kann man von dem Stein sagen, er habe eine Seele und d i e hat Schmerzen? Was hat eine Seele, was haben Schmerzen, mit einem Stein zu tun?
Nur von dem, was sich benimmt wie ein Mensch, kann man sagen, daß es Schmerzen h a t.
Denn man muß es von einem Körper sagen, oder, wenn du willst, von einer Seele, die ein Körper h a t. Und wie kann ein Körper eine Seele h a b e n?" (283)

Fragen werden in den Philosophischen Untersuchungen ganz unterschiedlich verwandt. Unsere Antworten, während wir lesen, machen die Lektüre zu einer merkwürdig innigen Erfahrung, die nicht wenige Leser schließlich befreit, ja beschwingt. Hat man die Erfahrung aber hinter sich, ist es schwierig, einen Schritt davon zurück zu tun und in Worte zu fassen, was man nun gelernt hat, und wie es auf diese oder jene Streitfrage anzuwenden wäre. Die Lektüre Wittgensteins gleicht insofern dem Sich-Einlassen auf ein Kunstwerk: ein Vorgang, welcher sich der Paraphrasierung widersetzt. Man muss es selbst erleben. Nicht so sehr was, sondern w i e man denkt, wird dabei verändert.

Die "Philosophischen Untersuchungen" setzen das Wesen von Sprache und Bewusstsein auseinander sowie einen Verblendungszusammenhang, zu dem wir, meint Wittgenstein, infolge unserer herrschenden Kultur unrettbar neigen. Er sondiert unser Selbstverständnis, genuin denkende, wissende, sich die Welt vergegenwärtigende Wesen zu sein und macht dieses Selbstverständnis als höchst verworrenen Zusammenhang einander hochschaukelnder Illusionen erkennbar. Dies bewerkstelligt er nicht durch die Anführung von Gründen. Denn bei einer Verblendung helfen keine Argumente. Vielmehr liegt ihm daran, "die Neurose" aufzulösen, welche in einer fixen Idee davon besteht, was Bewusstsein und Bedeutung sind. Dafür werden Gedankenexperimente, Erinnerungen an stinknormale Lebenstatsachen ins Spiel gebracht sowie überraschende Gegenüberstellungen, ausgefuchste Listen von Beispielen und ein Chor einander widersprechender Stimmen. Wieder und wieder durchkreuzt Wittgenstein dabei dieselbe Landschaft in unterschiedlichen Richtungen, liefert Skizzen, so einseitig wie unvollständig, von dem, was dabei ins Auge springt, und versucht zu zeigen, wie zunächst einander widersprechende Auffassungen über das Wesen von Bewusstsein und Sprache zusammenhängen könnten. Die Aufgabe der Philosophie besteht dabei nicht in der Ausarbeitung von Ansprüchen oder Theorien, sondern im unausgesetzten Suchen nach Klarheit bezüglich der Weisen unseres Denkens. Wittgensteins Vormarsch zeigt einem dabei die Pfade auf eine Reihe von Hügeln und Vorgebirgen, von denen aus man die Landschaft in neuer Weise überblickt und - bestenfalls - mehr Licht darüber aufgehen sieht.