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WIE DER KRIMI HEUTE DIE FIKTION BEHERRSCHT UND WAS DAS EIGENTLICH HEISST

Um den Krimi zu verstehen, muss man zunächst das Wesen der Ironie nachvollziehen. Ironie beherrscht heute das Erzählerische überhaupt.
Ironie ist Tiefstapelei, die Vortäuschung von Einfalt. Ironie missbilligt jede Form der Behauptung. Der Ironiker meint immer mehr, als er sagt. Worauf es ankommt, wird nicht ausgesprochen, sondern steht zwischen den Zeilen.
(Den ironischste Aussageweise überhaupt enthält das Drehbuch. Weil in ihm nur stehen kann, was sich abfilmen lässt: raum-zeitliche Gegebenheiten. Ihr Untertext ist nicht dingfest zu machen, sondern muss vom Leser - oder in aufdringlichen Dialogen - hinzugefügt werden.)
Der ironische Autor nimmt das Leben so, wie er es findet, neigt daher zur Alltäglichkeit, zu schmucklosen Gegenständen, nüchternem Realismus.
Die Glut des Sommers hat mich so verändert,
gab ich zur Antwort.
Aber die Tränen rannen über mein Gesicht.
- Haiku von Nishiyama Soen
April ist der grausamste Monat, brütet
Flieder aus totem Grund, mischt
Erinnerung mit Sehnsucht, weckt
Taube Wurzeln mit Frühlingsregen.
Der Winter hielt uns warm, bedeckte
Die Erde mit achtlosem Schnee, fütterte
Das karge Leben mit strohigen Knollen.
Der Sommer überfiel uns, vom Starnberger See kommend,
Mit einem Regenschauer; wir hielten inne unter den Kolonnaden
Und gingen ins Sonnenlicht, in den Hofgarten,
Und tranken Kaffee, und plauschten ein Stündchen . . .
- T. S. Eliot, The Waste Land
Es war Mitte Oktober, gegen elf Uhr vormittags - ein Tag ohne Sonne, mit Aussicht auf einen harten, scharfen Regen in der Klarheit der Vorberge. Ich trug mein lichtblaues Jackett mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Brusttaschentuch, schwarze Hosen und schwarze, weiche Wollsocken mit blauen Zwickeln.
- R. Chandler, Der tiefe Schlaf
The hills across the valley of the Ebro were long and white. On this side there was no shade and no trees and the station was between two lines of rails in the sun. Close against the side of the station there was the warm shadow of the building and a curtain, made of strings of bamboo beads, hung across the open door into the bar, to keep out flies. The American and the girl with him sat at a table in the shade, outside the building. It was very hot and the express from Barcelona would come in forty minutes. It stopped at thisjunction for two minutes and went to Madrid.
- E. Hemingway, Hills Like White Elephants
Aussageformen müssen nicht ironisch sein. Sie können statt dessen z. B. rauschhaft sein oder schwermütig, niederschmetternd, schwülstig. Sie können durchdacht statt ironisch sein, beschaulich, forsch, ausgekocht usf.
Heute aber sind sie meistens ironisch. Und deswegen haben wir auch fast nur noch Krimis, die Ironie-Stücke fürs Volk.
Um zu entschlüsseln, warum, müssen wir erst sehen, wie Geschichten grundsätzlich zerfallen in die tragische oder komische Spielart. Eine tragische Geschichte erzählt, wie ein Person infolge ihrer Abtrennung aus der Gemeinschaft zugrunde geht. Die komische Geschichte erzählt, wie eine außer Rand und Band geratene Gemeinschaft wieder zu sich kommt.
Entsprechend gibt es die ironische Tragödie. Und die ironische Komödie - deren Hauptspielart heute der Krimi ist.
Wie der Krimi die ironische Komödie einnimmt, wird klarer, wenn man sich zunächst der ironischen Tragödie zuwendet.
Die ironische Tragödie zeigt, wie eine Person aus der Gemeinschaft getrennt und zugrunde gerichtet wird. Was immer es für Gründe oder Erklärungen für den Ausstoß aus der Gemeinschaft geben könnte, sie bleiben in der für die ironische Aussageweise typischen Art unausgesprochen. "Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." (F. Kafka, Der Prozeß). - (Auch der Tod des Sokrates oder Christi ist in diesem Sinne ironisch.)
Das typische Opfer der ironischen Tragödie ist der Sündenbock oder Angehörige einer verfolgten Minderheit oder Einzelgänger (Künstler). Er ist unschuldig, indem er etwas hervorrief, das größer war, als seine Absicht (wie ein Bergsteiger, dessen Ruf eine Lawine auslöst). Und er ist schuldig: als Mitglied einer Gesellschaft, die solche Folgen unausweichlich macht.
Die ironische Komödie schlägt sich angesichts derselben Lage auf die Seite der Gesellschaft, welche den Schädling zu ihrer Rettung ausstößt. Dabei geht es ihr um das Gefühl der Erleichterung, das einen erfasst, wenn man den Bösewicht bestraft und leiden sieht.
(Ein zweischneidiges Schwert, denn die Rache der Gesellschaft an einem einzelnen lässt diesen leicht weniger schuldig, die Gesellschaft dagegen stärker schuldig erscheinen . . .)
Die gröbsten Formen der ironischen Komödie bestehen durchaus darin, einem unschuldigen Opfer Schmerz zuzufügen, jemandem, der einfach nur herumsteht, auf Verdacht eins zu verpassen. Er wird es schon verdienen, einfach weil er einer Gesellschaft angehört, in welcher es im Grunde jeder verdient. Aus dem Reich der Fiktion springt dieser Trieb, wo die Verhältnisse sich auflösen, herüber in den Impuls des Lynchmobs.
Als Beispiel zeigt ich hier auf Teds Verhör in Verrückt nach Mary. Zum Schluss wird der ahnungslose und unschuldige Ted brutal zusammengeschlagen, der stärkste Lacher des gesamten Films. - Weiteres Beispiel: Im Alter von 16 Jahren hatte sich Lisa Loch 2001 bei einer Miss-Wahl zur Miss Alemania beworben, über die das RTL-Magazin Explosiv berichtete. Unter anderem wurde sie mit den Worten „Mein Name ist Lisa Loch und ich bin 16 Jahre alt“ zitiert. Dieser Filmausschnitt wurde von TV total auf ProSieben verwertet. In mehreren Sendungen machte Raab Bemerkungen über den Namen Loch, die der Münchner Merkur als „versaute Witze“ bezeichnete. Loch erfuhr dadurch Hänseleien durch ihr Umfeld, wurde telefonisch belästigt und auf offener Straße beleidigt. In der Folge begab sie sich in therapeutische Behandlung.
Die ironische Komödie holt das Barbarische in den Bereich der Fiktion und spielt dort mit dem menschlichen Opfer (das Gelächter befreit uns dabei vom Unangenehmen | Grässlichen).
Ihre populärste Spielart jedoch ist im Moment der Krimi, in welchem ein Menschenjäger ein Opfer bestimmt, dessen sich dann die Gesellschaft entledigt. Ausgesprochen ironisch: das verschärfte Interesse des Krimis für Einzelheiten, die langweiligsten und nebensächlichsten Geringfügigkeiten des täglichen Lebens, in welche eine geheimnisvolle, unausgesprochene Bedeutung gelesen wird.
Die unschlüssige Hand sozialer Gerechtigkeit schwebt über etlichen "Verdächtigen" und lässt sich schließlich auf einem von ihnen nieder. Dass es sich dabei in Wirklichkeit um ein blindlings ausgewähltes Opfer handelt, erhellt aus dem Indizienbeweis, welcher einer Deutung (Manipulation) vorliegender Tatsachen entspringt.
Mit zunehmender Brutalität (lizensiert durch die Konventionen der Form, nach welchen es unmöglich ist, dass der Menschenjäger sich irrt in der Identifizierung des Auszustoßenden) mutiert der Krimi zum Thriller, eine Form des Melodramas (Komödie ohne Gelächter) mit dessen typischem Triumph der Tugend über Schurkerei zur Idealisierung von beim Publikum vorausgesetzten moralischen Anschauungen. Im Melodrama des brutalen Thrillers kommen wir der Selbstgerechtigkeit des lynchenden Pöbels so nahe, wie es normalerweise der Kunst überhaupt möglich ist.
Liefert insofern aber der Krimi nicht - in seiner Entwicklung zum Melodram vor allem in Skandinavien - die Vorschußpropaganda für einen Polizeistaat als Regulativ der Ausfälle des Pöbels?
Das ironische Substrat jeden Krimis kann auch die Absurdität einer Fixierung des Feindes einer Gesellschaft außerhalb derselben implizieren. So steht die Entwicklung offen zur Satire, die den Feind einer Gesellschaft als eine Figur innerhalb derselben bestimmt. Damit haben wir aber die Domäne des Krimis verlassen.
Ein populäres nicht-ironisches Genre, das den Krimi ablösen oder wenigstens ergänzen könnte, wäre die Science fiction, wo sie Lebensformen vorstellt, welche unsere gegenwärtigen überbieten. Es könnte Sinn machen, zumindest einen einzigen Sendeplatz für dieses Format zu reservieren und ihm dort Gelegenheit zu geben, sich zu entwickeln. Statt eine x-te Krimi-Serie aufzulegen und mit ihr das zu stabilisieren, was ich weiter oben aufzeige.

Mutti

Gestern sah ich mal wieder den Faust. Ich denke immer, ich kenne das Stück nicht gut genug, aber der Deutschunterricht war nicht vergebens, fast alles ist irgendwie präsent bis in einzelne Worte oder Begriffe ("Gretchenfrage" . . .).
Was mir diesmal auffiel: Goethes notorische Gutgestimtheit. Innerlich kann ihn nichts wirklich umstossen. Die Verzweiflungen seines Spiegelbildes Faust werden immer aufgewogen durch dessen Alter Ego Mephisto.
Goethe hatte bekanntermaßen nur gearbeitet, wenn es ihm leicht fiel, sonst lieber eine Pause eingelegt. Für Schillers übermenschliche Disziplin hatte er nur Kopfschütteln übrig und machte sie mittelbar verantwortlich für den frühen Tod des Freundes.
Ich hatte Goethes Gemüt lange der Tatsache zugeschrieben, dass er Hesse war. Nachdem ich neulich aber Dichtung und Wahrheit las, denke ich, seine Mutter ist die Verantwortliche. Goethe hatte eine Mutter, die ihn für den größten hielt. Ähnlich Freud. So eine Mutter garantiert ein ungebrochenes, Welt und Wahrheit zugewandtes Selbstbewusstsein.
Goethes Mutter war sehr kindlich, nicht unähnlich seiner späteren Frau, die von ihrer Schwiegermutter mit dem Term (in heutiger Sprache) "Betthase" belegt wurde.
Schopenhauer hatte dagegen eine sehr kalte Mutter, die einem älteren Ehemann verkuppelt worden war, den sie nicht liebte. Heute hätte sie nicht mehr geheiratet, wäre eine bekannte Professorin, womöglich Ministerin o. ä. geworden. Trotzdem hielt sie ihren Sohn, weil er eben von ihr war, für ein Genie. Was zumindest Schopenhausers - pessimistischer - Philosophie einen gewisse Wohlgenährtheit verlieh.
Als komplizierteste ist mir Katharina, die Mutter Johannes Keplers, in Erinnerung, eine Gastwirtstochter und Kräuterfrau, die später der Hexerei angeklagt wurde. Ihr Sohn verbrachte einen Gutteil seiner Gelehrten-Existenz damit, sie aus den hochkomplizierten Prozessen von damals zu lösen und vor dem Scheiterhaufen zu bewahren. Sein Bruder hing noch mit 40 Jahren am Schürzenband der Mutter.
Kepler hätte die schleifenartigen Bewegungen der Planeten am Himmel wohl nicht als Audruck von Ellipsenbahnen deuten können, denke ich manchmal, wenn er nicht schon sehr früh Sinn in die Vorgänge seiner schizoiden Mutter zu lesen gezwungen gewesen wäre.
Ein anderes, hochkompliziertes Mutterverhältnis beschreibt Moritz in seinem autobiographischen Roman Anton Reiser, den manche für den besten deutschen Roman, besser als Wilhelm Meister, halten.
Goethe kannte Moritz, nannte ihn seinen "Bruder", aber sie waren sehr unterschiedliche Naturen. Ich spekuliere manchmal, Goethe ahnte, dass ihm die Tiefe eines Moritz abging, die nur zu haben war durch eine glücklose Kindheit.
Houllebecq - auch so ein Autor, der zehrt von der Abwesenheit der Mutter.
Die (nicht besonders originelle) These im Hintergrund meiner Überlegungen: dass sich alles Entscheidende von dem besonderen Verhältnis zur Mutter ableiten lässt bei Autoren und wohl auch Lesern. Wer eine kühle Mutter hatte, wird Anton Reiser für einen besseren Roman halten. Und es wird diesen Roman krank finden, wer eine "Goethe-Mutter" innehatte.
Der Faust ist und bleibt deswegen für mich ein rücksichtlos optimistisches Gedicht, spielt nur mit dem Horror, erlebt ihn aber nicht. Es sei denn man schnitte die Gretchen-Tragödie heraus und machte sie zu einem selbstständigen Werk. Jelinek würde das wahrscheinlich bringen, aber der fröhliche Brocken Goethe ragt gewaltig und dürfte selbst sie einschüchtern.
P. S. Der Faust ist eine Komödie, wie Dantes "Göttliche Komödie", indem er auf ein Gelingen hinausläuft.

Moby Dick

Sollte es in den kommenden Jahren einer poetischen, kultivierten Nation gelingen, den lebenslustigen Maigöttern von damals zu ihrem Erstgeburtsrecht zu verhelfen und sie im heute selbstherrlichen Himmel, auf dem heute verlassenen Berge, wieder auf den Thron zu heben, dann wird gewiss hoch droben auf des Jupiters Olymp der grosse Pottwal über alle herrschen.
Melville MOBY DICK

Stifter DER NACHSOMMER

Wird sich vieles, wird sich alles noch einmal ganz ändern? In welch schneller Folge geht es? Wenn durch das Wirken des Himmels und seiner Gewässer das Gebirge beständig zerbröckelt wird, wenn die Trümmer herabfallen, wenn sie weiter zerklüftet werden und der Strom sie endlich als Sand und Geschiebe in die Niederungen hinausführt, wie weit wird das kommen? Hat es schon lange gedauert? Unermeßliche Schichten von Geschieben in ebenen Ländern bejahen es. Wird es noch lange dauern? So lange Luft, Licht, Wärme und Wasser dieselben bleiben, so lange es Höhen gibt, so lange wird es dauern. Werden die Gebirge also einstens verschwunden sein? Werden nur flache, unbedeutende Höhen und Hügel die Ebenen unterbrechen, und werden selbst diese auseinander gewaschen werden? Wird dann die Wärme in den feuchten Niederungen oder in tiefen, heißen Schluchten verschwinden, so wie die kalte Luft in Höhen auf die Erde ohne Einfluß sein wird, so daß alle Glieder in unsern Ländern von demselben lauen Stoffe umflossen sind und sich die Verhältnisse aller Gewächse ändern? Oder dauert die Tätigkeit, durch welche die Berge gehoben wurden, noch heute fort, daß sie durch innere Kraft an Höhe ersetzen oder übertreffen, was sie von Außen her verlieren? Hört die Hebungskraft einmal auf? Ist nach Jahrmillionen die Erde weiter abgekühlt, ist ihre Rinde dicker, so daß der heiße Fluß in ihrem Innern seine Kristalle nicht mehr durch sie empor zu treiben vermag? Oder legt er langsam und unmerklich stets die Ränder dieser Rinde auseinander, wenn er durch sie seine Geschiebe hinan hebt? Wenn die Erde Wärme ausstrahlt und immer mehr erkaltet, wird sie nicht kleiner? Sind dann die Umdrehungsgeschwindigkeiten ihrer Kreise nicht geringer? Ändert das nicht die Passate? Werden Winde, Wolken, Regen nicht anders? Wie viele Millionen Jahre müssen verfließen, bis ein menschliches Werkzeug die Änderung messen kann?
Solche Fragen stimmten mich ernst und feierlich, und es war, als wäre in mein Wesen ein inhaltreicheres Leben gekommen. Wenn ich gleich weniger sammelte und zusammentrug als früher, so war es doch, als würde ich in meinem Innern bei weitem mehr gefördert als in vergangenen Zeiten.
Wenn eine Geschichte des Nachdenkens und Forschens wert ist, so ist es die Geschichte der Erde, die ahnungsreichste, die reizendste, die es gibt, eine Geschichte, in welcher die der Menschen nur ein Einschiebsel ist und wer weiß es, welch ein kleines, da sie von anderen Geschichten vielleicht höherer Wesen abgelöset werden kann. Die Quellen zu der Geschichte der Erde bewahrt sie selber wie in einem Schriftengewölbe in ihrem Inneren auf, Quellen, die vielleicht in Millionen Urkunden niedergelegt sind und bei denen es nur darauf ankömmt, daß wir sie lesen lernen und sie durch Eifer und Rechthaberei nicht verfälschen. Wer wird diese Geschichte einmal klar vor Augen haben? Wird eine solche Zeit kommen oder wird sie nur der immer ganz wissen, der sie von Ewigkeit her gewußt hat?

Robert Musil zum Dichten

In dem Maße wie das von der Zeit der Paulskirche und Bismarcks her beschädigte Ansehen der Professoren im Gemeinschaftsleben gestiegen ist, ist das der Dichter gesunken; heute wo der Professorenverstand die höchste praktische Geltung seit Bestehen der Welt erreicht hat, ist der Dichter bei dem gebräuchlichen Namen Literat angelangt, worunter einer verstanden wird, den unerforschte Gebrechen hindern, ein brauchbarer Journalist zu werden. Die soziale Wichtigkeit dieser Erscheinung ist nicht geringzuschätzen und rechtfertigt wohl, ihr einige Überlegung zu widmen. Daß diese sich auf die Betrachtung der Intellektualität beschränkt und im kleinen wie der Versuch einer erkenntnis-theoretischen Prüfung ausfällt, indem sie den Dichter nur als den in einer bestimmten Weise und auf bestimmtem Gebiete Erkennenden betrachtet, ist gewollte Einschränkung, die sich natürlich nur durch ihr Ergebnis rechtfertigen läßt. Sooft aber hierbei vom Dichter, als einer besonderen Gattung Mensch, die Rede sein wird, sei vorausbemerkt, daß damit nicht nur die gemeint sind, die schreiben; es gehören viele dazu, welche die Tätigkeit scheuen, sie bilden das reaktive Seitenstück zu dem aktiven Teil des Typus.
Man könnte ihn beschreiben als den Menschen, dem die rettungslose Einsamkeit des Ich in der Welt und zwischen den Menschen am stärksten zu Bewußtsein kommt. Als den Empfindlichen, für den nie Recht gesprochen zu werden vermag. Dessen Gemüt auf die imponderabeln Gründe viel mehr reagiert als auf gewichtige. Der die Charaktere verabscheut, mit jener furchtsamen Überlegenheit, die ein Kind vor den ein halbes Menschenalter früher sterbenden Erwachsenen voraus hat. Der noch in der Freundschaft und in der Liebe den Hauch von Antipathie empfindet, der jedes Wesen von den andern fernhält und das schmerzlich-nichtige Geheimnis der Individualität ausmacht. Der selbst seine eigenen Ideale zu hassen vermag, weil sie ihm nicht als die Ziele, sondern als die Verwesungsprodukte seines Idealismus erscheinen. Dies sind nur einzelne Beispiele und Einzelbeispiele. Ihnen allen entspricht aber oder vielmehr liegt zugrunde eine bestimmte Erkenntnishaltung und Erkenntniserfahrung wie auch die dieser entsprechende Objektswelt.
Man versteht das Verhältnis des Dichters zur Welt am besten, wenn man von seinem Gegenteil ausgeht: Das ist der Mensch mit dem festen Punkte a, der rationale Mensch auf ratioïdem Gebiet. Man verzeihe die Scheußlichkeit des Wortversuchs wie auch die ihm zugrunde liegende historische Vertauschung, denn nicht hat sich die Natur nach der Ratio gerichtet, sondern diese nach der Natur; aber ich finde kein Wort, das nicht nur die Methode, sondern auch das Gelingen gebührend ausdrückte, nicht bloß die Unterwerfung, sondern auch die Unterwürfigkeit der Tatsachen, dieses unverdiente Entgegenkommen der Natur in bestimmten Fällen, das in allen Fällen zu verlangen dann freilich eine menschliche Taktlosigkeit war. Dieses ratioïde Gebiet umfaßt – roh umgrenzt – alles wissenschaftlich Systematisierbare, in Gesetze und Regeln Zusammenfaßbare, vor allem also die physische Natur; die moralische aber nur in wenigen Ausnahmefällen des Gelingens. Es ist gekennzeichnet durch eine gewisse Monotonie der Tatsachen, durch das Vorwiegen der Wiederholung, durch eine relative Unabhängigkeit der Tatsachen voneinander, so daß sie sich auch in schon früher ausgebildeten Gruppen von Gesetzen, Regeln und Begriffen gewöhnlich einfügen, in welcher Reihenfolge immer sie entdeckt worden seien. Vor allen Dingen aber schon dadurch, daß sich die Tatsachen auf diesem Gebiet eindeutig beschreiben und vermitteln lassen. Eine Zahl, eine Helligkeit, Farbe, Gewicht, Geschwindigkeit, das sind Vorstellungen, deren subjektiver Anteil ihre objektive, universal übertragbare Bedeutung nicht mindert. (Von einer Tatsache des nicht ratioïden Gebiets dagegen, z. B. dem Inhalt der einfachen Aussage »er wollte es« kann man sich niemals ohne unendliche Zusätze eine hinreichend bestimmte Vorstellung machen.) Man kann sagen, das ratioïde Gebiet ist beherrscht vom Begriff des Festen und der nicht in Betracht kommenden Abweichung; vom Begriff des Festen als einer fictio cum fundamento in re. Zuunterst schwankt auch hier der Boden, die tiefsten Grundlagen der Mathematik sind logisch ungesichert, die Gesetze der Physik gelten nur angenähert, und die Gestirne bewegen sich in einem Koordinatensystem, das nirgends einen Ort hat. Aber man hofft nicht ohne Grund – das alles noch in Ordnung zu bringen, und Archimedes, der vor mehr als 2000 Jahren gesagt hat »gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln«, ist heute noch der Ausdruck für unser hoffnungsfreudiges Gehaben.
Bei diesem Tun ist die geistige Solidarität der Menschheit entstanden und besser gediehen als je unter dem Einfluß eines Glaubens und einer Kirche. Nichts ist daher begreiflicher, als daß die Menschen versuchen, das gleiche Vorgehn auch in den – im weitesten Sinn – moralischen Beziehungen einzuhalten, obgleich es dort täglich schwieriger wird. Auch auf moralischem Gebiet wird heute nach dem Prinzip der Pilotierung vorgegangen und werden in das Unbestimmte die erstarrenden Caissons der Begriffe gesenkt, zwischen denen sich ein Raster von Gesetzen, Regeln und Formeln spannt. Der Charakter, das Recht, die Norm, das Gute, der Imperativ, das Feste in jeder Hinsicht sind solche Pfähle, auf deren Versteintheit gehalten wird, um daran das Netz der Hunderte moralischen Einzelentscheidungen, die jeder Tag fordert, befestigen zu können. Die heute noch herrschende Ethik ist ihrer Methode nach eine statische, mit dem Festen als Grundbegriff. Aber da man auf dem Weg von der Natur zum Geiste gleichsam aus einem starren Mineralienkabinett in ein Treibhaus voll unausgesprochener Bewegung getreten ist, erfordert ihre Anwendung eine sehr komische Technik der Einschränkung und des Widerrufs, deren Kompliziertheit allein schon unsere Moral zum Untergang reif erscheinen läßt. Man denke an das populäre Beispiel der Abwandlung des Gebotes »Du sollst nicht töten«, von Mord über Totschlag, Tötung des Ehebrechers, Duell, Hinrichtung bis zum Krieg, und sucht man die einheitliche rationale Formel dafür, so wird man finden, daß sie einem Sieb gleicht, bei dessen Anwendung die Löcher nicht weniger wichtig sind als das feste Geflecht.
Denn hier hat man längst nicht-ratioïdes Gebiet betreten, für das uns die Moral bloß ein Hauptbeispiel abgibt, wie die Naturwissenschaft eines für das andre Gebiet gewesen ist. War das ratioïde Gebiet das der Herrschaft der »Regel mit Ausnahmen«, so ist das nichtratioïde Gebiet das der Herrschaft der Ausnahmen über die Regel. Vielleicht ist das nur ein gradueller Unterschied, aber jedenfalls ist er so polar, daß er eine vollkommene Umkehrung der Einstellung des Erkennenden verlangt. Die Tatsachen unterwerfen sich nicht auf diesem Gebiet, die Gesetze sind Siebe, die Geschehnisse wiederholen sich nicht, sondern sind unbeschränkt variabel und individuell. Es gelingt mir nicht, dieses Gebiet besser zu kennzeichnen als darauf hinweisend, daß es das Gebiet der Reaktivität des Individuums gegen die Welt und die anderen Individuen ist, das Gebiet der Werte und Bewertungen, das der ethischen und ästhetischen Beziehungen, das Gebiet der Idee. Ein Begriff, ein Urteil sind in hohem Grade unabhängig von der Art ihrer Anwendung und von der Person; eine Idee ist in ihrer Bedeutung in hohem Grade von beiden abhängig, sie hat immer eine nur okkasionell bestimmte Bedeutung und erlischt, wenn man sie aus ihren Umständen loslöst. Ich greife eine beliebige ethische Behauptung heraus: »es gibt keine Meinung, für die man sich opfern und in die Versuchung des Todes begeben darf –« und jeder von den Spuren ethischer Erlebnisse Beschlagene und Behauchte wird wissen, daß man ebenso leicht das Gegenteil behaupten kann und daß es einer langen Abhandlung bedarf, bloß um zu zeigen, in welchem Sinn man es meint, bloß um Erfahrungen in einer Wegweiserrichtung aneinanderzureihen, die dann doch irgendwo sich unübersehbar verästelt, aber doch irgendwie ihren Zweck erfüllt hat. Auf diesem Gebiet ist das Verständnis jedes Urteils, der Sinn jedes Begriffs von einer zarteren Erfahrungshülle umgeben als Äther, von einer persönlichen Willkür und nach Sekunden wechselnden persönlichen Unwillkür. Die Tatsachen dieses Gebiets und darum ihre Beziehungen sind unendlich und unberechenbar.
Dieses ist das Heimatgebiet des Dichters, das Herrschaftsgebiet seiner Vernunft. Während sein Widerpart das Feste sucht und zufrieden ist, wenn er zu seiner Berechnung so viel Gleichungen aufstellen kann, als er Unbekannte vorfindet, ist hier von vornherein der Unbekannten, der Gleichungen und der Lösungsmöglichkeiten kein Ende. Die Aufgabe ist: immer neue Lösungen, Zusammenhänge, Konstellationen, Variable zu entdecken, Prototypen von Geschehensabläufen hinzustellen, lockende Vorbilder, wie man Mensch sein kann, den inneren Menschen erfinden. Ich hoffe, diese Beispiele sind deutlich genug um jeden Gedanken an »psychologisches« Verstehen, Erfassen udgl. auszuschließen. Psychologie gehört in das ratioïde Gebiet und die Mannigfaltigkeit ihrer Tatsachen ist auch gar nicht unendlich, wie die Existenzmöglichkeit der Psychologie als Erfahrungswissenschaft lehrt. Was unberechenbar mannigfaltig ist, sind nur die seelischen Motive und mit ihnen hat die Psychologie nichts zu tun.
Der Mangel an Erkenntnis, daß es sich überhaupt um zwei ihrer Wesenheit nach verschiedene Gebiete handelt, verschuldet die bürgerliche Betrachtung des Dichters als eines Ausnahmemenschen (von wo es zum Unzurechnungsfähigen nicht weit ist). In Wahrheit ist er nur insofern Ausnahmemensch als er der Mensch ist, der auf die Ausnahmen achtet. Er ist weder der »Rasende«, noch der »Seher«, noch »das Kind«, noch irgendeine Verwachsenheit der Vernunft. Er verwendet auch gar keine andre Art und Fähigkeit des Erkennens als der rationale Mensch. Der bedeutende Mensch ist der, welcher über die größte Tatsachenkenntnis und die größte Ratio zu ihrer Verbindung verfügt: auf dem einen Gebiet wie auf dem anderen. Nur findet der eine die Tatsachen außer sich und der andere in sich, der eine findet sich zusammenschließende Erfahrungsreihen vor und der andere nicht.
Ich bin gewiß nicht sicher, ob es nicht Pedanterie sei, so umständlich auseinanderzulegen, was vielleicht nur Binsenwahrheit ist, und möchte zur Entschuldigung anführen, was hierbei ungesagt blieb, trotzdem es ebenso wichtig: vor allem die Abgrenzung von den sogenannten Geistes- und historischen Wissenschaften, die nicht einfach ist, aber das bisher Gesagte bestätigt. Ob solche Untersuchungen aber als Pedanterie zu bewerten sind oder als unerläßlich, wird sich letzten Endes nur nach der Wichtigkeit richten, die man dem Nachweis zumißt, daß die Struktur der Welt und nicht die seiner Anlagen dem Dichter seine Aufgabe zuweist, daß er eine Sendung hat!
Man hat öfters dem Dichter die Aufgabe zugewiesen, der Sänger, der Verklärer seiner Zeit zu sein und sie, so wie sie ist, in die überglänzte Sphäre der Worte zu ekstasieren; man hat von ihm Triumphpforten für den »guten« Menschen verlangt und Verherrlichung der Ideale; man hat »Gefühl« (das heißt natürlich nur bestimmte Gefühle) von ihm verlangt, und Absage an den kritischen Verstand, der die Welt verkleinert, indem er ihr die Form nimmt, so wie der Steinhügel eines zusammengestürzten Hauses kleiner ist als das einstige Haus. Man hat zuletzt (in der Praxis des Expressionismus, die das gemeinsam hat mit dem alten Neo-Idealismus) von ihm verlangt, daß er die Unendlichkeit des Gegenstandes verwechsele mit der Unendlichkeit der Gegenstandsbeziehungen, wodurch ein ganz falsches metaphysisches Pathos entstand: All das sind Konzessionen an das »Statische«, ihre Forderung widerspricht den Kräften des moralischen Gebiets, ist materialwidrig. Man wird einwenden, daß alles hier Gesagte nur eine rein intellektualistische Auffassung widerspiegelt. Nun, es gibt Dichtungen, die von allem hier als Hauptaufgabe Betrachteten wenig haben und dennoch erschütternde Kunstwerke sind; sie haben ihr schönes Fleisch und das des Homerischen leuchtet durch Jahrtausende bis zu uns. Im Grunde kommt das doch nur von gewissen konstant gebliebenen oder wieder zurückgekehrten geistigen Einstellungen. Die Bewegung der Menschheit, die sich inzwischen vollzogen hat, kam aber von den Variationen. Und es bleibt bloß die Frage, ob der Dichter ein Kind seiner Zeit sein soll oder ein Erzeuger der Zeiten.

Kain und Abel

 Adam schlief mit seiner Frau Eva, und sie wurde schwanger, gebar den Kain. "Gott" sagte sie, "hat mir einen Sohn geschenkt." Sie fuhr fort und gebar den Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schäfer, Kain Ackerbauer. Nach einiger Zeit opferte Kain ein paar Feldfrüchte, Abel brachte Gott Lämmer seiner Herde, obendrein Fett. Gott gefiel, was ihm Abel hergab, weniger das Opfer seines Bruders. Das erbitterte Kain; er verstellte sich aber. Gott sprach: "Warum tust du so, als ob du nicht wütend bist? Warum machst du uns etwas vor? Sei guten Mutes, und du nimmst für dich ein, haderst du jedoch, wirst du ein Verbrechen begehen. Reiß dich zusammen." Kain aber beredete seinen Bruder Abel. Als sie danach auf dem Feld waren, zettelte er einen Streit an und schlug ihn tot. Da sprach Gott zu Kain: "Wo ist dein Bruder Abel?" Kain antwortete: "Was fragst du mich? Bin ich sein Kindermädchen?" Gott aber sprach: "Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Verflucht sollst du sein auf ihr, die ihr Maul auftat und deines Bruders Blut von deinen Händen empfing. Wenn du deine Felder bestellst, sollen sie nichts hergeben. Ruhelos und flüchtig sollst du sein auf Erden." Kain antwortete: "Mir kann nicht vergeben werden, meine Sünde ist zu groß. Du vertreibst mich, ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen, muß unstet und flüchtig sein auf Erden. Zum Schluß wird mich irgendwer totschlagen." Aber der Gott sprach zu ihm: "Nein; denn wer Kain totschlägt, kriegt es siebenfach heimgezahlt." Und Gott brannte Kain ein Zeichen in die Stirn, damit sich keiner traute, ihn zu erschlagen. Also ging Kain Gott aus den Augen und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden. Die moralische Pointe finde ich in der Aufforderung Gottes an Kain, damit aufzuhören, sich zu verstellen. Er macht eine zu große Sache daraus, diesmal verloren zu haben. Es ist seine wütende Ungeduld, die ihn zu Fall bringt. Und natürlich identifiziert sich jeder, der die Geschichte liest, mit ihm. Das ganze könnte z. B. auch eine hervorragende Backstory für ein Drama sein, beginnt mit dem Auftauchen eines Fremden "Jenseits von Enden", der ein geheimnisvolles Tatoo auf der Stirn trägt . . .

Goethe | Dichtung und Wahrheit

GOETHE | Dichtung und Wahrheit - der Teenager Goethe hat nicht ganz standesgemäße Freunde gefunden, in deren Gesellschaft in vor allem das ein Jahr ältere Gretchen fasziniert:
"So vergaßen wir, an die Zeit zu denken: es war schon über Mitternacht geworden, und ich fand, daß ich unglücklicherweise den Hausschlüssel nicht bei mir hatte. Ohne das größte Aufsehen zu erregen, konnte ich nicht ins Haus. Ich teilte ihr meine Verlegenheit mit. »Am Ende«, sagte sie, »ist es das beste, die Gesellschaft bleibt beisammen.« Die Vettern und jene Fremden hatten schon den Gedanken gehabt, weil man nicht wußte, wo man diese für die Nacht unterbringen sollte. Die Sache war bald entschieden; Gretchen ging, um Kaffee zu kochen, nachdem sie, weil die Lichter auszubrennen drohten, eine große messingene Familienlampe mit Docht und Öl versehen und angezündet hereingebracht hatte.
Der Kaffee diente für einige Stunden zur Ermunterung; nach und nach aber ermattete das Spiel: das Gespräch ging aus, die Mutter schlief im großen Sessel, die Fremden, von der Reise müde, nickten da und dort, Pilades und seine Schöne saßen in einer Ecke. Sie hatte ihren Kopf auf seine Schulter gelegt und schlief; auch er wachte nicht lange. Der jüngere Vetter, gegen uns über am Schiefertische sitzend, hatte seine Arme vor sich über einander geschlagen und schlief mit aufliegendem Gesichte. Ich saß in der Fensterecke hinter dem Tische, und Gretchen neben mir. Wir unterhielten uns leise; aber endlich übermannte auch sie der Schlaf, sie lehnte ihr Köpfchen an meine Schulter und war gleich eingeschlummert. So saß ich nun, allein wachend, in der wunderlichsten Lage, in der auch mich der freundliche Bruder des Todes zu beruhigen wußte. Ich schlief ein, und als ich wieder erwachte, war es schon heller Tag. Gretchen stand vor dem Spiegel und rückte ihr Häubchen zurechte; sie war liebenswürdiger als je und drückte mir, als ich schied, gar herzlich die Hände. Ich schlich durch einen Umweg nach unserm Hause: denn an der Seite, nach dem kleinen Hirschgraben zu, hatte sich mein Vater in der Mauer ein kleines Guckfenster, nicht ohne Widerspruch des Nachbarn, angelegt. Diese Seite vermieden wir, wenn wir nach Hause kommend von ihm nicht bemerkt sein wollten. Meine Mutter, deren Vermittelung uns immer zu gute kam, hatte meine Abwesenheit des Morgens beim Tee durch ein frühzeitiges Ausgehen meiner zu beschönigen gesucht; und ich empfand also von dieser unschuldigen Nacht keine unangenehmen Folgen."
Die Geschichte mit Gretchen fliegt später auseinander, weil die Freunde in Betrügereien verwickelt sind, zu denen ahnungslos auch der junge Goethe beiträgt. Man hat jedoch den Eindruck, dass Goethe sich sein Leben lang nicht von dem Verlust seiner ersten Liebe - noch vor Ch. Buff - erholt. "So viel ist aber gewiß", schreibt er an anderer Stelle von Dichtung und Wahrheit, "daß die unbestimmten, sich weit ausdehnenden Gefühle der Jugend und ungebildeter Völker allein zum Erhabenen geeignet sind, das, wenn es durch äußere Dinge in uns erregt werden soll, formlos, oder zu unfaßlichen Formen gebildet, uns mit einer Größe umgeben muß, der wir nicht gewachsen sind. Eine solche Stimmung der Seele empfinden mehr oder weniger alle Menschen, so wie sie dieses edle Bedürfnis auf mancherlei Weise zu befriedigen suchen. Aber wie das Erhabene von Dämmerung und Nacht, wo sich die Gestaltenvereinigen gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage verscheucht, der alles sondert und trennt, und so muß es auch durch jede wachsende Bildung vernichtet werden, wenn es nicht glücklich genug ist, sich zu dem Schönen zu flüchten und sich innig mit ihm zu vereinigen, wodurch denn beide gleich unsterblich und unverwüstlich sind."

Dichtung und Wahrheit

Eine von mir selbst sehr reinlich gefertigte Abschrift legte ich meinem Freunde Derones vor, welcher sie mit ganz besonderem Anstand und einer wahrhaften Gönnermiene aufnahm, das Manuskript flüchtig durchsah, mir einige Sprachfehler nachwies, einige Reden zu lang fand und zuletzt versprach, das Werk bei gehöriger Muße näher zu betrachten und zu beurteilen. Auf meine bescheidene Frage, ob das Stück wohl aufgeführt werden könne, versicherte er mir, daß es garnicht unmöglich sei. Sehr vieles komme beim Theater auf Gunst an, und er beschütze mich von ganzem Herzen; nur müsse man die Sache geheim halten: denn er habe selbst einmal mir einem von ihm verfertigten Stück die Direktion überrascht, und es wäre gewiß aufgeführt worden, wenn man nicht zu früh entdeckt hätte, daß er der Verfasser sei. Ich versprach ihm alles mögliche Stillschweigen und sah schon im Geist den Titel meiner Piece an den Ecken der Straßen und Plätze mit großen Buchstaben angeschlagen.
So leichtsinnig übrigens der Freund war, so schien ihm doch die Gelegenheit, den Meister zu spielen, allzu erwünscht. Er las das Stück mit Aufmerksamkeit durch, und indem er sich mit mir hinsetzte, um einige Kleinigkeiten zu ändern, kehrte er im Laufe der Unterhaltung das ganze Stück um und um, so daß auch kein Stein auf dem andern blieb. Er strich aus, setzte zu, nahm eine Person weg, substituierte eine andere, genug, er verfuhr mit der tollsten Willkür von der Welt, daß mir die Haare zu Berge standen. Mein Vorurteil, daß er es doch verstehen müsse, ließ ihn gewähren: denn er hatte mir schon öfter von den drei Einheiten des Aristoteles, von der Regelmäßigkeit der französischen Bühne, von der Wahrscheinlichkeit, von der Harmonie der Verse und allem, was daran hängt, so viel vorerzählt, daß ich ihn nicht nur für unterrichtet, sondern auch für begründet halten mußte. Er schalt auf die Engländer und verachtete die Deutschen; genug, er trug mir die ganze dramaturgische Litanei vor, die ich in meinem Leben so oft mußte wiederholen hören.
Ich nahm, wie der Knabe in der Fabel, meine zerfetzte Geburt mir nach Hause und suchte sie wieder herzustellen, aber vergebens. Weil ich sie jedoch nicht ganz aufgeben wollte, so ließ ich aus meinem ersten Manuskript, nach wenigen Veränderungen, eine saubere Abschrift durch unsern Schreibenden anfertigen, die ich denn meinem Vater überreichte und dadurch so viel erlangte, daß er mich nach vollendetem Schauspiel meine Abendkost eine Zeitlang ruhig verzehren ließ.

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser

Wie groß ist die Seligkeit der Einschränkung, die wir doch aus allen Kräften zu fliehen suchen! Sie ist wie ein kleines glückliches Eiland in einem stürmischen Meere; wohl dem, der in ihrem Schoße sicher schlummern kann, ihn weckt keine Gefahr, ihm drohen keine Stürme. Aber wehe dem, der von unglücklicher Neugier getrieben, sich über dies dämmernde Gebirge hinauswagt, das wohltätig seinen Horizont umschränkt.
Er wird auf einer wilden stürmischen See von Unruh und Zweifel hin und her getrieben, sucht unbekannte Gegenden in grauer Ferne, und sein kleines Eiland, auf dem er so sicher wohnte, hat alle seine Reize für ihn verloren.
Eine von Antons seligsten Erinnerungen aus den frühesten Jahren seiner Kindheit ist, als seine Mutter ihn in ihren Mantel eingehüllt durch Sturm und Regen trug. Auf dem kleinen Dorfe war die Welt ihm schön, aber hinter dem blauen Berge, nach welchem er immer sehnsuchtsvoll blickte, warteten schon die Leiden auf ihn, die die Jahre seiner Kindheit vergällen sollten.

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Vielleicht wäre auch alles im Ehestande besser gegangen, wenn Antons Mutter nicht das Unglück gehabt hätte, sich oft für beleidigt und gern für beleidigt zu halten, auch wo sie es wirklich nicht war, um nur Ursach zu haben, sich zu kränken und zu betrüben und ein gewisses Mitleid mit sich selber zu empfinden, worin sie eine Art von Vergnügen fand.
Leider scheint sich diese Krankheit auf ihren Sohn fortgeerbt zu haben, der jetzt noch oft vergeblich damit zu kämpfen hat.
Schon als Kind, wenn alle etwas bekamen und ihm sein Anteil hingelegt wurde, ohne dabei zu sagen, es sei der seinige, so ließ er ihn lieber liegen, ob er gleich wußte, daß er für ihn bestimmt war, um nur die Süßigkeit des Unrechtleidens zu empfinden und sagen zu können, alle andren haben etwas und ich nichts bekommen!
Da er eingebildetes Unrecht schon so stark empfand, um so viel stärker mußte er das wirkliche empfinden. Und gewiß ist wohl bei niemanden die Empfindung des Unrechts stärker als bei Kindern, und niemanden kann auch leichter unrecht geschehen; ein Satz, den alle Pädagogen täglich und stündlich beherzigen sollten.

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Weil er von Kindheit auf zu wenig eigene Existenz gehabt hatte, so zog ihn jedes Schicksal, das außer ihm war, desto stärker an; daher schrieb sich ganz natürlich während seiner Schuljahre die Wut, Komödien zu lesen und zu sehen. – Durch jedes fremde Schicksal fühlte er sich gleichsam sich selbst entrissen und fand nun in andern erst die Lebensflamme wieder, die in ihm selber durch den Druck von außen beinahe erloschen war.
Es war also kein echter Beruf, kein reiner Darstellungstrieb, der ihn anzog: denn ihm lag mehr daran, die Szenen des Lebens in sich als außer sich darzustellen. Er wollte für sich das alles haben, was die Kunst zum Opfer fordert.
Um seinetwillen wollte er die Lebensszenen spielen – sie zogen ihn nur an, weil er sich selbst darin gefiel, nicht weil an ihrer treuen Darstellung ihm alles lag. – Er täuschte sich selbst, indem er das für echten Kunsttrieb nahm, was bloß in den zufälligen Umständen seines Lebens gegründet war. – Und diese Täuschung, wie viele Leiden hat sie ihm verursacht, wie viele Freuden ihm geraubt!
Hätte er damals das sichere Kennzeichen schon empfunden und gewußt, daß, wer nicht über der Kunst sich selbst vergißt, zum Künstler nicht geboren sei, wie manche vergebene Anstrengung, wie manchen verlornen Kummer hätte ihm dies erspart!
Allein sein Schicksal war nun einmal von Kindheit an, die Leiden der Einbildungskraft zu dulden, zwischen welcher und seinem würklichen Zustande ein immerwährender Mißlaut herrschte, und die sich für jeden schönen Traum nachher mit bittern Qualen rächte.

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Was ihm aber auf dem Kirchhofe den Gedanken des Todes so schrecklich machte, war die Vorstellung des Kleinen, die, sowie sie herrschend wurde, in seiner Seele eine fürchterliche Leere hervorbrachte, welche ihm zuletzt unerträglich war. – Das Kleine nahet sich dem Hinschwinden, der Vernichtung – die Idee des Kleinen ist es, welche Leiden, Leerheit und Traurigkeit hervorbringt – das Grab ist das enge Haus, der Sarg ist eine Wohnung, still, kühl und klein – Kleinheit erweckt Leerheit, Leerheit erweckt Traurigkeit – Traurigkeit ist der Vernichtung Anfang – unendliche Leere ist Vernichtung. – Reiser empfand auf dem kleinen Kirchhofe die Schrecken der Vernichtung – der Übergang vom Dasein zum Nichtsein stellte sich ihm so anschaulich und mit solcher Stärke und Gewißheit dar, daß seine ganze Existenz nur noch wie an einem Faden hing, der jeden Augenblick zu zerreißen drohte. 

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Er wollte sich nicht zudrängen und war doch wieder nicht stark genug, es zu ertragen, wenn man ihn vernachlässigte. –

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Endlich kam nun der Tag seines Triumphes heran, wo er auf die auffallendste Art, die nur in seiner Lage möglich war, öffentlich Ehre und Beifall einernten sollte – aber eben dies erweckte bei ihm eine ganz besondre schwermütige Empfindung – auf diesen Punkt war nun bisher alle sein Wünschen und Trachten gespannt gewesen – bis auf diesen Punkt heftete sich die Aufmerksamkeit eines großen Teils von Menschen auf ihn – und wenn nun dies vorbei wäre, so sollte das alles nachlassen, und die ganz alltäglichen Szenen des Lebens sollten dann wiederkommen. – Dieser Gedanke erweckte in Reisern sehr oft den sonderbaren, im Ernst gemeinten Wunsch, daß er am Ende seiner Rede hinfallen und sterben möchte. –

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Diese Zurücksetzung hatte ihren guten Grund in seinem Betragen – er war unteilnehmend an allem, was außer ihm vorging, und zu jedem Geschäft, was ihn aus seiner Ideenwelt herauszog, träge und verdrossen. – Was Wunder, da er an nichts teilnahm, daß man auch wieder an ihm nicht teilnahm, sondern ihn verachtete, hintansetzte und vergaß?
Allein man erwog nicht, daß eben dies Betragen, weswegen man ihn zurücksetzte, selbst eine Folge von vorhergegangner Zurücksetzung war. – Diese Zurücksetzung, welche in einer Reihe von zufälligen Umständen gegründet war, hatte den Anfang zu seinem Betragen und nicht sein Betragen, wie man glaubte, den Anfang zur Zurücksetzung gemacht.
Möchte dies alle Lehrer und Pädagogen aufmerksamer und in ihren Urteilen über die Entwicklung der Charaktere junger Leute behutsamer machen, daß sie die Einwirkung unzähliger zufälliger Umstände mit in Anschlag brächten und von diesen erst die genaueste Erkundigung einzuziehen suchten, ehe sie es wagten, durch ihr Urteil über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden, bei dem es vielleicht nur eines aufmunternden Blicks bedurfte, um ihn plötzlich umzuschaffen, weil nicht die Grundlage seines Charakters, sondern eine sonderbare Verkettung von Umständen an seinem schlecht in die Augen fallenden Betragen schuld war.

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Denn wie Träume eines Fieberkranken waren freilich solche Zeitpunkte in Reisers Leben, aber sie waren doch einmal darin und hatten ihren Grund in seinen Schicksalen von seiner Kindheit an. Denn war es nicht immer Selbstverachtung, zurückgedrängtes Selbstgefühl, wodurch er in einen solchen Zustand versetzt wurde? Und wurde nicht diese Selbstverachtung durch den immerwährenden Druck von außen bei ihm bewirkt, woran freilich mehr der Zufall schuld war als die Menschen?

Goethe über Theorie im Zusammenhang mit Schaffen

Ich verlor mich daher einmal über das andre, da mir in dieser Zerstreuung keine ästhetischen Arbeiten gelingen wollten, in ästhetische Spekulationen; wie denn alles Theoretisieren auf Mangel oder Stockung von Produktionskraft hindeutet. Früher mit Mercken, nunmehr manchmal mit Gottern, machte ich den Versuch, Maximen auszufinden, wonach man beim Hervorbringen zu Werke gehn könnte. Aber weder mir noch ihnen wollte es gelingen. Merck war Zweifler und Eklektiker, Gotter hielt sich an solche Beispiele, die ihm am meisten zusagten. Die Sulzersche Theorie war angekündigt, mehr für den Liebhaber als für den Künstler. In diesem Gesichtskreise werden vor allem sittliche Wirkungen gefordert, und hier entsteht sogleich ein Zwiespalt zwischen der hervorbringenden und benutzenden Klasse; denn ein gutes Kunstwerk kann und wird zwar moralische Folgen haben, aber moralische Zwecke vom Künstler fordern, heißt ihm sein Handwerk verderben. DICHTUNG UND WAHRHEIT

Dramatische Ironie

Dass ausgerechnet die besten Autoren am dringendsten vor dem Lesen warnen: Cervantes, Flaubert, Tolstoi - Dante lässt die Leser in der Hölle schmoren! Seltsam. Aber ich fange an zu verstehen, was sie meinen, wenn ich mich an eine Episode aus meiner Studentenzeit erinnere. Ich besuchte damals an Wochenenden das Land-Theater, an dem mein Vater sein Leben lang inszenierte, im Sommer was Lustiges für die Freilichtbühne, im Winter was Ernstes (meist den Urfaust) für die Minibühne neben der Kamin-Bar. Ich liebte dieses Theater noch aus der Kindheit, die hier die beste war. Unserer Eltern spielten auf der Bühne, wir in den Wäldern ringsum, alle Familien lebten unter einem Dach, eigentlich eine Art Kommune, wenn dieses Wort damals auch noch nicht gebräuchlich war. Als Student später auf Besuch schlief ich meistens bis Mittags. Und wurde unter der Woche zweimal geweckt von lautem Kindergebrüll, das waren die aufeinander gespielten zwei Kinder-Vorstellungen des Räuber Hotzenplotz jeden vormittag. Aber das Geschrei, und bei jeder Vorstellung zuverlässig nach ca. 40 Minuten? Eines morgens schleppte ich mich herunter und lauerte neben der Bühne, welche Szene das Publikum dermaßen erregte. Da kam sie. Der Räuber wendet sich an das Publikum und sagt: "Kinder, gleich kommen Kasperle und Seppel, und ich verstecke mich jetzt hinter diesem Busch und überfalle sie. Und wehe einer sagt was!" Gesagt, getan. Kasperle und Seppel tauchen auf. Das Publikum explodiert. Kasperle und Seppel geben sich begriffsstutzig: "Was sagt ihr da?" Die ersten Kinder eilen vor zur Bühne, eine rotgesichtiges Mädchen aber klettert erregt herauf, um die beiden Kunstfiguren zu warnen. Ihr Bild hat sich mir bis heute eingeprägt: eine kleine Emma Bovary, rasend gemacht von den Taschenspielertricks der Erzähler. Diese wünschen sich natürlich so ein Publikum, sind dann aber doch betroffen, zumindest die besseren von ihnen, wenn sie es sehen.

Otilje lieb, Otilje mein, Du wirst wohl nicht die letzte sein

Unter den Liedern, die Josepha sang, war ein Volkslied, das sie von der Zippel gelernt, und welches diese auch mir in meiner Kindheit oft vorgesungen, so daß ich zwei Strophen im Gedächtnis behielt, die ich um so lieber hier mitteilen will, da ich das Gedicht in keiner der vorhandenen Volksliedersammlungen fand. Sie lauten folgendermaßen – zuerst spricht der böse Tragig: »Otilje lieb, Otilje mein, Du wirst wohl nicht die letzte sein – Sprich, willst du hängen am hohen Baum? Oder willst du schwimmen im blauen See? Oder willst du küssen das blanke Schwert, Was der liebe Gott beschert?« Hierauf antwortet Otilje: »Ich will nicht hängen am hohen Baum Ich will nicht schwimmen im blauen See, Ich will küssen das blanke Schwert, Was der liebe Gott beschert!« Als das rote Sefchen einst das Lied singend an das Ende dieser Strophe kam und ich ihr die innere Bewegung abmerkte, ward auch ich so erschüttert, daß ich in ein plötzliches Weinen ausbrach, und wir fielen uns beide schluchzend in die Arme, sprachen kein Wort, wohl eine Stunde lang, während uns die Tränen aus den Augen rannen und wir uns wie durch einen Tränenschleier ansahen. HEINRICH HEINE (Memoiren)