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Fraglich . . .

. . . ist heute etwas nur noch im Hinblick auf Politik oder Wirtschaft oder als soziales Problem. Wir stellen uns mit anderen Worten die Lösung sämtlicher Herausforderungen vor durch einen gerechten Umgang mit der menschlichen Bedürftigkeit. Keine Rolle mehr spielen im allgemeinen Kunst, Mythos oder Metaphysik. Wie verwahrlost sie inzwischen sind, ist zu besichtigen in unseren Spielstätten, auf Buchläden-Stapeln und im ungezügelten Wiederauftauchen der Tätowiertheit. Zumindest unserer Kunsthochschulen könnten, wo man sie sich noch leistet in solch misslicher Lage, außerhalb des Hauptstroms laufen dürfen, anstatt zusehends in diesen getaktet zu werden (Regelstudienzeit, Marktgerechtigkeit usf.)

Diskontinuität

Lücke oder Bruch bilden das weiter herrschende Dogma unserer Zeit, die sich dem Ende zuneigt. Was bedeutet "Bruch"? Dass es keine Verbindung gibt zwischen unserem Sein und dem unserer Eltern. Dass wir mit unseren Großeltern so wenige gemein haben wie mit irgendeiner anderen Epoche der Geschichte. "Bruch" ist der Hauptbegriff dieser Auffassung, um zu entschlüsseln, was es auf sich hat mit Kultur. Es gibt keinen roten Faden, kein durchgehendes Narrativ namens "abendländische Kultur", nur eine Anordnung unzusammenhängender historischer Erscheinungen. "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" beispielsweise sind willkürliche Setzungen eines zufällig patriarchalischen Systems, nicht der Ausdruck von etwas dem Menschsein Innewohnenden. Nur durch die Zugänglichmachung neuer Theorien, was die Konstruktion von "Geschlecht" betrifft, finden wir aus der Tyrannei des Diktates. Die Aufgabe ist es, mit den neuen theoretischen Werkzeugen das Geschlecht zu dekonstruieren und uns danach in jener Weise neu zu bestimmen, die uns beliebt, frei von den Fesseln der Natur oder Geschichte. Da wir uns vollkommen selbst zu schaffen aufgegeben sind, liegt es nahe, eine solche Identität anzunehmen, die unsere Bedürfnisse am besten befriedigt. Wie die Menschen früher und immer waren, wird zum "Nicht-Problem". Der Fokus liegt auf jedweder frei erfundenen Identität und ihrem Schutz. Wie aber soll man jemand in eine so verfasste Gesellschaft integrieren? Das postulierte Ich ist ein "faustisches", die es zuwege bringenden Figuren gipfeln in einem soziopathischen Crescendo: Hamlet, Macbeth, Ahab, Holden Caufield, Michael Corleone - erträglicher noch als freundliche Tattergreise: Don Quichote. Warum sind Menschen, deren Persönlichkeit sich voll entfaltet hat, so unerträglich - für sich und andere?

Wild

Wenn ich die Kritiken zu WILD nachlese - mit Natur im veganen Sinn hat das ganze aber weniger zu tun, bringt eher den sexuellen Archetyp in Schwung. Daher die magische Kraft vor allem auf Zuschauerinnen. Die Heldin ist das weibliche Grundmodell, welches sich für Männer interessiert, sie mit dem kritischen Auge der Natur wiegt und 8 von 10 für zu leicht (trunken) befindet. Gerade der Chef schafft es einmal kurz in ihre Vagina, aber auch von ihm will sie "bestimmt kein Kind" (muss fast lachen bei den Gedanken). Der einzige Menschenmann, den sie billigt, ist - nicht ihr Vater, dessen Generation scheint zu leichtfertig, sondern - der im Sterben liegende Großvater. Indem dieser nun die Welt verlässt, erscheint ihr wie dem Rotkäppchen ein Wolf, der ultimativ männliche Archetyp, und tritt die innere Herrschaft an. In früheren Filmen wäre das noch ein Rockmusiker oder anderer bad boy gewesen, die heute als Computermusiker oder Hacker kaum noch Erregunsduft versprühen. Da muss schon ein Zweitmeterneger (Weiße Masai), orientalischer Zuhälter (Fak Yu G.) oder eben veritabler Wolf her, der die Darstellerin am besten während der Dreharbeiten mehrmals in Lebensgefahr gebracht hat. Wir Menschen, die heute leben, sind eben genetisch vielemillionen Jahre alt und bilden nur jenen verschwindend geringen Bruchteil des ins Spiel gekommenen Materials, der überlebt hat. Aufgrund von Strategien, die mehr mit Gewalt scheinen zu tun zu haben, als wir geneigt sind, zuzugeben. Was sind das sonst für Signale, welche uns Filmemacherinnen, wenn sie sprechen dürfen, da geben? (Auch Maren Ade, als erste Deutsche seit langem in Cannes eingeladen, zeigt Heldinnen, die weniger am Stand des Pegels ihrer Emanzipation, als der Virilität  - ihrer Partner und schlechthin - verzweifeln.)

Virtuelle Realität

Der misnomer schlechthin! Unsere Gegenwart verfügt über viel zuviel Energie | Material um "virtuell" sein zu können. Nur wer geringe Chancen hat, seine Ideen im dreidimensionalen Raum zu materialisieren, und daher in einer Welt der Konzepte, Entwürfe und Ideen verharrt, lebt und handelt "virtuell". Wie z. B. jene intelligenten Vorfahren, die "ums Lagefeuer" saßen und "Geschichten erzählten". Sie hatten kein anderes Mittel als die Sprache, um wahr werden zu lassen, was sie sich vorstellten = konnten es nicht in Filme, Bauten oder Waren umsetzen. Ihre naturale Umgebung oder kulturellen Artefakte waren gegenüber dem Reichtum der Vorstellung viel begrenzter, schlichter, als sie es gegenwärtig sind. Heute kann und muss alles gleich wirklich, greifbar sein oder werden. Die ständig sinkenden Kosten stofflicher Umsetzung ermöglichen die Verwirklichung selbst des simpelsten Einfalls, und kursorische Vorstellungen materialisieren sich augenblicklich zu Artefakten, die nur schwer wieder zu entfernen sind aus unseren Landschaften, Museen, Bibliotheken oder FB-Nachrichtenströmen, die sie verstopfen. Wir leben im nicht radikaler denkbaren Gegenteil einer virtuellen Welt. Überall versperren uns realisierte Vorstellungen den Blick, Geschmack, Distinktion, Konformität oder Protest signalisierend. Jede mentale Regung wird rücksichtslos - schon im Kindergarten - in materielle Gegenstände umgesetzt und erzeugt ein Übergewicht an physischen Artefakten, welches die Fähigkeit betäubt, sich rein etwas vorzustellen oder Eindrücke zu unterscheiden, die mit einer geringfügigen Mobilisierung von Stoffen einhergehen. Nur die mangelnde bzw. abhanden gekommene Ahnung vom wahren Wesen der Virtualität konnte dazu führen, dass unsere Wirklichkeit, die von härtester Materialität gekennzeichnet ist, uns "virtuell" vorkommt. Echte Virtualität könnte höchstens im Zeichen einer kommenden Ära neuer Nachhaltigkeit stehen, welche den Materialeinsatz entkoppelt hat vom Wachstum des Nutzen. Materialität ist bequemer, als sich etwas vorzustellen. Es ist leichter, einen Film anzuschauen, als ein Buch zu lesen - ein Objekt zu erwerben, als einen Gedanken zu formulieren. Es fordert geringeren persönlichen Aufwand, seine gesellschaftliche Besonderheit durch Objekte (früher Sportwagen | heute iPhone - Katzen-Postings . . .) zu signalisieren als beispielsweise durch kultiviertes Auftreten, "Gesprächsführung" oder andere persönliche Eigenschaften, deren Erwerb sich hinzieht.

Tod als Ratgeber?

Mir ist gestern ein Video bekannt gemacht worden, in dem S. Jobs amerikanischen Studenten als Leitfaden vorstellt, in entscheidenden Fragen an den eigenen Tod zu denken. Ein Anwendungsbeispiel gibt er nicht. Muss man sich vorstellen, dass so z.B. die graphische Benutzeroberfläche für Computer entstanden ist?