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WIE WITTGENSTEIN UNS HELFEN KANN, DIE HERAUSFORDERUG DES AUSLÄNDISCHEN ZU VERSTEHEN


Ich bin in meinem Leben in vielen Teilen der Welt gewesen. Eigentlich fast überall außer Lateinamerika. Je mehr ich herum kam, desto mehr fielen mir die Deutschen auf. Egal, wo man hinkommt, es gibt immer einen Deutschen, der dorthin ausgewandert ist. Und er hat fast immer einen an der Waffel. Wenn er gerade erst angekommen ist, idealisiert er seine neue Heimat und macht Deutschland herunter. War er länger im Ausland, verhält es sich genau andersherum.

Wer zwei Frauen liebt, verliert sie Seele, sagt der französische Volksmund, wer in zwei Häusern lebt, verliert den Verstand.

Wie dieser Verlust des Verstandes vor sich geht, gehen muss, erhellt aus den Beobachtungen Ludwig Wittgensteins zum Wesen des Gemütes.

Unser Denken vollzieht sich in einem Netzwerk von Begriffen, denen gemäß wir die Wirklichkeit auffassen und handhaben. Die meisten Philosophen kommen nicht über diese Beobachtung hinaus - stellen Bewusstsein und Wirklichkeit einander gegenüber, ohne auseinander setzen zu wollen, wie die beiden aufeinander bezogen sind. Die Begriffe, welche alles bedeuten, werden selber nicht weiter erklärt, sondern hingenommen als etwas geistig Gegebenes.

Hier setzt Wittgensteins grundsätzlicher Gedanke an: zum Wesen des Begriffs, das er im von ihm sog. Sprachspiel ausmacht.

Was Wittgenstein mit Sprachspiel markieren möchte, heißt später bei Luhmann Kommunikation und wird ursprünglich dargestellt durch den Blickwechsel Mutter-Baby. Denn offenbar geht etwas Bedeutendes vor zwischen den beiden. Ihre Gegenseitigkeit hat Witz. Hier lokalisiert Wittgenstein den Ursprung von Begreifen und Bewusstsein, dessen später noch so vielschichtige und verflochtene Erscheinungen doch immer den sinnstiftenden Grundzug des zwischenmenschlich Antwortenden haben.

Wenn ich denke, befindet sich mit anderen Worten immer jemand anderes in meinem Kopf, auf den ich antworte, und der mir antwortet.

Das Sprachspiel, in dem sich Menschen, Alltag und Sprache gegenseitig bedingen, wird in Wittgensteins Spätphilosophie zum Ursprung der Bedeutung. 

Die Verstandestätigkeit entspringt hiermit zum ersten Mal im westlichen Denken nicht der Gegenüberstellung von Einzelnem und Gegenstand, welche der Philosoph versucht, aufeinander zu beziehen. Wittgensteins Philosophische Untersuchungen beginnen mit etwas, was sich bis dahin niemand als Startpunkt vorstellen konnte, und es fällt, wenn man das Werk zum ersten Mal liest, schwer, Verständnis für etwas zu entwickeln, das so offensichtlich zusammengesetzt ist wie das Sprachspiel, als Keimzelle der Besinnlichkeit.

Doch Wittgensteins Genie besteht genau in diesem Erkennen der dreifachen Wechselbeziehung – von Menschen, Umgebung und Sprache – als Ureinheit der Bedeutung. Dadurch erfüllt er den Traum eines jeden Philosophen, endlich hinauszukommen über das Subjekt-Objekt-Schema als Startpunkt des Denkens, ohne dabei doppeldeutig werden zu müssen. Wie es möglich sein könnte, Bedeutung schlechthin zu besichtigen, noch bevor der einzelne Mensch einer Welt gegenübertritt, darauf war vor Wittgenstein noch niemand gekommen.

Was er unter „Sprachspiel“ versteht, veranschaulicht Wittgenstein ab dem zweiten Paragrafen seiner Philosophischen Untersuchungen: „Denken wir uns eine Sprache […]. Die Sprache soll der Verständigung eines Bauenden A mit einem Gehilfen B dienen. A führt einen Bau auf aus Bausteinen; es sind Würfel, Säulen, Platten und Balken vorhanden. B hat ihm die Bausteine zuzureichen, und zwar nach der Reihe, wie A sie braucht. Zu dem Zweck bedienen sie sich einer Sprache, bestehend aus den Wörtern: ‚Würfel‘, ‚Säule‘, ‚Platte‘, ‚Balken‘. A ruft sie aus; – B bringt den Stein, den er gelernt hat, auf diesen Ruf zu bringen. – Fasse dies als vollständige primitive Sprache auf.“

Am wichtigsten hier: die „Vollständigkeit“, welche „aufzufassen“ einem geraten wird. „Ich werde auch das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, das ‚Sprachspiel‘ nennen“, fügt Wittgenstein erklärend hinzu. „Das Wort ‚Sprachspiel‘ soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform.“

Weitere Sprachspiele, welche Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen anführt, sind nicht immer der Wirklichkeit entnommen, sondern manchmal als „Vergleichsobjekte“ erfunden worden, um die Aufmerksamkeit auf wichtige Merkmale zu lenken. Als existierende Sprachspiele zitiert er: 

• Befehlen und nach Befehlen handeln
• Beschreiben eines Gegenstands nach dem Ansehen oder nach Messungen
• Herstellen eines Gegenstands nach einer Beschreibung (Zeichnung)
• Berichten eines Hergangs
• Über den Hergang Vermutungen anstellen
• Eine Hypothese aufstellen und prüfen
• Darstellen der Ergebnisse eines Experiments durch Tabellen und Diagramme
• Eine Geschichte erfinden und lesen
• Theater spielen
• Reigen singen
• Rätselraten
• Einen Witz machen, erzählen
• Ein angewandtes Rechenexempel lösen
• Aus einer Sprache in die andere übersetzen
• Bitten, danken, fluchen, grüßen, beten

Es hilft, sich vorzustellen, die hier aufgelisteten Sprachspiele seien gerade erst entstanden, spontan in die Welt getreten vor Millionen Jahren, um zu erkennen, dass in ihnen die Keimzelle von zum Beispiel Physik, Architektur, Geschichte, Theoriebildung oder Humor liegt.

Wie viele Sprachspiele gibt es?

Unendlich viele – neue kommen ständig in die Welt, alte verblassen.

Sprachspiele als Teil einer Kultur sind Erweiterungen einer noch primitiveren organischen Entwicklung, welche Wittgenstein als die Naturgeschichte der Menschen beschreibt: „Befehlen, fragen, erzählen, plauschen gehören zu unserer Naturgeschichte so wie gehen, essen, trinken, spielen.“ Nicht alle Sprachen verwenden Wörter, einige bestehen aus Nummern – oder Gesten – oder Tönen. Auch Bienen, Ameisen, Vögel oder Schimpansen haben ihre jeweilige Sprache. Die menschliche Wortsprache aber ist Teil der menschlichen Naturgeschichte, welche deswegen nicht etwa erklärt, warum wir sprechen, sondern diesen Entwicklungsschritt eben mit sich bringt.

Von großer Bedeutung ist schließlich noch die Beziehung zwischen Sprachspiel und Lebensform, Wittgensteins Bezeichnung für das Unbewusste, in Form des Alltags.

„Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen“, schreibt Wittgenstein dazu in den Philosophischen Untersuchungen, „die nur aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht. – Oder eine Sprache, die nur aus Fragen besteht und einem Ausdruck der Bejahung und der Verneinung. Und unzählige Andere [sic!]. – Und eine Sprache vorstellen heißt, sich [einen Alltag] […] vorstellen.“

Zu einer Sprache, die nur aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht, gehört dann zum Beispiel der Alltag „Krieg“. Besteht eine Sprache nur aus Fragen und einem Ausdruck der Bejahung oder der Verneinung, ist sie im Alltag „Gerichtsverfahren“ anzusiedeln.

Ein Alltag besteht aus sich wiederholenden Aktivitäten, egal, ob sie nun kultureller oder biologischer Natur sind. Sich einen menschlichen Alltag vorzustellen, heißt, sich eine Sprache – wohlgemerkt noch kein Sprachspiel – vorzustellen: „Das Wort ‚Sprachspiel‘ soll […] hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder […] [eines Alltags] […].“

Dass sich der menschliche Alltag aus etwas sich Wiederholendem zusammensetzt, beinhaltet unter anderem, dass gesprochen wird – also Sprachspiele stattfinden.

Der Alltag kann nun beispielsweise jener der Geschäftswelt sein; eines seiner Sprachspiele wäre dann die Werbung. Er könnte auch im Bereich der Therapie verortet sein; in dem Fall wäre ein Sprachspiel die Psychoanalyse. Im Alltag der Wahrsagerei bestünde ein Sprachspiel im Handlesen, in einer Welt, die sich nur ums Glücksspiel dreht, hieße ein zugehöriges Sprachspiel Lotto, usw.

Ich komme auf meine einleitende Wahrnehmung zurück: wie deutsche Auswanderer nach meiner Beobachtung nicht selten einen "an der Waffel" - also Bewusstseinsprobleme - zu haben scheinen. Denn wenn unser Bewusstsein eine Funktion der Umgebung ist, in welcher es sich ausbildete, kommt es in Schwierigkeiten, je mehr Umgebungs-Antworten abweichen von denen, die ein Bewußtsein ursprünglich zu Wege brachten.

In einem fremden Kulturkreis lauert immer die Gefahr des Nervenzusammenbruchs für solche Personen, deren Begriffswelt und daher innere Gesetztheit sich anderen Zusammenhängen verdankt.

Freilich gibt es beweglichere Gemüter, die Fremdsprachengenies, die sich vergrößern mit dem Aufenthalte in unterschiedlichen Kulturen, dadurch aber nicht selten auch an Unförmigkeit gewinnen. Ich erinnere mich an einen jungen Mann in Bangkok, der ständig - mitten im Satz - von einer Sprache in die andere wechselte und dadurch mehr Verwirrung signalisierte als Weltgewandtheit. Es ist auch bekannt, dass Diplomaten nur mit Schwierigkeiten einen Altersruhesitz finden.

Wie den Deutschen im Ausland könnte es auch den Ausländern in Deutschland gehen, die uns daher immer wieder mit Nervenzusammenbrüchen überraschen dürften.



Vom Neid

VOM NEID

Zwei menschliche Laster, die mich wenig plagen: Neid und Depression. Ich eigne mich nicht für letztere. Das ist kein Verdienst, sondern Zufall, ein Würfelung der Natur, die in meinem Fall eine Seele ohne viel Traurigkeit zustandegebracht hat.

Meine depressiven Freunde haben es oft weiter im Leben gebracht. Die Depressiven haben in der Regel einen besseren Blick für die Wirklichkeit, ihre Erfordernisse. Vielleicht sind sie deswegen depressiv. Ihnen gegenüber stehen die Hysteriker, unter denen ich mich leichter wiederfinde, mit ihren übertriebenen Geschichten.

Auch der Neid ist mir fremd. Wenn jemand einen Erfolg hat, freut es mich eher. In der Regel stellt er dabei etwas Schönes her auch zu meinem Ergötzen.

Ich glaube nicht, dass die Menschen ihren Erfolg verdienen, sondern in die Wiege gelegt bekamen. Wenn ich die Kinder beobachte - neulich z. B. im Kinderladen meines Neffen in Berlin - sehe sie vor mir mit 60 Jahren. Die Typen sind alle zu erkennen. Einige kommen groß heraus, die meisten leben das übliche Mittel-Leben. Und könnten zufrieden werden, wenn ihnen nicht die Anforderung in den Weg kommt, dass alle Menschen gleich sein müssen, die Hauptquelle des Neides.

Dadurch, dass man heute nur so wenig Kinder bekommt, sinken die Chancen, dass sich eines darunter befindet, das es drauf hat. Und dann wird alle Erziehung der Welt auf ein minderbegabtes Wesen verwandt, um etwas aus ihm zu machen, das in ihm nun mal nicht steckt. Natürlich lässt sich jedes Niveau etwas heben, aber um welchen Preis!

Es wäre wahrscheinlich besser, ein paar Kinder mehr zu haben und somit die Chancen zu erhöhen, dass ein begabtes zur Welt kommt. Um dieses muss man sich dann so wenig kümmern wie um seine minderbegabten Geschwister, außer dass man ihnen Spielraum gibt.

Das war das Schöne an meiner Kindheit: dass sich kein Erwachsener um uns gekümmert hatte. Es gab einfach zu viele Kinder. Auf uns einzelnen lastete nicht derselbe Wert. Man musste lernen, miteinander zurechtzukommen ohne die Vermittlung irgendwelcher Schutzpatrone.

Der hohe Wert, den heute das einzelne Kind zumindest in der Fantasie seiner Eltern hat, kann das Leben der minderbemittelten - also der Mehrheit - ruinieren, indem Dinge von ihnen verlangt werden, die früher außer Frage gestanden hätten. Jedes Kind bekommt dadurch eingebleut, etwas besonderes zu sein. Ohne es in den meisten Fällen einlösen zu können. Auf den naheliegenden Gedanken, vielleicht nichts besonderes zu sein, kommt es nicht mehr. Vielmehr glaubt es später, irgendwie "betrogen" zu werden - um den ihm wie jedem Menschen zukommenden Status und Gewinn.

Hier liegt die Quelle des endemischen Neides: in der gut gemeinten "emanzipatorischen" Erziehung zum Wunderkind im Falle jedes heute Geborenen.

Ich habe gestern eine Untersuchung gelesen: dass es künftig kaum noch bezahltes Beschäftigung geben wird. Ganz wenige teilen sie dann unter sich und erarbeiten den Wohlstand einer sonst rentenverzehrenden Gesellschaft. Diese besteht aus ihren minderbegabten Geschwistern, die alle zur Welt kommen mussten, damit auch jene herausgewürfelt werden konnten, die taugen, um die Mehrheit zu füttern. Und ist es etwa nicht so in fast jeder größeren Familie?

In Platos Staat gibt es dazu jene berühmte Stelle "Die Lüge des Sokrates":

"Ihr seid alle Brüder", soll den Menschen erzählt werden, "den geborenen Herrschern unter euch aber ist wertvolles Gold beigemischt, den Kadern Silber, den übrigen Eisen und Erz. Meist werdet ihr euch ähnliche Kinder erzeugen, manchmal aber auch aus Gold einen silbernen Nachkommen, aus Silber einen eisernen und so fort. Immer sollen deswegen die Herrscher auf ihre Nachkommen achten: falls einer eisenhaltig ward, gehört er unters Volk. Wird aus dessen Mitte aber ein gold- oder silberhaltiger geboren, gehört er unter die Kader oder Herrscher." Denn es sei wissenschaftlich erwiesen, dass ein Gemeinwesen untergehe, wenn sich Eisen und Erz seiner bemächtigen. - Wird irgendjemand diese Lüge glauben?

Politisch korrekt

POLITISCH KORREKT impliziert nach meinem Verständnis so etwas wie "Schutz des Schwächeren": vor Verächtlichmachung.

Wer ist "schwächer"?

"Ausländer, Schwule, Muslime und Flüchtlinge", schreibt z. B. M. Kiyak diese Woche in der Zeit, für welche es mutig gelte einzutreten.

Mancher möchte "Frauen" hinzuschreiben - oder "Kinder" - "Transgender" tauchen häufig in der Liste auf.

Genauer wäre womöglich die negative Bestimmung: "alle außer weißen Männern" (verdienen Schutz vor der Verächtlichmachung).

Auch weiße Männer scheitern, bilden aber, besonders wenn sie über 185 cm groß sind, die einzige Bevölkerungsgruppe, die dafür auch verantwortlich gemacht werden kann, also keine Mitleid verdient.

Der weiße Mann wäre, so gesehen, auch der einzig legitime Gegenstand für eine Komödie, denn diese kritisiert das Zurückbleiben ihrer "Helden" im Hinblick auf etwas, für dessen Eintreten alleine sie zur Rechenschaft gezogen werden müssen.

Figuren, die für ihr Missgeschick nicht verantwortlich gemacht werden können - denen man nur zurückgehaltenes, ihnen womöglich gestohlenes Geld zu geben bräuchte, damit sie "wie weiße Männer" würden -, dürfen auch nicht Charaktere von Komödien sein. Das wäre politisch unkorrekt.

Diejenigen aber, welche die politische Korrektheit ausrufen und erwirken wollen, können nun nicht selber auch noch schwach, sondern müssen machtvoll sein, um dem Anliegen, welches sie vertreten, nichts abzutragen.

Dadurch aber rücken sie in den Rang jener, über die es legitim wird, zu spotten: die "Allmächtigen". Nicht wenige Aktivisten sind durch ihr Tun wohlhabend geworden die Julius Cäsar, der ebenfalls als Volkstribun begann.

Die gezielte Verletzung der politischen Korrektheit neuerdings richtet sich nach meiner Beobachtung mehr gegen diese Vertreter der Schwachen als gegen diese selbst.

Leit-Werte

* Individualismus
* Emanzipation (Gleichheitsstreben)
* Selbstbewußtsein (Durchsetzungsvermögen)
* Weltlichkeit (Atheismus)
* Spezialisierung (Expertentum)
* Kernigkeit (Ungehobeltheit in Talk Shows . . .)
* Wissenschaftlichkeit (Agnostik = Zurückführbarkeit von Theorien auf Beobachtungssätze, von Begriffen auf Dinge und von gesetzmäßigen Zusammenhängen auf kausal-deterministische Ereignisse)
* Primitivismus (gesellschaftliche Rückorientierung zu vor-industriellen und oft sogar vor-landwirtschaftlichen Produktions- und Lebensverhältnissen = Tierrechte|Krötentunnel, Rückkehr der Wölfe, Veganismus, Rohkost, Naturheilmittel, Windkraft, Yoga usf.)

Dagegen stehen die NICHT-WERTE

* Hierarchie
* Besitz
* Familie
* Pflicht (Gehorsam)
* Religion
* Vergeltung


Deutsche Filmung jenseits des Krimis

Untersuche ich einmal unserer letzten Filmpreis-Gewinner: deren fiktiven Hauptpersonen sind fast immer Romantiker. 

Bei den Männern spielt infolgedessen die Mutter eine größere Rolle als der Vater (Jakob Simon ANDERE HEIMAT, Alexander Kerner GOOD-BYE LENIN! . . .) 

Hanna Flanders (DIE UNBERÜHRBARE) hält unverdrossen an ihrer verklärenden Sicht der Dinge fest und begeht Selbstmord, als die Realität sie (in Form eines Raucherbeines) einholt. Der Selbstmord wird weniger als zerstörerischer, denn als rebellisch-emanzipatorischer Akt gefeiert. 

Nicht unähnlich wird Alexander Kerners Mutter in GOOD-BYE LENIN! mit allen Mitteln zurückgehalten in einem Wolkenkuckucksheim, um dort selig zu sterben. 

Jakob Simon (ANDERE HEIMAT) wird gerade dadurch zum großen Gelehrten und "Kenner" der Indianersprachen, dass er sein Heimatdorf nie verlässt. Selbst die "Indianersprache", die in dem Film Jakobs Forschungsgegenstand veranschaulicht, wurde vom Drehbuchautor erfunden. (So wie Werner Herzog, der in ANDERE HEIMAT ein Cameo als Alexander von Humboldt hat, bekannterweise Teile seiner Dokumentarfilme künstlich ausstattet | inszeniert). 

Der Lehrer im WEISSEN BAND bricht auf dem Höhepunkt seine Untersuchungen zu den Ursachen der geheimnisvollen Geschehnisse ab. 

Die gefühlsbetonten Helden von ROSSINI sind nicht weniger unpraktisch als "Schneewittchen" VICTORIA und ihre sieben Zwerge. 

Hauptmann Wieseler bricht im LEBEN DER ANDEREN innerlich zusammen, als er ein romantisches Musikstück hört. 

In ROSSINI gibt es jene denkwürdige Szene, in welcher Oskar Reiter zwecks Blutbrüderschaft seinen Unterarm überschwänglich mit dem Messer anschneidet und sich dadurch schwer verletzt . . . 

Als realistischerer Filmpreis-Gewinner fällt mir auf Anhieb nur HALT AUF FREIER STRECKE ein. Dresen ist der einzige Ostdeutsche unter den zitierten Preisträgern. 

Was kann man daraus ableiten? 

Dass unser "art house main stream" westdeutsch dominiert und eskapistischer Natur ist? Wir deswegen kein BORGEN hinbekommen, weil wir ein Seelendrama daraus machen müssten?

Ich lese gerade Littells DIE WOHLGESINNTEN, einen Roman, der in Deutschland katastrophale Kritiken bekam, wobei das Feuilleton die "unstimmige Psychologie" der Hauptfigur als Hauptablehnungsgrund apostrophierte. In einer interessanten Erwiderung wies Theweleit darauf hin, dass Innigkeit | innere Unbeugsamkeit auch eine fixe Idee der Deutschen sein könnte.

Frauen pflanzen sich eher fort

MELISSA A. WILSON SAYERS ist Professorin an der Arizona State University für Biologie; sie ist auch Mathematikerin, die sich für das Schicksal des Y-Chromosoms interessiert. In dem Interview hier beschreibt sie ihre Forschungen und das überraschende Ergebnis, dass wir - statistisch gesehen - "mehr Großmütter als Großväter" haben. Das ist intuitiv nicht gleich zu verstehen, ich illustriere es daher an einem Beispiel, welches sich einer Vereinfachung bedient: wenn in den letzten 5 Millionen Jahren 100 Kinder geboren worden wären, hätten diese 50 Väter und 100 Mütter. Oder: von 100 Männern und 100 Frauen haben im Laufe der Menschheitsgeschichte alle Frauen, aber nur die Hälfte Männer Kinder gehabt. Oder: die Väter hatten zwei Frauen - die Nicht-Väter keine. Dies sind "Gender"-Verhältnisse, welche Melissa aus dem Genom der Menschheit gerechnet hat. Männer (Träger des Y-Chromosoms) zerfallen infolgedessen in "Gewinner" und "Verlierer" in puncto Fortpflanzung. Das hat psychologische aber auch moralische Folgen. Etwa wirft es die Frage auf, ob Frauen, wenn sie Gleichstellung anstreben, diese im Hinblick auf männliche "Gewinner" oder "Verlierer" fordern. Natürlich werden sie die Gewinner meinen. Die Gleichstellung mit diesen soll der Gesetzgeber zuwege bringen. Wie aber, wenn die männlichen "Verlierer" Anrechte auf dasselbe Sponsoring seitens des Staates erhöben, um mit den "Gewinnern" gleichgestellt zu werden? - Die psychologischen Folgen wären, wenn sich Melissas Befunde erhärten, auch nicht ohne. Die Männer hätten dann entwicklungsgeschichtlich ein 50%-Aussicht, leer auszugehen, was die Chancen der angriffslustigeren erhöhen dürfte und insgesamt einen höheren Fortpflanzungstrieb motiviert, während die Frauen keinen "Gewinner" für sich reklamieren könnten, sondern tendenziell immer mit einer anderen teilen müssten. Was in beiden Lagern den Stress-Level erhöhen dürfte. - Auch scheint sich der Gedanke oder das Gebot der Gleichheit nicht aus der Entwicklungsgeschichte ableiten zu lassen, sondern ein eher ideologisches Konstrukt zu sein.

Abtreibungsgegner . . .

. . .werden in den USA als "single issue terrorists" bezeichnet, wenn sie Gewalt anwenden. In Deutschland habe ich die entschiedensten Abtreibungsgegner unter den Behinderten kennengelernt, um deren Betreuung sich meine Tante kümmerte. Sie befürchteten, wahrscheinlich nicht zu unrecht, dass es ihnen als Embryos mehrheitlich an den Kragen gegangen wäre, wenn ihre Mütter damals gewusst hätten ... Meine Tante wurde, wenn sie entsprechend aufgelegt war, auch nicht müde zu erzählen, dass ich selber nur knapp einer Abtreibung entgangen wäre. Kann aber nicht sagen, dass mich das sonderlich schockiert hätte. Die Frauen und Ärzte, die ihnen dienen, entscheiden, wer auf die Welt kommt oder nicht. In meiner Jugend wurde das durch die Parole ausgedrückt "Mein Bauch gehört mir", die harmloser klingt als "Über die künftige Zusammensetzung der Menschheit entscheide ich". Können die Frauen das denn überhaupt? Sind sie der Verantwortung gewachsen? Bei der Psychoanalytikerin Alice Balint las ich vor Jahren den Bericht über eine Gerichtsverhandlung auf dem ungarischen Land gegen eine Kindesmörderin. Balint beschrieb vor allem die Reaktion eines Bauernmädchens unter den Zuschauern, die den Prozess eine Farce fand, da die Angeklagte Selbstverstümmelung begangen hätte. Das Kind betrachtete die Analphabetin als persönliche Angelegenheit der Mutter. Selbstverständlich konnte diese darüber Verfügen wie über einen Körperteil. Balint spekulierte in ihrem Bericht, ob dies nicht die natürliche Reaktion oder Wahrheit sei. Inzwischen ist es bei uns wieder so, dass die Frau alleine entscheidet, ob sie ein Leben zur Welt bringt oder nicht. Nach welchen - bewussten oder unbewussten - Kriterien verfährt sie dabei? Wieso brachten z. B. während des Jugoslawienkrieges einige der vergewaltigten Frauen die so entstandenen Kinder zur Welt, während andere sie abtrieben? Hing es ab von dem Vater, selbst wenn sie ihn nur einmal sahen, oder spielten zufällige Faktoren eine Rolle? Es bleibt jedenfalls festzustellen, dass die Zusammensetzung der gegenwärtigen westlichen Gesellschaft mehr von dem Willen der Mütter bestimmt ist als die Generationen davor. Außer ev. in bestimmten Randbereichen oder Nischen der Gesellschaft - die deswegen auch mehr "problematisches Menschengut" hervorbrigen? Im gegenwärtigen Spiegel werden die Karrieren einiger IS-Terroristen beschrieben, die versagenden Väter, von den Müttern erfährt man nichts. Der Verdacht liegt nahe, dass sie lieber abgetrieben hätten.

Dekoltees

Eine Untersuchung der Frauenmode in VOGUE zwischen 1919-1999 ergab, dass in Zeiten wirtschaftlicher Not die Dekoltees zunahmen... (Hill, R.A., Donovan, S. & Koyama, N.F. (2005) Female Sexual Advertisement Reflects Resource Availability in Humans. Human Nature 16: 266-277.)