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Künstliche Intelligenz

War gestern mit normalen Smartphone-Nutzern unterwegs. Hab' vorsichtshalber auch mein eigenes dabei gehabt, das ich sonst ja kaum bruache.
Nach meiner Beobachtung wird das Gerät inzwischen immer mehr zum Teil des Körpers, ohne dessen Gegenwart dieser vor allem bei jungen Frauen nicht mehr vollständig zu funktionieren scheint. (Sie würden wahrscheinlich "sehr weit" gehen, um wieder in den Besitz ihres vorenthaltenen Smartphones zu kommen.)
Ein Teil der Gestik des Smartphones pflegt sich gerade in die menschlichen Bewegungen, indem sie berechenbarer werden. Gehört das zur "Delle", die S. Jobs ins Universum machen wollte: das menschliche Mienenspiel aufzulösen in ein Archiv von Emotikons?
Dass man sich von der Öffentlichkeit durch Ohrhörer abkapselt, ging ja bereits los mit dem Walkman. In Gegenwart von Smartphones scheint es inzwischen wohlgelitten, so etwas mitten im Gespräch zu tun. Spontane Worte sind einfach nicht künstlich intelligent genug.

Vom Neid

VOM NEID

Zwei menschliche Laster, die mich wenig plagen: Neid und Depression. Ich eigne mich nicht für letztere. Das ist kein Verdienst, sondern Zufall, ein Würfelung der Natur, die in meinem Fall eine Seele ohne viel Traurigkeit zustandegebracht hat.

Meine depressiven Freunde haben es oft weiter im Leben gebracht. Die Depressiven haben in der Regel einen besseren Blick für die Wirklichkeit, ihre Erfordernisse. Vielleicht sind sie deswegen depressiv. Ihnen gegenüber stehen die Hysteriker, unter denen ich mich leichter wiederfinde, mit ihren übertriebenen Geschichten.

Auch der Neid ist mir fremd. Wenn jemand einen Erfolg hat, freut es mich eher. In der Regel stellt er dabei etwas Schönes her auch zu meinem Ergötzen.

Ich glaube nicht, dass die Menschen ihren Erfolg verdienen, sondern in die Wiege gelegt bekamen. Wenn ich die Kinder beobachte - neulich z. B. im Kinderladen meines Neffen in Berlin - sehe sie vor mir mit 60 Jahren. Die Typen sind alle zu erkennen. Einige kommen groß heraus, die meisten leben das übliche Mittel-Leben. Und könnten zufrieden werden, wenn ihnen nicht die Anforderung in den Weg kommt, dass alle Menschen gleich sein müssen, die Hauptquelle des Neides.

Dadurch, dass man heute nur so wenig Kinder bekommt, sinken die Chancen, dass sich eines darunter befindet, das es drauf hat. Und dann wird alle Erziehung der Welt auf ein minderbegabtes Wesen verwandt, um etwas aus ihm zu machen, das in ihm nun mal nicht steckt. Natürlich lässt sich jedes Niveau etwas heben, aber um welchen Preis!

Es wäre wahrscheinlich besser, ein paar Kinder mehr zu haben und somit die Chancen zu erhöhen, dass ein begabtes zur Welt kommt. Um dieses muss man sich dann so wenig kümmern wie um seine minderbegabten Geschwister, außer dass man ihnen Spielraum gibt.

Das war das Schöne an meiner Kindheit: dass sich kein Erwachsener um uns gekümmert hatte. Es gab einfach zu viele Kinder. Auf uns einzelnen lastete nicht derselbe Wert. Man musste lernen, miteinander zurechtzukommen ohne die Vermittlung irgendwelcher Schutzpatrone.

Der hohe Wert, den heute das einzelne Kind zumindest in der Fantasie seiner Eltern hat, kann das Leben der minderbemittelten - also der Mehrheit - ruinieren, indem Dinge von ihnen verlangt werden, die früher außer Frage gestanden hätten. Jedes Kind bekommt dadurch eingebleut, etwas besonderes zu sein. Ohne es in den meisten Fällen einlösen zu können. Auf den naheliegenden Gedanken, vielleicht nichts besonderes zu sein, kommt es nicht mehr. Vielmehr glaubt es später, irgendwie "betrogen" zu werden - um den ihm wie jedem Menschen zukommenden Status und Gewinn.

Hier liegt die Quelle des endemischen Neides: in der gut gemeinten "emanzipatorischen" Erziehung zum Wunderkind im Falle jedes heute Geborenen.

Ich habe gestern eine Untersuchung gelesen: dass es künftig kaum noch bezahltes Beschäftigung geben wird. Ganz wenige teilen sie dann unter sich und erarbeiten den Wohlstand einer sonst rentenverzehrenden Gesellschaft. Diese besteht aus ihren minderbegabten Geschwistern, die alle zur Welt kommen mussten, damit auch jene herausgewürfelt werden konnten, die taugen, um die Mehrheit zu füttern. Und ist es etwa nicht so in fast jeder größeren Familie?

In Platos Staat gibt es dazu jene berühmte Stelle "Die Lüge des Sokrates":

"Ihr seid alle Brüder", soll den Menschen erzählt werden, "den geborenen Herrschern unter euch aber ist wertvolles Gold beigemischt, den Kadern Silber, den übrigen Eisen und Erz. Meist werdet ihr euch ähnliche Kinder erzeugen, manchmal aber auch aus Gold einen silbernen Nachkommen, aus Silber einen eisernen und so fort. Immer sollen deswegen die Herrscher auf ihre Nachkommen achten: falls einer eisenhaltig ward, gehört er unters Volk. Wird aus dessen Mitte aber ein gold- oder silberhaltiger geboren, gehört er unter die Kader oder Herrscher." Denn es sei wissenschaftlich erwiesen, dass ein Gemeinwesen untergehe, wenn sich Eisen und Erz seiner bemächtigen. - Wird irgendjemand diese Lüge glauben?

Feminismus . . .

. . . ist wie die Emanzipation schlechthin, Wahlrecht, Würde der Person usf. Weiterung des Einschnitts der Industrialisierung: der Verfügung-Stellung noch nie dagewesener Energiemengen zur persönlichen Verwendung bzw. Eskalation. Die historisch-gesellschaftliche Entwicklung, auf die wir von solcher Warte zurückblicken, ist völlig anderen und immer schlechter vorstellbaren Gesetzen (des Mangels) geschuldet - fasste in sich einen anderen Tugendkatalog, um das Überleben zu sichern bis zu dem großen Einschnitt. Wir verkennen die Leistung unserer Vorfahren, wenn wir ihnen schaudernd Zurückgebliebenheit attestieren im Hinblick auf Werte, die erst unser heutiger Energieüberschuß überhaupt ermöglicht, die untergehen dürften, sollten sich die materiellen Verhältnisse wieder zurückschrauben, was mancher Unglücksprophet momentan ja auch nicht müde wird an die Wand zu malen. Ich selber glaube nicht, dass es einen solchen Rückfall geben wird. Es sind Einbrüche denkbar, Katastrophen, welche 90% der Menschheit auslöschen können. Aber die Technologie wird nicht in Vergessenheit geraten und uns immer weiter emanzipieren bis zu jenem Schicksal, welches uns einstweilen noch die Hauptsätze der Thermodynamik voraussagen. Was uns jederzeit noch zurückwerfen kann, sind die Strukturen des Patriarchats, welche einmal nützlich waren, um die Epoche heraufzuführen, die uns nun freier macht, aber ihre Möglichkeiten hemmt. Mich haben die akuten Weisen des Patriarchats immer abgestoßen, merkwürdigerweise aber auch des Feminismus, der mir wie eine Parodie des Patriarchates vorkommt, so unangemessen den Möglichkeiten und Pflichten des "neuen Freiseins". Es reicht wohl nicht, so bei rein negative Aussagen stehen zu bleiben. Was wäre die angemessene Ordnung für die Freiheiten, welche uns das Industriezeitalter beschert? Ich hätte schon Vorstellungen, die ich umständlicher auseinandersetzen könnte, sollte ich sie aber auf einen Nenner bringen, würde ich der "Entpersönlichung" das Wort reden: der Privilegierung der Inhalte vor der Biographie. So wie wenn man in eine Buchhandlung kommt, und alle Romane haben keinen Autor auf dem Deckel stehen. Wir wissen nur, irgendeiner von uns hat sie geschrieben, und die Person, welche das Werk verfasst hat, streicht auch die Tantiemen ein. Aber nur, wer aufhört zu schreiben, darf seine Identität enthüllen. Offengelegt wird sie immer beim Tod. Dies ist ein Bild, mit dem ich - hier am Beispiel von Büchern - einen möglichen Leitfaden beschreibe. Ein anderes Bild wäre der Brauch von Symphonie-Orchestern, beim Vorspielen die Kandidaten hinter einem Vorhang zu verbergen. Nur so erhielte der Kern jeder Person die ihm gebührende und uns allen auch zuträglichste Chance: durch Verhüllung ihres Gesichtes.

Nespresso-Kapseln . . .


. . . sollen neuerdings - durch ihr Verschwinden - die Welt verbessern. Das ist Augenwischerei. In welcher Hinsicht? Unsere gesamte moderne Zivilisation incl. all ihre Werte, der erreichten wie "immer noch nicht" erreichten, beruht auf der flüchtigen Voraussetzung, dass uns täglich mehr Energie zur Verfügung steht als die Sonne liefert. Sobald es damit - nach Erschöpfung der Kohle-, Öl und Uranvorräte - vorbei ist, brauchen wir eine neue Gesellschafts- und Werteordnung, um zu überleben. Zwänge, von denen wir wähnen, uns befreit zu haben, kehren zurück, vielleicht in anderem Gewand, aber es bleiben Zwänge. Ein schönes Sinnbild für die Emanzipation scheint mir das Autofahren bzw. der Führerschein: verschafft einem "Freiheit", außerordentliche Beweglichkeit, den Horizont erweiternd und die Möglichkeiten des Erlebens. Und doch ist es nur eine Funktion überschüssiger Energie, abnehmend mit der unausgesetzten Leerung der Speicher derselben. Unsere heutige Freiheit, Individualität entspringt nur zu geringem Grad unserem Wollen oder Können, sondern einem vorübergehenden Rausch aus flüchtigen Quellen. Die Nespresso-Kapsel ist ein Ausdruck davon und wird das drohende Ende, indem man auf sie verzichtet, um 2 Sekunden verschieben, nicht erübrigen, wie ihre Opferung suggerieren möchte. Heldenhaft wäre eher die Entwicklung genauerer Vorstellungen über Notwendigkeiten und Gestalt einer kommenden Zeit nach dem Ausklang des Energie-Intermezzos, die "Neugründung" der Menschheit gewissermaßen. Wie fantasielos da bis jetzt die Zukunftsromane sind! The Walking Dead entwickelt seine gesamte "neue Zivilisation" auf der Basis von verrottenden Hilfsquellen der alten (Konservennahrung, Verbrennungsmotoren, Patronen). Interessant würde es erst, wenn man wirklich sich wieder aus der Umwelt ernähren müsste: was das für Folgen auf die Gesellschaft und ihre Werte, das Individuum und seine Befreiung hätte. Es wäre vorstellbar, dass gerade die emanzipiertesten Menschen sich dann als die größte Gefahr für die Gesellschaft herausstellten und wie heute Terroristen unschädlich gemacht werden müssten.