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PLATO RELOADED (DIE HERRSCHAFT DER 10%)



Ich lese gerade nochmal durch Gombrichs Kleine Weltgeschichte, die er in den 30er Jahren im Alter von 26 Jahren innerhalb von 6 Wochen für Kinder schrieb. Ein fabelhaftes Buch, das, weil es sich an die Hauptlinien hält, bestimmte Dinge hervortreten lässt, die mir bisher entgingen.

Vor allem, wie hervorragende Herrscher (Karl der Große, Friedrich II., Marc Aurel usf.) sehr oft Nachkommen hatten, die ihr Lebenswerk - mangels Talent - zerstörten. In Frankreich hatte das u. a. zum 100jährigen Krieg geführt.

Das Modell des erblichen Königtums hat sich nicht bewährt. Überholt wurde es schließlich durch die christliche Vorstellung der Gleichheit aller Menschen mit ihrem anti-hierarchischen Impuls.

Aber auch dieses Modell ist nicht fehlerfrei, da einige Menschen sich nun mal besser dazu eignen, Kontrolle auszuüben, als andere. Es gibt mit anderen Worten eine Hierarchie der Fähigkeiten, die sich nicht vererben.

Wo kommen sie her, die besonderen Fähigkeiten, wenn sie sich nicht den Eltern verdanken? Aber sie verdanken sich ja dem Tun der Eltern, nur spiegeln sie nicht deren Fähigkeiten, sondern sind eine Art Spielgewinn, mit dem der Einsatz der Eltern - manchmal - belohnt wird.

So: 10 Eltern-Paare zeugen 10 Kinder, eines davon hat außergewöhnliche Fähigkeiten, eignet sich daher für besondere Aufgaben, die alle anderen überfordern würden. Kant, Fichte, Keppler, Hegel, Gauß - alles Kinder der Unterschicht. Newtons Vater war Bauer, da Vincis Mutter eine Magd usf.

Jetzt zur Zukunft, deren Dynamiken gerade Gestalt annehmen und uns beunruhigen. Es ist abzusehen, dass es Arbeit, dann hochqualifizierte Arbeit, sehr bald nur noch für 10% der Bevölkerung geben wird. Den Rest erledigen Maschinen.

Und was machen die restlichen 90% der Bevölkerung?

Sie erzeugen die 10%. Das ist ihre einzige wichtige Aufgabe. Ansonsten werden sie ihre Leben lang in einer Art Freizeit-Trance, durchmischt von Diät-Routinen gehalten. Nicht unähnlichen den Harems-Damen eines orientalischen Herrschers.

Es ist nicht mehr nötig, diese Massen besonders auszubilden. Es reicht, wenn sie sprechen, etwas lesen, rechnen und die Geräte bedienen können, welche ihr Leben bewältigen.

Jedes geborene Kind gehört zunächst dem Staat. Mit 4 Jahren wird es einem Test unterzogen, der erweist, ob es zu "den 10%" gehört. In diesem Fall erwartet es eine hochqualifizierte Ausbildung.

Und was wird mit den Kinder der "10%"?

Sie gehören ebenfalls dem Staat, genießen keinerlei Vorrechte o. ä. Der Test entscheidet, ob sie in die Fußstapfen ihrer Eltern treten - oder zurück in den "Gen-Pool" kehren, um ev. nach mehreren Generationen durch irgendeinen Nachkommen für die "10%" zu qualifizieren.

Aber wird das nicht eine grausame Diktatur arroganter Eliten? Keineswegs, denn die besonderen Bildungsmöglichkeiten stehen jedem offen, der sie nutzen, sich zu den "10%" qualifizeren möchte. So wie ja auch heute jeder das Arte-Programm sehen kann im TV, nicht nur jene, die es dann wirklich tun.

Nur ist der Zugang in der Arbeitsbereich der "10%" an eine Art "Staatsexamen" gebunden. Wer dieses schafft, auch ohne mit 4 Jahren dafür empfohlen worden zu sein, qualifiziert.

WARUM DER GESELLSCHAFTLICHE ABSTIEG ENTSTIGMATISIERT GEHÖRT oder FRAUEN MIT KÖPFCHEN: HEIRATET MEHR DUMME MÄNNER!



Die erstaunlichsten Funde ergaben, wie ich gestern in Largos "Das passende Leben" (Frankfurt 2017 S. Fischer) nachlas, die Zürcher Longitudinalstudien über die kindliche Entwicklung.

Sie wurden 1954 von Andrea Prader und Guido Fanconi initiiert. In diesen Studien wurden seit 1954 bei mehr als siebenhundert Kindern die Entwicklung von der Geburt bis ins Erwachsenenalter untersucht. Mitte der 1970er Jahre übernahm Remo H. Largo die Leitung der Studien.

Die Zürcher Longitudinalstudien haben eine grosse internationale Ausstrahlung und gehören zu den umfassendsten Studien über die kindliche Entwicklung.

Hier die 2 Ergebnisse, welche mich am meisten verblüfften.

1) Kinder sind einem Elternteil mehr fremd als verwandt, ähneln ihm zu höchsten 25 - in der Regel nur um die 15-20%

2) Bei der Vererbung von Anlagen verfängt die "Regression zur Mitte" = große Eltern erzeugen Kinder, die kleiner, und kleine Eltern Kinder die größer sind als sie - dasselbe gilt für die Intelligenz.

Es werden mit anderen Worte zwei "dumme" Eltern immer Kinder mit einem IQ zeugen, der über dem ihren liegt - und umgekehrt.

Der zweite Fall führt zu schweren seelischen und gesellschaftlichen Verwerfungen.

Aus folgendem Grund:

Ein Mann und seine Frau steigen gesellschaftlich umso leichter auf, je intelligenter sie sind. Sie haben aber - kraft der Regression zur Mitte - auf jeden Fall weniger intelligente Kinder. Für solche wird die Schule zum Martyrium, und sie werden, falls sie diese schaffen dank endloser Nachhilfestunden und Sonderinternaten, doch niemals das Selbstbewußtsein ihrer Eltern entwickeln.

Soviel zum seelischen Schaden.

Der gesellschaftliche geschieht durch das Einpflegen solch innerlich gebrochener Existenzen in irgendwelche Führungspostionen durch die Machtmittel ihrer Eltern.

Von da aus richten sie dann schweren wirtschaftlichen Schaden an und blockieren Fühungspositionen für die per Voreinstellung intelligentern Kinder weniger mächtiger Eltern.

Der gesellschaftliche Schaden - immerns!

Schon Plato empfahl dagegen im Staat die "Lüge des Sokrates" - so:

"Ihr seid alle Brüder", soll den Menschen erzählt werden, "den geborenen Herrschern unter euch aber ist wertvolles Gold beigemischt, den Kadern Silber, den übrigen Eisen und Erz. Meist werdet ihr euch ähnliche Kinder erzeugen, manchmal aber auch aus Gold einen silbernen Nachkommen, aus Silber einen eisernen und so fort. Immer sollen deswegen die Herrscher auf ihre Nachkommen achten: falls einer eisenhaltig ward, gehört er unters Volk. Wird aus dessen Mitte aber ein gold- oder silberhaltiger geboren, gehört er unter die Kader oder Herrscher." Denn es sei wissenschaftlich erwiesen, dass ein Gemeinwesen untergehe, wenn sich Eisen und Erz seiner bemächtigen. - Wird irgendjemand diese Lüge glauben?

Wie die Zürcher Longitudinalstudien beweisen, irrt Plato mit "Meist werdet ihr euch ähnliche Kinder erzeugen" - heißen müsste es vielmehr "Meist werdet ihr euch unähnliche Kinder erzeugen . . ." Der Rest - verfängt!

Was es noch sehr schwer macht, der hiermit beschriebenen Herausforderug beizukommen, ist die Stigmatisierung des gesellschaftlichen Abstiegs. Es darf eben für eine Akademikerfamilie keinen Gesichtsverlust mehr bedeuten, wenn die Tochter Friseuse oder der Sohn Bademeister wird. Ausschlaggebend für beider und infolge unser aller Glück ist, in welchem Beruf sie sich am sichersten fühlen. (In Betroluccis Der Letzte Kaiser wird die Hauptfigur schließlich zufrieden als Gärtner.)

P. S. Fatal ist infolgedessen die Tendenz der auftrebenden Frauen, nur Partner attraktiv zu finden, welche intelligenter sind als sie selber - weil solchen Verbindungen, wenn sie denn zustande kommen, mit großer Sicherheit Kinder entspringen werden, welche beide Eltern enttäuschen. Besser wäre, den dümmeren Lebenspartner, den manche kluge Frau sich "aus Not" dann doch gewählt hat, als die Chance zu erkennen, klügere Kinder zur Welt zu setzen. Denn indem der "Notendurchschnitt" der Eltern sinkt, erhöht sich jener der Kinder.

Islam als identitärer Ethos

Wenn ich Länder besuche, in denen die Bevölkerung mehrheitlich muslimisch ist, fühle ich mich schon in einem anderen Kulturkreis. Ich bin immer gerne gereist, auch gerne in die islamisch geprägten Länder. Es geht dort für mich emotionaler zu als in meiner Heimat, menschlich näher. Ich empfinde den Islam zutiefst anderes als das Christentum. Der Unterschied kommt für mich am sichtbarsten heraus in den Sakralbauten: Moschee und Kathedrale. Eine Moschee imitiert die Himmelswölbung, eine Kathedrale will den Himmel erst noch erreichen, in dessen Richtung sie ausgreift. Das sind zwei Geisteshaltung, die nicht so leicht gemeinsamen Grund finden. Ich glaube nicht an die innere Überlegenheit einer Kultur gegenüber einer anderen, kann aber auch nicht sehen, wie aus ihrer Vermischung etwas Neues entstünde, außer höherer Reizbarkeit (die Neuköllner sind nach meiner Beobachtung reizbarer als andere Berliner, egal welcher Gruppe sie angehören). Christlich oder islamisch geprägte Menschen halten es da am besten nebeneinander aus, wo Gruppenzugehörigkeit keine besondere Rolle spielt, in einem System, das Über-Wert bereithält, dem sich alle anschließen können. Unser gegenwärtiges System aber, das patriarchalisch-kapitalistische, zerfällt. An seiner Stelle macht sich immer mehr breit der Pluralismus, der vor allem in der "identitären Bewegung" lebt: Man bezieht seinen Wert aus der gesellschaftlichen Minderheit, der man angehört, sei diese nun religiöser, sexueller oder ethnischer Natur. Die Einengung der Loyalität auf kleinere Gruppen bedroht momentan sogar den Zusammenhalt der EU. Selbst die globalen Superreichen, wenn man sie fragt, fühlen sich als Minderheit. Sind sie etwa keine? Solange wir keinen neuen Mythos finden, der die "Identitäten" einbindet, dürften diese in immer kleinere Einheiten zu zerfallen. Bis sie beim einzelnen angekommen sind. Was hat das ganze mit dem Islam zu tun? In seiner heutigen Form ist er Teil, finde ich, des identitären Ethos, also ein Zerfallsprodukt der patriarchalen Ordnung. Etwa nicht?

Fraglich . . .

. . . ist heute etwas nur noch im Hinblick auf Politik oder Wirtschaft oder als soziales Problem. Wir stellen uns mit anderen Worten die Lösung sämtlicher Herausforderungen vor durch einen gerechten Umgang mit der menschlichen Bedürftigkeit. Keine Rolle mehr spielen im allgemeinen Kunst, Mythos oder Metaphysik. Wie verwahrlost sie inzwischen sind, ist zu besichtigen in unseren Spielstätten, auf Buchläden-Stapeln und im ungezügelten Wiederauftauchen der Tätowiertheit. Zumindest unserer Kunsthochschulen könnten, wo man sie sich noch leistet in solch misslicher Lage, außerhalb des Hauptstroms laufen dürfen, anstatt zusehends in diesen getaktet zu werden (Regelstudienzeit, Marktgerechtigkeit usf.)

Trumps predicament

“We have a new type of rule now. Not one-man rule, or rule of aristocracy or plutocracy, but of small groups elevated to positions of absolute power by random pressures, and subject to political and economic factors that leave little room for decision. They are representatives of abstract forces who have reached power through surrender of self. The iron-willed dictator is a thing of the past. There will be no more Stalins, no more Hitlers. The rulers of this most insecure of all worlds are rulers by accident, inept, frightened pilots at the controls of a vast machine they cannot understand, calling in experts to tell them which buttons to push.” ― William S. Burroughs, Interzone

Umsonst

Immer wieder spülen Proteste gegen Nestlé in meine Chronik, meist: Die versuchen, Wasser zu privatisieren - welches, schwingt darin mit, allen Menschen gehört, daher umsonst sein muss.
Aber gibt es Wasser einfach so? Seine Unentgeltlichkeit entspricht dem "Umsonst", welches einem im Falle öffentlicher Güter oder Leistungen vorschwebt: der Besuch eines Stadtparks, die Nutzung des Bürgersteigs, der Schulbesuch - geschenkt.
Umsonst hieße, so gesehen: bezahlt durch Steuern.
Doch wer "bezahlt" diese?
Alles, was kostenpflichtig ist.
Ist das Unentgeltliche folglich ein Abkömmling dessen, was seinen Preis hat?
Eher, als wir ahnen, soll es möglich sein, beinahe jeden Gegenstand dieser Welt in eine Datei aufzulösen und - z. B. dann via 3D-Drucker - beliebig zu reproduzieren. Diese Dateien dürfte es analog der meisten Programmpakte heute dann umsonst geben.
Auch alle Tätigkeiten, die nicht nur einmal ausgeübt werden, sind übersetzbar in Algorithmen. Somit potentiell umsonst.
Was wir heute in der Schule lernen, sind hauptsächlich Fähigkeiten, die es bald umsonst geben wird.
Selbst das Programmieren neuer Programmpakete wird demnächst effektiver durch genetische Algorithmen geleistet als durch Menschen.
Es wird alles umsonst.
Alles?
Irgendetwas muss, wie wir sahen, die Kostenfreiheit bezahlen. Aber was ist es noch, das dann seinen Preis haben wird?
Ausschließlich Taten, Leistungen, die sich nicht wiederholen lassen, auf kein Schema zu bringen sind. Die nichts "Genrehaftes" haben.
Infolgedessen dürfte eine neue Wirtschaftsordnung aufziehen mit einer kleinen Elite von Kreativen und deren Substrat, einer Menge von Gen-Trägern, die mit einem Grundeinkommen, Sport und Spielen am Leben gehalten werden. Es wird überflüssig, sie in die Schule zu schicken, da sie dort nichts lernen können, was Maschinen nicht besser könnten.
Der Zweck der "Massen" liegt in der Hervorbringung jener paar Menschen, die zu "unwiederholbaren Leistungen" imstande sind und als kleine Elite dem Maschinenpark neue Impulse geben.
LÜGE DES SOKRATES "Ihr seid alle Brüder", soll den Menschen erzählt werden, "den geborenen Herrschern unter euch aber ist wertvolles Gold beigemischt, den Kadern Silber, den übrigen Eisen und Erz. Meist werdet ihr euch ähnliche Kinder erzeugen, manchmal aber auch aus Gold einen silbernen Nachkommen, aus Silber einen eisernen und so fort. Immer sollen deswegen die Herrscher auf ihre Nachkommen achten: falls einer eisenhaltig ward, gehört er unters Volk. Wird aus dessen Mitte aber ein gold- oder silberhaltiger geboren, gehört er unter die Kader oder Herrscher." Denn es sei wissenschaftlich erwiesen, dass ein Gemeinwesen untergehe, wenn sich Eisen und Erz seiner bemächtigen. - Wird irgendjemand diese Lüge glauben? - Platon Der Staat

Politisch korrekt

POLITISCH KORREKT impliziert nach meinem Verständnis so etwas wie "Schutz des Schwächeren": vor Verächtlichmachung.

Wer ist "schwächer"?

"Ausländer, Schwule, Muslime und Flüchtlinge", schreibt z. B. M. Kiyak diese Woche in der Zeit, für welche es mutig gelte einzutreten.

Mancher möchte "Frauen" hinzuschreiben - oder "Kinder" - "Transgender" tauchen häufig in der Liste auf.

Genauer wäre womöglich die negative Bestimmung: "alle außer weißen Männern" (verdienen Schutz vor der Verächtlichmachung).

Auch weiße Männer scheitern, bilden aber, besonders wenn sie über 185 cm groß sind, die einzige Bevölkerungsgruppe, die dafür auch verantwortlich gemacht werden kann, also keine Mitleid verdient.

Der weiße Mann wäre, so gesehen, auch der einzig legitime Gegenstand für eine Komödie, denn diese kritisiert das Zurückbleiben ihrer "Helden" im Hinblick auf etwas, für dessen Eintreten alleine sie zur Rechenschaft gezogen werden müssen.

Figuren, die für ihr Missgeschick nicht verantwortlich gemacht werden können - denen man nur zurückgehaltenes, ihnen womöglich gestohlenes Geld zu geben bräuchte, damit sie "wie weiße Männer" würden -, dürfen auch nicht Charaktere von Komödien sein. Das wäre politisch unkorrekt.

Diejenigen aber, welche die politische Korrektheit ausrufen und erwirken wollen, können nun nicht selber auch noch schwach, sondern müssen machtvoll sein, um dem Anliegen, welches sie vertreten, nichts abzutragen.

Dadurch aber rücken sie in den Rang jener, über die es legitim wird, zu spotten: die "Allmächtigen". Nicht wenige Aktivisten sind durch ihr Tun wohlhabend geworden die Julius Cäsar, der ebenfalls als Volkstribun begann.

Die gezielte Verletzung der politischen Korrektheit neuerdings richtet sich nach meiner Beobachtung mehr gegen diese Vertreter der Schwachen als gegen diese selbst.

Leit-Werte

* Individualismus
* Emanzipation (Gleichheitsstreben)
* Selbstbewußtsein (Durchsetzungsvermögen)
* Weltlichkeit (Atheismus)
* Spezialisierung (Expertentum)
* Kernigkeit (Ungehobeltheit in Talk Shows . . .)
* Wissenschaftlichkeit (Agnostik = Zurückführbarkeit von Theorien auf Beobachtungssätze, von Begriffen auf Dinge und von gesetzmäßigen Zusammenhängen auf kausal-deterministische Ereignisse)
* Primitivismus (gesellschaftliche Rückorientierung zu vor-industriellen und oft sogar vor-landwirtschaftlichen Produktions- und Lebensverhältnissen = Tierrechte|Krötentunnel, Rückkehr der Wölfe, Veganismus, Rohkost, Naturheilmittel, Windkraft, Yoga usf.)

Dagegen stehen die NICHT-WERTE

* Hierarchie
* Besitz
* Familie
* Pflicht (Gehorsam)
* Religion
* Vergeltung


Lüge des Sokrates

"Ihr seid alle Brüder", soll den Menschen erzählt werden, "den geborenen Herrschern unter euch aber ist wertvolles Gold beigemischt, den Kadern Silber, den übrigen Eisen und Erz. Meist werdet ihr euch ähnliche Kinder erzeugen, manchmal aber auch aus Gold einen silbernen Nachkommen, aus Silber einen eisernen und so fort. Immer sollen deswegen die Herrscher auf ihre Nachkommen achten: falls einer eisenhaltig ward, gehört er unters Volk. Wird aus dessen Mitte aber ein gold- oder silberhaltiger geboren, gehört er unter die Kader oder Herrscher." Denn es sei wissenschaftlich erwiesen, dass ein Gemeinwesen untergehe, wenn sich Eisen und Erz seiner bemächtigen. - Wird irgendjemand diese Lüge glauben? - Platon Der Staat

Abrichtung der Flüchtlinge . . .


. . . auf deutsche Normen - man schrickt spontan zusammen bei solchen Worten, denkt an Gehirnwäsche u. ä. m. - " . . . prenant les hommes tels 'qu'ils sont, et les lois telles qu'elles peuvent être" beginnt Rousseau seinen Gesellschaftsvertrag & darin wurzeln die Schwierigkeiten: "wenn man die Menschen nimmt, wie sie sind, und die Gesetze, wie sie sein können . . ." - denn Rousseau leitet, was unser Zusammenleben regelt, aus dem einzelnen Menschen ('wie er ist') ab. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", nimmt unser Grundgesetz diesen Gedanken als wichtigsten mit seinem ersten Satz auf. Dabei wird unterstellt, wir würden mit dem, was uns zu Menschen macht, geboren - im Hinblick auf das Wesentliche also weder erzogen oder geformt. Vor allem Aristoteles sah das ganz anders: dass wir als Menschen nicht uns die Gesetze schneidern, sondern durch diese - bereits bestehenden - überhaupt erst zu Menschen (gemacht) werden. Der Unterschied könnte nicht größer sein. Rousseau (und wir mit ihm, denn wir sind Kinder der Aufklärung) sagt: der Mensch schafft die Gesetze entsprechend seiner Natur (diese hätte mit anderen Worten auch ohne sie Inhalt) - Aristoteles dagegen: die Gesetze geben dem Menschen erst Inhalt und Wesen. Wenn Rousseau Recht hat, sind die Menschen überall auf der Welt gleich; wenn Aristoteles Recht hat, unterscheiden sie sich entsprechend der Gesetze oder Gewohnheiten, nach welchen sie abgerichtet wurden (diese wiederum wären eine Funktion der Umgebung, deren Verläufe sie regeln, in der Wüste also anders als im Dschungel oder einer Großstadt - vergleichbar der unterschiedlichen Flora|Fauna). - Entsprechend wären die Flüchtlinge entweder als uns im wesentlichen gleich - oder von uns verschieden aufzufassen, dann derselben Abrichtung bedürftig, die uns zu den Wesen machte, welche unsere Gesellschaft bilden. (Ich neige zur Auffassung des Aristoteles, da sie besser erklärt, warum es so unterschiedliche Sprachen gibt.)

ANGST - einzig wirklicher Motor?


Gibt es eigentlich irgendeinen technischen Fortschritt, der nicht aus den Laboren des Militärs kommt?
Die Zivilgesellschaft an sich scheint zu keinen Innovationen imstande, hat - wenn schon - die Tendenz, sich zu zerlegen.
Wieso modernisiert andererseits das Militär?
Aus Angst. Dass der Feind einem zuvorkommt.
Ohne Angst rührt sich folglich gar nichts.

Deutschland

Wenn ich die gegenwärtige politische Ordnung der Welt betrachte, gehört Deutschland zu jenen Staaten mit den am "wenigsten dichten" Grenzen. Blickt man in die Vergangenheit, bildeten eigentlich immer Bevölkerungen mit eben diesem Merkmal die ihre Epoche beherrschenden, dynamischsten Kulturen, während die Verdeutlichung im Ziehen von Grenzen, der Bau von Mauern das Absterben der umgrenzten Einheit einleitete.
Welcher Staat hatte je seine Umzäunung überlebt?
Staaten hinter Mauern brauchen, um sich zu verstehen, etwas Feindseliges auf der anderen Seite. Z. B. Israel den Antisemitismus, ohne den es zerfallen würde. Verheerender wirkt sich das Feindbild aus, auf welches die USA je angewiesen sind, um nicht auseinander zu brechen.
Wenn natürliche Grenzen wie das Meer solches Befinden fördern, müssten Insel-Staaten eine besonders starke Neigung haben, als Antwort auf "das Fremde", welches sie umgibt, zusammenzuhalten.
Die andere Möglichkeit, Menschen ineinander zu hängen, besteht in der Stiftung einer Religion oder Ideologie, die dann gerade über jede Grenze hinaus Gefolgsleute zu machen geneigt ist.
Gibt es eigentlich irgendeinen originellen oder virulenten "Religionsstifter" der Neuzeit, der nicht deutsch geschrieben hätte: Kant, Schelling, Hegel - Nietzsche, Marx, Freud, Jung, Jaspers, Heidegger, Habermas? Wurde nicht auch die zeitgenössische, das Unendlich berechende Mathematik von Leibnitz, Gauß und Riemann erfunden?
Und können wir nicht gerade modellhaft an England beobachten, was das Zusammenziehen auf ein Nationalgebiet bedeutet?
Deutschland steht dem als Alternative entgegen.
"Noch", möchte man hinzufügen - aber hat Deutschland sich überhaupt je anderes verstehen können?

James Madison | 10. Federalist Papers

Die verborgenen Ursachen für die Entstehung von Parteiungen liegen also in der menschlichen Natur; wir sehen sie überall in verschiedenem Maß aktiviert, je nach den verschiedenen Umständen, die in der jeweiligen bürgerlichen Gesellschaft herrschen. Der Einsatz für religöse, politische und anderer Überzeugungen in Wort und Tat, die Bindung an verschiedene politische Führer, die voller Ehrgeiz um Vorherrschaft und Macht ringen, oder an andere Persönlichkeiten, deren Schicksal die menschlichen Leidenschaften erregt haben - all dies hat die Menschheit immer wieder in Parteien gespalten, sie mit Feindseligkeit gegeneinander erfüllt und sie dazu gebracht, einander eher zu peinigen und zu unterdrücken als um des gemeinsamen Wohls willen zusammenzuarbeiten. So stark ist dieser Hang der Menschen, in wechselseitige Feindseligkeiten zu verfallen, dass dort, wo es an einem wirklichen Anlass mangelt, die nichtigsten und absonderlichsten Unterschiede zwischen ihnen genügen, um negative Gefühle zu erzeugen und die heftigsten Konflikte herbeizuführen . . . Diese vielfältigen und einander widersprechenden Interessen zu regulieren, ist die wesentliche Aufgabe der modernen Gesetzgebung. Der Umgang mit Parteien und Parteiungen gehört also zu den normalen Erfordernissen der Regierungstätigkeit.

Neue Merkmale des Despotismus

„Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller andern fremd gegenüber: Seine Kinder und seine persönlichen Freunde verkörpern für ihn das ganze Menschengeschlecht; was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht; er ist nur in sich und für sich allein vorhanden, und bleibt ihm noch eine Familie, so kann man zumindest sagen, dass er kein Vaterland mehr hat. Über diesen erhebt sich eine gewaltige bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins Einzelne gehend, regelmäßig, vorsorglich und mild. Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; statt dessen aber sucht sie bloß, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, dass die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen. Sie arbeitet gerne für deren Wohl; sie will aber dessen alleiniger Betreuer und einziger Richter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, ermisst und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, lenkt ihre Industrie, ordnet ihre Erbschaften, teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?“
Tocqueville „Über die Demokratie in Amerika“
P. S. Houllebecq meinte neulich, man müsse nur "väterliche" durch "mütterliche" Gewalt ersetzen, um in 2016 anzukommen.

Flüchtlinge oder Einwanderer

20 Prozent aller Einwohner Deutschlands wurden in einem anderen Land geboren. In der Schweiz liegt der Anteil an Personen mit Migrationshintergrund bei 35 Prozent. Obwohl man diese Menschen dringend braucht, herrschen Ängste in der Bevölkerung. Die Medien fokussieren vielfach auf Konflikte und berichten oft negativ über die Flüchtlingssituation. Das muss anders werden. Zwar ist es aus soziologischer Sicht ganz natürlich, dass eine Gruppe versucht, sich zusammenzuhalten, indem sie sich von anderen Gruppen abgrenzt. Dennoch müsste in den Medien um mehr Verständnis für Flüchtlinge geworben werden.

An der Lösung der Flüchtlingssituation zu arbeiten, ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch moralisch geboten: Am Syrienkonflikt etwa trägt Deutschland eine Mitschuld, weil es Waffen an Rebellen verkauft und versucht hat, Waffenlieferungen Russlands an Assad zu unterbinden. Man stelle sich vor, die knapp 22.000 Rechtsextremen in Deutschland würden von einem anderen Staat mit Kriegswaffen versorgt. Das würde unser Land katastrophal destabilisieren.

In Deutschland ist Sicherheit eine Selbstverständlichkeit, doch in anderen Ländern wie in Pakistan während der 1990er-Jahre oder in Syrien 2015 musste man täglich um sein Leben fürchten. Gestern noch gingen die Menschen einem Beruf nach und kümmerten sich um ihre Familien, heute sind sie Flüchtlinge und nur mit dem Notwendigsten am Leib unterwegs. Sie haben Torturen erlitten, sind nervlich am Ende, haben Angst. Und im neuen Land protestieren Menschen gegen sie, ihnen schlägt offene Feindseligkeit entgegen. Wenn die deutsche Bevölkerung die Hintergründe erfährt und vielleicht auch über Dokumentationen im Fernsehen die Mentalität und Kultur der Immigranten kennenlernt, fällt es ihr unter Umständen leichter, diese willkommen zu heißen und irgendwann als Teil Deutschlands zu sehen. Dies setzt voraus, dass man offen auf die Immigranten zugeht, auch folgende Eckpfeiler nachvollzieht:


• Zur Finanzierung des Rentensystems bräuchte Deutschland jährlich eine Nettozuwanderung von 600 000 Menschen


• Flüchtlinge müssen die Chance bekommen, sich etwas zu erarbeiten, denn wer nichts zu verlieren hat, wird weiterziehen, oder er wird kriminell.


• Deutschkurse sind die wichtigste Integrationsmaßnahme.


• Das Schulsystem gehört reformiert: Nötig sind Integrationsklassen und die Gesamtschule.( Mit zehn Jahren sollten sich Kinder nicht entscheiden müssen, welchen Bildungsweg sie einschlagen – und dennoch wird genau das in diesem Alter bei uns festgelegt. Das britische System wäre ev. besser: Bis zur neunten Stufe besuchen alle Kinder die gleiche Schulform, erst danach trennen sich die Wege.)


• Auch sollte es möglich sein, das Abitur mit nur zwei bis drei Prüfungsfächern abzulegen, sodass etwa ein Mathegenie wie in den USA oder Großbritannien trotz schlechter Deutschnote studieren darf und nicht, wie bei uns. zum Taxifahren verdammt ist.


• Das deutsche Steuersystem schreckt viele potenzielle Unternehmer ab – eine verlässliche Steuerquote von 25 Prozent für Einzelunternehmen würde das Chaos beseitigen. (Unser derzeitige Güterrecht trägt zu seher dazu bei, dass sich mancher zweimal überlegt, ob er heiraten soll: Im Fall einer Scheidung muss der eine Partner dem anderen die Hälfte seines Vermögens überlassen, auch wenn dieses in Immobilien oder Maschinen gebunden ist. Dazu treiben Unterhaltsansprüche nicht selten eine der Parteien in den Ruin. Daher sollte z. B. bei Immobilien nach einer Trennung jeder das erhalten, was er zur Finanzierung beigetragen hat.)


• Flüchtlinge sollten Broschüren über Berufe, Ausbildungswege und Arbeitgeber erhalten.


• Für die Einbürgerung sollte ein Integrationskurs Pflicht sein. (Was spricht denn dagegen, die Staatsbürgerschaft an Faktoren wie Integrationswille, Deutschkenntnisse und aber auch daran zu koppeln, wie viel jemand für den Staat selbst leistet, etwa indem er regelmäßig Steuern zahlt?)


• Jeder Immigrant sollte sich einem Religionstest unterziehen müssen, damit Fanatiker erkannt werden. (Damit religiöse Fanatiker draußen bleiben, sollte sich jeder Immigrant an der Grenze einem Religionstest unter Beisein eines Psychologen unterziehen müssen. Darüber hinaus müsste die Vorratsdatenspeicherung wiedereingeführt werden. Um die Zusammenarbeit zwischen den europäischen Polizeibehörden zu ermöglichen, sollten diese eine gemeinsame zentrale Datenbank unterhalten, in der bekannte Fundamentalisten registriert sind.)


• Die Frage „Woher kommst du ursprünglich?“ sollte man sich generell verkneifen, da sie gut integrierten Einwanderern das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören.

England . . .

Figuren wie Boris Johnson erinnern mich an den Kröterich in Kenneth Grahames fabelhaftem Kinderroman Der Wind in den Weisen. Gutmütig, exzentrisch, ohne die Befürchtung noch aus den tollkühnsten Abenteuern verwundet hervorzugehen. Der englische Staat hatte selten Grund, sich aktiv zu behaupten. Das Gemeinwesen ist daher liberal, räumt dem einzelnen weitgehende Rechte ein und vertraut darauf, dass die Ordnung sich ohne Einmischung von oben selbsttätig einstellt. Die Außenwelt dagegen erscheint als weiter Raum, in dem leichte Beute gemacht werden kann. Die schnelle Bewegung auf dem Wasser erlaubte es England, seine Kräfte nach Belieben dort zusammenzuziehen, wo sie gerade gebraucht wurden. Die hochmobile Feuerkraft des Schlachtschiffes gestattete die schärfste Bombardierung fremder Städte bei minimalen eigenen Verlusten. Von der Piraterie, die an der Wiege des modernen Englands steht, über Streifzüge mit Kanonenbooten bis zum Imperialismus erstreckte sich der Aktionsrahmen, der es ermöglichte, die Reichtümer der gesamten Welt an sich zu ziehen, die Machtzone über den ganzen Globus auszudehnen, ohne zugleich die politischen Verhältnisse im Inneren militarisieren zu müssen. England hat natürliche Grenzen und keine, die es - wie Europas Kontinentalmächte - immer wieder selbst ziehen musste. England ist auch nicht von gleichrangigen Nachbarn umgeben, kennt nicht den Kampf zwischen Abwehr und Expansion, den Zentralstaat mit stehendem Heer, staatlicher Finanzverwaltung und Bürokratie, deren Aufrechterhaltung einer permanenten Willensanstrengung bedarf. Das Land war deswegen nie auf fähige Politiker angewiesen. Die Früchte dieser Tradition besichtigen wir im Moment. Regierung wie Parlament müssten ein Format haben, um mit der Krise fertig zu werden, das in England nie nötig war und deswegen auch nicht vorhanden ist.

Feminismus . . .

. . . ist wie die Emanzipation schlechthin, Wahlrecht, Würde der Person usf. Weiterung des Einschnitts der Industrialisierung: der Verfügung-Stellung noch nie dagewesener Energiemengen zur persönlichen Verwendung bzw. Eskalation. Die historisch-gesellschaftliche Entwicklung, auf die wir von solcher Warte zurückblicken, ist völlig anderen und immer schlechter vorstellbaren Gesetzen (des Mangels) geschuldet - fasste in sich einen anderen Tugendkatalog, um das Überleben zu sichern bis zu dem großen Einschnitt. Wir verkennen die Leistung unserer Vorfahren, wenn wir ihnen schaudernd Zurückgebliebenheit attestieren im Hinblick auf Werte, die erst unser heutiger Energieüberschuß überhaupt ermöglicht, die untergehen dürften, sollten sich die materiellen Verhältnisse wieder zurückschrauben, was mancher Unglücksprophet momentan ja auch nicht müde wird an die Wand zu malen. Ich selber glaube nicht, dass es einen solchen Rückfall geben wird. Es sind Einbrüche denkbar, Katastrophen, welche 90% der Menschheit auslöschen können. Aber die Technologie wird nicht in Vergessenheit geraten und uns immer weiter emanzipieren bis zu jenem Schicksal, welches uns einstweilen noch die Hauptsätze der Thermodynamik voraussagen. Was uns jederzeit noch zurückwerfen kann, sind die Strukturen des Patriarchats, welche einmal nützlich waren, um die Epoche heraufzuführen, die uns nun freier macht, aber ihre Möglichkeiten hemmt. Mich haben die akuten Weisen des Patriarchats immer abgestoßen, merkwürdigerweise aber auch des Feminismus, der mir wie eine Parodie des Patriarchates vorkommt, so unangemessen den Möglichkeiten und Pflichten des "neuen Freiseins". Es reicht wohl nicht, so bei rein negative Aussagen stehen zu bleiben. Was wäre die angemessene Ordnung für die Freiheiten, welche uns das Industriezeitalter beschert? Ich hätte schon Vorstellungen, die ich umständlicher auseinandersetzen könnte, sollte ich sie aber auf einen Nenner bringen, würde ich der "Entpersönlichung" das Wort reden: der Privilegierung der Inhalte vor der Biographie. So wie wenn man in eine Buchhandlung kommt, und alle Romane haben keinen Autor auf dem Deckel stehen. Wir wissen nur, irgendeiner von uns hat sie geschrieben, und die Person, welche das Werk verfasst hat, streicht auch die Tantiemen ein. Aber nur, wer aufhört zu schreiben, darf seine Identität enthüllen. Offengelegt wird sie immer beim Tod. Dies ist ein Bild, mit dem ich - hier am Beispiel von Büchern - einen möglichen Leitfaden beschreibe. Ein anderes Bild wäre der Brauch von Symphonie-Orchestern, beim Vorspielen die Kandidaten hinter einem Vorhang zu verbergen. Nur so erhielte der Kern jeder Person die ihm gebührende und uns allen auch zuträglichste Chance: durch Verhüllung ihres Gesichtes.

Nespresso-Kapseln . . .


. . . sollen neuerdings - durch ihr Verschwinden - die Welt verbessern. Das ist Augenwischerei. In welcher Hinsicht? Unsere gesamte moderne Zivilisation incl. all ihre Werte, der erreichten wie "immer noch nicht" erreichten, beruht auf der flüchtigen Voraussetzung, dass uns täglich mehr Energie zur Verfügung steht als die Sonne liefert. Sobald es damit - nach Erschöpfung der Kohle-, Öl und Uranvorräte - vorbei ist, brauchen wir eine neue Gesellschafts- und Werteordnung, um zu überleben. Zwänge, von denen wir wähnen, uns befreit zu haben, kehren zurück, vielleicht in anderem Gewand, aber es bleiben Zwänge. Ein schönes Sinnbild für die Emanzipation scheint mir das Autofahren bzw. der Führerschein: verschafft einem "Freiheit", außerordentliche Beweglichkeit, den Horizont erweiternd und die Möglichkeiten des Erlebens. Und doch ist es nur eine Funktion überschüssiger Energie, abnehmend mit der unausgesetzten Leerung der Speicher derselben. Unsere heutige Freiheit, Individualität entspringt nur zu geringem Grad unserem Wollen oder Können, sondern einem vorübergehenden Rausch aus flüchtigen Quellen. Die Nespresso-Kapsel ist ein Ausdruck davon und wird das drohende Ende, indem man auf sie verzichtet, um 2 Sekunden verschieben, nicht erübrigen, wie ihre Opferung suggerieren möchte. Heldenhaft wäre eher die Entwicklung genauerer Vorstellungen über Notwendigkeiten und Gestalt einer kommenden Zeit nach dem Ausklang des Energie-Intermezzos, die "Neugründung" der Menschheit gewissermaßen. Wie fantasielos da bis jetzt die Zukunftsromane sind! The Walking Dead entwickelt seine gesamte "neue Zivilisation" auf der Basis von verrottenden Hilfsquellen der alten (Konservennahrung, Verbrennungsmotoren, Patronen). Interessant würde es erst, wenn man wirklich sich wieder aus der Umwelt ernähren müsste: was das für Folgen auf die Gesellschaft und ihre Werte, das Individuum und seine Befreiung hätte. Es wäre vorstellbar, dass gerade die emanzipiertesten Menschen sich dann als die größte Gefahr für die Gesellschaft herausstellten und wie heute Terroristen unschädlich gemacht werden müssten.

Emanzipation . . .

. . . zeigt sich bei näherem Hinschauen als eine Funktion des Energie-Verbrauchs = je freier eine Person ist, desto mehr Energie (nicht nur inwendig, sondern Sonnenergie aus ihren verschiedenen Speichern und Quellen) steht ihr zu Verfügung. Auch geht Emanzipation, scheint's, immer einher mit einer Zunahme der Arbeitswut. Steinzeitmenschen, hörte ich neulich eine Vorlesung auf Youtube, haben wie z. B. auch Raubtiere nur wenige Stunden, höchstens sechs am Tag gearbeitet, die restlichen 10 waren Freizeit. Nach Mobilisierung der entsprechenden Enegiequellen arbeitet eine Person, je freier oder emanzipierter sie ward, umso längere Stunden. Selbst in der Freizeit wird, wo's geht, durch "Aktivitäten" versucht, den Kalorienverbrauch zu erhöhen. Sobald die Energie indessen knapp wird, bricht die gesamte Emanzipationsordnung, wie wir sie heute kennen, in sich zusammen. Energie muss aber nicht knapp werden, habe ich mich von Freunden, die mehr davon verstehen als ich, belehren lassen, indem es vor dem Ganzverbrauch der Sonnenspeicher Kohle und Öl gelingt, die Sonnenkraft effektiver zu sammeln (in Sonnenlichtfarmen, durch Windkraftwerke usf.) oder in Kernkraftwerken zu erzeugen. Gefahr lauert eher in der der Atmosphäre, die durch Zunahme von Emanzipation (Freiheit und Betriebsamkeit) der von ihr Beschirmten immer weniger in die Lage gerät, das Leben überhaupt zu schützen. Um zu überdauern, müssten wir daher entweder die Emanzipation oder die Anzahl derer verringern, welche sich ihr verschrieben haben. Anders ausgedrückt: entweder muss unser Lebensstandard sinken durch zurückgehende Energiekonsumierung - oder die Bevölkerung der Welt. Das wirksamste Mittel, letzteres zu erreichen, scheint in der Ausbildung der Frauen zu bestehen. Nachweislich haben die meisten Kinder die Analphabetinnen, je besser eine Frau aber ausgebildet ist, desto weniger Kinder bringt sie zu Welt. Besteht der Witz von Ausbildung am Ende darin, uns zum Verbrauch bzw. der Umsetzung von immer mehr Energie zu befähigen?

Sozialstaat . . .

. . . ist nur als Nationalstaat möglich: seine daseinsvorsorgende Inklusivität beruht darauf, dass sie an den Grenzen aufhört. Gleichheit und Gerechtigkeit aber, welche den Anspruch auf Umverteilung begründen, sind keine nationalen Grundsätze, sondern gelten wie auch die Menschenrechte, aus denen sie sich herleiten, weltweit. Die ultimative Umverteilung muss daher als universalistische Ideologie auf den Weltstaat bzw. die Weltgesellschaft zielen. Da es diese noch nicht gibt, müssen Staaten, in denen die Menschenrechte das höchste Gebot sind, ihre Sozialsysteme für die Zuwanderung öffnen. Diese dürfte die davon betroffenen Sozialstaaten indessen eher zerstören, als ihr Vorbild zu globalisieren. Der Sozialstaat befindet sich angesichts der Globalisierung mit ihrer umfassenden Mobilisierung von Produktionsfaktoren und Informationsströmen in der Defensive. Ein Ausbau des Sozialstaats bei gleichzeitiger Öffnung der Grenzen könnte sich als nicht nachhaltig erweisen. Warum sollte daher die Interessensgemeinschaft der Leistungsträger den Sozialstaat nicht als Bodensatz des ohnehin aus der Mode gekommenen Nationalstaats sehen und die Zuwanderung als Anlaß nehmen, ihn abzubauen? Dies wäre eine konsequente »liberale« Lösung = völlige Faktorenmobilität & völlige Freizügigkeit. Möglich würde sie nur, wenn der Staat sich auf seinen rechtsstaatlichen Kern zurückzieht und soziale Interventionen unterlässt (wie dies etwa in den USA im 19. Jahrhundert während der Masseneinwanderung aus Europa der Fall war). Freilich läge dies nicht im Interesse der Unterschichten in den Sozialstaaten, die gegen eine solche Entwicklung »populistischen« Widerstand leisten würden, den wir in der Tat gerade beobachten. Die Protestparteien scheinen allerdings auch nichts anderes in ihrem Programm zu haben, als die Abschaffung des Sozialstaates, der mit seinem Protagonisten R. Blüm in eine Zeltstadt am Rande Europas abgeschoben werden könnte.