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Nietzsche zum Thema Wahrheit

Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.

Das Leben kein Argument. – Wir haben uns eine Welt zurechtgemacht, in der wir leben können – mit der Annahme von Körpern, Linien, Flächen, Ursachen und Wirkungen, Bewegung und Ruhe, Gestalt und Inhalt: ohne diese Glaubensartikel hielte es jetzt keiner aus zu leben! Aber damit sind sie noch nichts Bewiesenes. Das Leben ist kein Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein.


Wahrheit ist die Art von Irrthum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Werth für das Leben entscheidet zuletzt. Es ist unwahrscheinlich, daß unser »Erkennen« weiter reichen sollte, als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht.


Man hat jeden Schrittbreit Wahrheit sich abringen müssen, man hat fast alles dagegen preisgeben müssen, woran sonst das Herz, woran unsre Liebe, unser Vertrauen zum Leben hängt. Es bedarf Größe der Seele dazu: der Dienst der Wahrheit ist der härteste Dienst.


Die Behauptung, daß die Wahrheit da sei und daß es ein Ende habe mit der Unwissenheit und dem Irrthum, ist eine der größten Verführungen, die es giebt. Gesetzt, sie wird geglaubt, so ist damit der Wille zur Prüfung, Forschung, Vorsicht, Versuchung lahm gelegt: er kann selbst als frevelhaft, nämlich alsZweifel an der Wahrheit gelten ... Die »Wahrheit« ist folglich verhängnißvoller als der Irrthum und die Unwissenheit, weil sie die Kräfte unterbindet, mit denen an der Aufklärung und Erkenntniß gearbeitet wird. Der Affekt der Faulheit nimmt jetzt Partei für die »Wahrheit« – (»Denken ist eine Noth, ein Elend!«); insgleichen die Ordnung, die Regel, das Glück des Besitzes, der Stolz der Weisheit, – die Eitelkeit in summa: – es ist bequemer zu gehorchen, als zu prüfen; es ist schmeichelhafter, zu denken »ich habe die Wahrheit«, als um sich herum nur Dunkel zu sehn... vor Allem: es beruhigt, es giebt Vertrauen, es erleichtert das Leben, – es »verbessert« den Charakter, insofern es das Mißtrauen verringert. Der »Frieden der Seele«, die »Ruhe des Gewissens«: alles Erfindungen, die nur unter der Voraussetzung möglich sind, daß die Wahrheit da ist. – »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« ... Die »Wahrheit« ist Wahrheit, denn sie macht die Menschen besser... Der Proceß setzt sich fort: alles Gute, allen Erfolg, der »Wahrheit« auf's Conto zu setzen.


Die Schlange, welche sich nicht häuten kann, geht zugrunde. Ebenso die Geister, welche man verhindert, ihre Meinungen zu wechseln; sie hören auf, Geist zu sein.


Nie etwas zurückhalten oder dir verschweigen, was gegen deinen Gedanken gedacht werden kann! Gelobe es dir! Es gehört zur ersten Redlichkeit des Denkens. Du mußt jeden Tag auch deinen Feldzug gegen dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit, – aber auch deine Niederlage ist nicht mehr deine Angelegenheit!

Dionysos

Den Griechen war deshalb das geschlechtliche Symbol das ehrwürdige Symbol an sich, der eigentliche Tiefsinn innerhalb der ganzen antiken Frömmigkeit. Alles einzelne im Akte der Zeugung, der Schwangerschaft, der Geburt erweckte die höchsten und feierlichsten Gefühle. In der Mysterienlehre ist der Schmerz heilig gesprochen: die »Wehen der Gebärerin« heiligen den Schmerz überhaupt, – alles Werden und Wachsen, alles Zukunft-Verbürgende bedingt den Schmerz... Damit es die ewige Lust des Schaffens gibt, damit der Wille zum Leben sich ewig selbst bejaht, muß es auch ewig die »Qual der Gebärerin« geben... Dies alles bedeutet das Wort Dionysos . . . NIETZSCHE

Nietzsches philosophisches Programm

Mein neuer Weg zum »Ja«. – Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Aufsuchen auch der verabscheuten und verruchten Seiten des Daseins. Aus der langen Erfahrung, welche mir eine solche Wanderung durch Eis und Wüste gab, lernte ich Alles, was bisher philosophirt hat, anders ansehn: – die verborgene Geschichte der Philosophie, die Psychologie ihrer großen Namen kam für mich an's Licht. »Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist?« – dies wurde für mich der eigentliche Werthmesser. Der Irrthum ist eine Feigheit... jede Errungenschaft der Erkenntniß folgt aus dem Muth, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich... Eine solche Experimental-Philosophie, wie ich sie lebe, nimmt versuchsweise selbst die Möglichkeiten des grundsätzlichsten Nihilismus vorweg: ohne daß damit gesagt wäre, daß sie bei einer Negation, beim Nein, bei einem Willen zum Nein stehen bliebe. Sie will vielmehr bis zum Umgekehrten hindurch – bis zu einem dionysischen Ja-sagen zur Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und Auswahl –, sie will den ewigen Kreislauf: – dieselben Dinge, dieselbe Logik und Unlogik der Verknotung. Höchster Zustand, den ein Philosoph erreichen kann: dionysisch zum Dasein stehn –: meine Formel dafür ist amor fati.

NIETZSCHES ETAPPEN ZUR ÜBERWINDUNG DES NIHILISMUS

Nackt hatte ich einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen: allzuähnlich einander, allzumenschlich auch den Grössten noch! Von da an sind alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe ich mich so gut als jemand auf Angeln? ... Wenn Nichts sich fing, so liegt die Schuld nicht an mir. Die Fische fehlten . Wir aber wollen die werden, die wir sind, — die Neuen, die Einmaligen, die Unvergleichbaren, die Sich-selber-Gesetzgebenden, die Sich-selber-Schaffenden! Im Grunde weiß jeder Mensch recht wohl, dass er nur einmal, als ein Unikum, auf der Welt ist und dass kein noch so seltsamer Zufall zum zweiten Mal ein so wunderlich buntes Mancherlei zum Einerlei, wie er es ist, zusammenschütteln wird: Er weiß es, aber verbirgt es wie ein böses Gewissen — weshalb? Bei den allermeisten ist es Bequemlichkeit, Trägheit, kurz jener Hang zur Faulheit . . . die Menschen sind noch fauler als furchtsam und fürchten gerade am meisten die Beschwerden, welche ihnen eine unbedingte Ehrlichkeit und Nacktheit aufbürden würde. Manche leben in Scheu und Demut vor ihrem Ideale und möchten es verleugnen: sie fürchten ihr höheres Selbst, weil es, wenn es redet, anspruchsvoll redet. Die junge Seele sehe auf das Leben zurück mit der Frage: was hast du bis jetzt wahrhaftig geliebt, was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir auf, und vielleicht ergeben sie dir, durch ihr Wesen und ihre Folge, ein Gesetz, das Grundgesetz deines eigentlichen Selbst. . . denn dein wahres Wesen liegt nicht tief verborgen in dir, sondern unermeßlich hoch über dir, oder wenigstens über dem, was du gewöhnlich als dein Ich nimmst. Im Schmerz ist soviel Weisheit wie in der Lust . . . dass er weh tut, ist kein Argument gegen ihn, es ist sein Wesen. Wie? Das letzte Ziel der Wissenschaft sei, dem Menschen möglichst viel Lust und möglichst wenig Unlust zu schaffen? Wie, wenn nun Lust und Unlust so mit einem Stricke zusammengeknüpft wären, daß, wer möglichst viel von der einen haben will, auch möglichst viel von der andern haben muß – daß, wer das »Himmelhoch-Jauchzen« lernen will, sich auch für das »Zum-Tode-betrübt« bereit halten muß? . . . darum muß ich erst tiefer hinab, als ich jemals stieg: tiefer hinab in den Schmerz, als ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Flut! So will es mein Schicksal . . . Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, daß sie aus dem Meere kommen. Dies Zeugnis ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. Aus dem Tiefsten muß das Höchste zu seiner Höhe kommen. Ich schätze die Macht eines Willens darnach, wie viel von Widerstand, Schmerz, Tortur er aushält und sich zum Vortheil umzuwandeln weiß. Wer wird etwas Großes erreichen, wenn er nicht die Kraft und den Willen in sich fühlt, große Schmerzen zuzufügen? Solchen Menschen, welche mich Etwas angehn, wünsche ich Leiden, Verlassenheit, Krankheit, Mißhandlung, Entwürdigung, – ich wünsche, daß ihnen die tiefe Selbstverachtung, die Marter des Mißtrauens gegen sich, das Elend des Überwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein Mitleid mit ihnen, weil ich ihnen das Einzige wünsche, was heute beweisen kann, ob einer Werth hat oder nicht, – daß er Stand hält.

WIE DER KRIMI HEUTE DIE FIKTION BEHERRSCHT UND WAS DAS EIGENTLICH HEISST

Um den Krimi zu verstehen, muss man zunächst das Wesen der Ironie nachvollziehen. Ironie beherrscht heute das Erzählerische überhaupt.
Ironie ist Tiefstapelei, die Vortäuschung von Einfalt. Ironie missbilligt jede Form der Behauptung. Der Ironiker meint immer mehr, als er sagt. Worauf es ankommt, wird nicht ausgesprochen, sondern steht zwischen den Zeilen.
(Den ironischste Aussageweise überhaupt enthält das Drehbuch. Weil in ihm nur stehen kann, was sich abfilmen lässt: raum-zeitliche Gegebenheiten. Ihr Untertext ist nicht dingfest zu machen, sondern muss vom Leser - oder in aufdringlichen Dialogen - hinzugefügt werden.)
Der ironische Autor nimmt das Leben so, wie er es findet, neigt daher zur Alltäglichkeit, zu schmucklosen Gegenständen, nüchternem Realismus.
Die Glut des Sommers hat mich so verändert,
gab ich zur Antwort.
Aber die Tränen rannen über mein Gesicht.
- Haiku von Nishiyama Soen
April ist der grausamste Monat, brütet
Flieder aus totem Grund, mischt
Erinnerung mit Sehnsucht, weckt
Taube Wurzeln mit Frühlingsregen.
Der Winter hielt uns warm, bedeckte
Die Erde mit achtlosem Schnee, fütterte
Das karge Leben mit strohigen Knollen.
Der Sommer überfiel uns, vom Starnberger See kommend,
Mit einem Regenschauer; wir hielten inne unter den Kolonnaden
Und gingen ins Sonnenlicht, in den Hofgarten,
Und tranken Kaffee, und plauschten ein Stündchen . . .
- T. S. Eliot, The Waste Land
Es war Mitte Oktober, gegen elf Uhr vormittags - ein Tag ohne Sonne, mit Aussicht auf einen harten, scharfen Regen in der Klarheit der Vorberge. Ich trug mein lichtblaues Jackett mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Brusttaschentuch, schwarze Hosen und schwarze, weiche Wollsocken mit blauen Zwickeln.
- R. Chandler, Der tiefe Schlaf
The hills across the valley of the Ebro were long and white. On this side there was no shade and no trees and the station was between two lines of rails in the sun. Close against the side of the station there was the warm shadow of the building and a curtain, made of strings of bamboo beads, hung across the open door into the bar, to keep out flies. The American and the girl with him sat at a table in the shade, outside the building. It was very hot and the express from Barcelona would come in forty minutes. It stopped at thisjunction for two minutes and went to Madrid.
- E. Hemingway, Hills Like White Elephants
Aussageformen müssen nicht ironisch sein. Sie können statt dessen z. B. rauschhaft sein oder schwermütig, niederschmetternd, schwülstig. Sie können durchdacht statt ironisch sein, beschaulich, forsch, ausgekocht usf.
Heute aber sind sie meistens ironisch. Und deswegen haben wir auch fast nur noch Krimis, die Ironie-Stücke fürs Volk.
Um zu entschlüsseln, warum, müssen wir erst sehen, wie Geschichten grundsätzlich zerfallen in die tragische oder komische Spielart. Eine tragische Geschichte erzählt, wie ein Person infolge ihrer Abtrennung aus der Gemeinschaft zugrunde geht. Die komische Geschichte erzählt, wie eine außer Rand und Band geratene Gemeinschaft wieder zu sich kommt.
Entsprechend gibt es die ironische Tragödie. Und die ironische Komödie - deren Hauptspielart heute der Krimi ist.
Wie der Krimi die ironische Komödie einnimmt, wird klarer, wenn man sich zunächst der ironischen Tragödie zuwendet.
Die ironische Tragödie zeigt, wie eine Person aus der Gemeinschaft getrennt und zugrunde gerichtet wird. Was immer es für Gründe oder Erklärungen für den Ausstoß aus der Gemeinschaft geben könnte, sie bleiben in der für die ironische Aussageweise typischen Art unausgesprochen. "Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." (F. Kafka, Der Prozeß). - (Auch der Tod des Sokrates oder Christi ist in diesem Sinne ironisch.)
Das typische Opfer der ironischen Tragödie ist der Sündenbock oder Angehörige einer verfolgten Minderheit oder Einzelgänger (Künstler). Er ist unschuldig, indem er etwas hervorrief, das größer war, als seine Absicht (wie ein Bergsteiger, dessen Ruf eine Lawine auslöst). Und er ist schuldig: als Mitglied einer Gesellschaft, die solche Folgen unausweichlich macht.
Die ironische Komödie schlägt sich angesichts derselben Lage auf die Seite der Gesellschaft, welche den Schädling zu ihrer Rettung ausstößt. Dabei geht es ihr um das Gefühl der Erleichterung, das einen erfasst, wenn man den Bösewicht bestraft und leiden sieht.
(Ein zweischneidiges Schwert, denn die Rache der Gesellschaft an einem einzelnen lässt diesen leicht weniger schuldig, die Gesellschaft dagegen stärker schuldig erscheinen . . .)
Die gröbsten Formen der ironischen Komödie bestehen durchaus darin, einem unschuldigen Opfer Schmerz zuzufügen, jemandem, der einfach nur herumsteht, auf Verdacht eins zu verpassen. Er wird es schon verdienen, einfach weil er einer Gesellschaft angehört, in welcher es im Grunde jeder verdient. Aus dem Reich der Fiktion springt dieser Trieb, wo die Verhältnisse sich auflösen, herüber in den Impuls des Lynchmobs.
Als Beispiel zeigt ich hier auf Teds Verhör in Verrückt nach Mary. Zum Schluss wird der ahnungslose und unschuldige Ted brutal zusammengeschlagen, der stärkste Lacher des gesamten Films. - Weiteres Beispiel: Im Alter von 16 Jahren hatte sich Lisa Loch 2001 bei einer Miss-Wahl zur Miss Alemania beworben, über die das RTL-Magazin Explosiv berichtete. Unter anderem wurde sie mit den Worten „Mein Name ist Lisa Loch und ich bin 16 Jahre alt“ zitiert. Dieser Filmausschnitt wurde von TV total auf ProSieben verwertet. In mehreren Sendungen machte Raab Bemerkungen über den Namen Loch, die der Münchner Merkur als „versaute Witze“ bezeichnete. Loch erfuhr dadurch Hänseleien durch ihr Umfeld, wurde telefonisch belästigt und auf offener Straße beleidigt. In der Folge begab sie sich in therapeutische Behandlung.
Die ironische Komödie holt das Barbarische in den Bereich der Fiktion und spielt dort mit dem menschlichen Opfer (das Gelächter befreit uns dabei vom Unangenehmen | Grässlichen).
Ihre populärste Spielart jedoch ist im Moment der Krimi, in welchem ein Menschenjäger ein Opfer bestimmt, dessen sich dann die Gesellschaft entledigt. Ausgesprochen ironisch: das verschärfte Interesse des Krimis für Einzelheiten, die langweiligsten und nebensächlichsten Geringfügigkeiten des täglichen Lebens, in welche eine geheimnisvolle, unausgesprochene Bedeutung gelesen wird.
Die unschlüssige Hand sozialer Gerechtigkeit schwebt über etlichen "Verdächtigen" und lässt sich schließlich auf einem von ihnen nieder. Dass es sich dabei in Wirklichkeit um ein blindlings ausgewähltes Opfer handelt, erhellt aus dem Indizienbeweis, welcher einer Deutung (Manipulation) vorliegender Tatsachen entspringt.
Mit zunehmender Brutalität (lizensiert durch die Konventionen der Form, nach welchen es unmöglich ist, dass der Menschenjäger sich irrt in der Identifizierung des Auszustoßenden) mutiert der Krimi zum Thriller, eine Form des Melodramas (Komödie ohne Gelächter) mit dessen typischem Triumph der Tugend über Schurkerei zur Idealisierung von beim Publikum vorausgesetzten moralischen Anschauungen. Im Melodrama des brutalen Thrillers kommen wir der Selbstgerechtigkeit des lynchenden Pöbels so nahe, wie es normalerweise der Kunst überhaupt möglich ist.
Liefert insofern aber der Krimi nicht - in seiner Entwicklung zum Melodram vor allem in Skandinavien - die Vorschußpropaganda für einen Polizeistaat als Regulativ der Ausfälle des Pöbels?
Das ironische Substrat jeden Krimis kann auch die Absurdität einer Fixierung des Feindes einer Gesellschaft außerhalb derselben implizieren. So steht die Entwicklung offen zur Satire, die den Feind einer Gesellschaft als eine Figur innerhalb derselben bestimmt. Damit haben wir aber die Domäne des Krimis verlassen.
Ein populäres nicht-ironisches Genre, das den Krimi ablösen oder wenigstens ergänzen könnte, wäre die Science fiction, wo sie Lebensformen vorstellt, welche unsere gegenwärtigen überbieten. Es könnte Sinn machen, zumindest einen einzigen Sendeplatz für dieses Format zu reservieren und ihm dort Gelegenheit zu geben, sich zu entwickeln. Statt eine x-te Krimi-Serie aufzulegen und mit ihr das zu stabilisieren, was ich weiter oben aufzeige.

Neomarxismus . . .


. . . Kleidung der von Marx bestimmten Verhältnisse in neue Metaphern, unterstützt durch die postmoderne Philosophie. Die ursprüngliche Arbeiterklasse fächert sich nun auf in Menschen bestimmter Identitäten: Homosexuelle, Farbige, Behinderte, Frauen usf. Ihnen gemeinsam ist, dass sie unverändert ausgebeutet werden wie ursprünglich die Arbeiterklasse mittlerweile von den Protagonisten des Patriarchats, dessen Auflösung den Glückszustand völliger Gleichheit zur Folge haben (oder zumindest in eine Synthese im Sinne Hegels fortschreiten) wird. Helfend hinzu tritt - als Ausfluss der postmodern-philosophisch aufgezeigten unendlichen Deutungsmöglichkeiten von Sachverhalten - die Vorstellung, Wissen sei niemals objektiv, sondern strukturiert von Machtverhältnissen, deren Erhalt es dient. Vorurteilsfrei ist allein die ursprünglich marxistische Auffassung, es allzeit mit Unterdrückungsverhältnissen zu tun zu haben. Daher Neo-Marxismus.

Der Komplex ist unangreifbar, da metaphysisch; eine Metaphysik kann nicht widerlegt werden, kommt höchstens außer Mode.

Ich denke, das marxistische Modell ist letztlich ein säkularisiertes Christentum mit seiner Behauptung der Gleicheit aller Menschen, eine Frucht "Jerusalems". Ihm gegenüber steht "Athen" mit seinem Fokus auf die Wissenschaften und der Herrschaft jener Eliten aus "Gold" (Plato), welche sie - zum Wohl des ihr sowohl anvertrauten wie untergeordneten Rests - beherrschen.