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Hang zur Faulheit

Jener Reisende, der viel Länder und Völker und mehrere Erdteile gesehen hatte und gefragt wurde, welche Eigenschaft der Menschen er überall wiedergefunden habe, sagte: sie haben einen Hang zur Faulheit. Manchen wird es dünken, er hätte richtiger und gültiger gesagt: sie sind alle furchtsam. Sie verstecken sich unter Sitten und Meinungen. Im Grunde weiß jeder Mensch recht wohl, daß er nur einmal, als ein Unikum, auf der Welt ist und daß kein noch so seltsamer Zufall zum zweitenmal ein so wunderlich buntes Mancherlei zum Einerlei, wie er es ist, zusammenschütteln wird: er weiß es, aber verbirgt es wie ein böses Gewissen – weshalb? Aus Furcht vor dem Nachbar, welcher die Konvention fordert und sich selbst mit ihr verhüllt. Aber was ist es, was den einzelnen zwingt, den Nachbar zu fürchten, herdenmäßig zu denken und zu handeln und seiner selbst nicht froh zu sein? Schamhaftigkeit vielleicht bei einigen und seltnen. Bei den allermeisten ist es Bequemlichkeit, Trägheit, kurz jener Hang zur Faulheit, von dem der Reisende sprach. Er hat Recht: die Menschen sind noch fauler als furchtsam und fürchten gerade am meisten die Beschwerden, welche ihnen eine unbedingte Ehrlichkeit und Nacktheit aufbürden würde. Die Künstler allein hassen dieses lässige Einhergehen in erborgten Manieren und übergehängten Meinungen und enthüllen das Geheimnis, das böse Gewissen von jedermann, den Satz, daß jeder Mensch ein einmaliges Wunder ist; sie wagen es, uns den Menschen zu zeigen, wie er bis in jede Muskelbewegung er selbst, er allein ist, noch mehr, daß er in dieser strengen Konsequenz seiner Einzigkeit schön und betrachtenswert ist, neu und unglaublich wie jedes Werk der Natur und durchaus nicht langweilig. Wenn der große Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware, als gleichgültig, des Verkehrs und der Belehrung unwürdig. Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich bequem zu sein; er folge seinem Gewissen,welches ihm zuruft: »sei du selbst! Das bist du alles nicht, was du jetzt tust, meinst, begehrst.« NIETZSCHE Schopenhauer als Erzieher

Frauen pflanzen sich eher fort

MELISSA A. WILSON SAYERS ist Professorin an der Arizona State University für Biologie; sie ist auch Mathematikerin, die sich für das Schicksal des Y-Chromosoms interessiert. In dem Interview hier beschreibt sie ihre Forschungen und das überraschende Ergebnis, dass wir - statistisch gesehen - "mehr Großmütter als Großväter" haben. Das ist intuitiv nicht gleich zu verstehen, ich illustriere es daher an einem Beispiel, welches sich einer Vereinfachung bedient: wenn in den letzten 5 Millionen Jahren 100 Kinder geboren worden wären, hätten diese 50 Väter und 100 Mütter. Oder: von 100 Männern und 100 Frauen haben im Laufe der Menschheitsgeschichte alle Frauen, aber nur die Hälfte Männer Kinder gehabt. Oder: die Väter hatten zwei Frauen - die Nicht-Väter keine. Dies sind "Gender"-Verhältnisse, welche Melissa aus dem Genom der Menschheit gerechnet hat. Männer (Träger des Y-Chromosoms) zerfallen infolgedessen in "Gewinner" und "Verlierer" in puncto Fortpflanzung. Das hat psychologische aber auch moralische Folgen. Etwa wirft es die Frage auf, ob Frauen, wenn sie Gleichstellung anstreben, diese im Hinblick auf männliche "Gewinner" oder "Verlierer" fordern. Natürlich werden sie die Gewinner meinen. Die Gleichstellung mit diesen soll der Gesetzgeber zuwege bringen. Wie aber, wenn die männlichen "Verlierer" Anrechte auf dasselbe Sponsoring seitens des Staates erhöben, um mit den "Gewinnern" gleichgestellt zu werden? - Die psychologischen Folgen wären, wenn sich Melissas Befunde erhärten, auch nicht ohne. Die Männer hätten dann entwicklungsgeschichtlich ein 50%-Aussicht, leer auszugehen, was die Chancen der angriffslustigeren erhöhen dürfte und insgesamt einen höheren Fortpflanzungstrieb motiviert, während die Frauen keinen "Gewinner" für sich reklamieren könnten, sondern tendenziell immer mit einer anderen teilen müssten. Was in beiden Lagern den Stress-Level erhöhen dürfte. - Auch scheint sich der Gedanke oder das Gebot der Gleichheit nicht aus der Entwicklungsgeschichte ableiten zu lassen, sondern ein eher ideologisches Konstrukt zu sein.

Platos Staat . . .

... ist wahrscheinlich eines der bedeutendsten und auch schönsten Bücher, die je geschrieben wurde, aber vollkommen unleserlich, indem die Übersetzer sich ihm auf Knien nähern.Ich "übersetze" den Anfang dagegen mal ins Gemeindeutsche: Gestern ging ich mit Glaukon, dem Sohne des Ariston, hinunter zum Hafen. Zur Göttin wollten wir beten, uns aber auch den Festzug anschauen, der zum erstenmal stattfand. Unsere Leute machten keinen üblen Eindruck, die Thraker brauchten sich ebenfalls nicht zu verstecken. Nachdem wir gebetet, uns sattgesehen hatten, machten wir uns auf den Weg zurück in die Stadt. Da erblickte uns Polemarchos aus der Ferne, der Sohn des Kephalos, und jagte uns seinen Sklaven hinterher, dass wir auf ihn warten sollten. "Warten wir auf ihn", meinte Glaukon. Mit Polemarchos keuchten Adeimantos, der Bruder des Glaukon, heran und Nikeratos, und noch andere, die dem Festzug gefolgt waren. "Sokrates!" rief Polemarchos. "Gehst du schon nach Hause?" "Erraten", erwiderte ich. "Und wir alle hier?" "Was soll mit euch sein?" "Du musst uns erst noch erschlagen - oder du bleibst!" "Vielleicht gelingt es mir ja, euch zu überzeugen, mich auch so gehen zu lassen." "Und wenn wir dir gar nicht erst zuhören?" "Tja dann", meinte Glaukon. "Stellt euch vor, wir wären taub!" "Habt ihr überhaupt eine Ahnung", legte Adeimantos nach, "dass es heute Abend noch einen Fackellauf zu Ehren der Göttin auf Pferden geben wird?" "Auf Pferden?" fragte ich. "Wie das denn? Reichen sie etwa die Fackeln herum, während die Pferde aufeinander losgehen?" "Du sagst es", erwiderte Polemarchos. "Und dann gibt's noch eine nächtliche Feier, bei der man gewesen sein muss! Wir essen vorher etwas, dann gehen wir hin. Da kann man jede Menge junger Männer treffen und sich mit ihnen unterhalten. Verpasst diese Gelegenheit ruhig." "Ja, wenn das so ist", meinte Glaukon, "sollten wir vielleicht doch lieber bleiben." "Sieht so aus", stimmte ich zu.

Hail Caesar!

Religion spielt eine immer deutlichere Rolle in den Coen-Brüder-Filmen, war eigentlich schon immer da - von Anfang an - und bildet wahrscheinlich sogar den Kern ihres Werkes (dessen, was an diesen Filmemachern besonders anzieht). Ihre Philosophie erinnert an die Sterbeworte Huizingas: "Zum Glück hat der Mensch nicht das letzte Wort". In Hail Caesar! spielt der Beichtstuhl eine zentrale Rolle, der Held ist außerordentlich penibel in religiösen Fragen und der Monolog des Höhepunktes eskaliert in dem Wort "Glaube", welches eines der seelisch gefährdeten Mündel der Hauptfigur "vergessen" hat. Dem Gläubigen gegenüber stehen in Hail Caesar! die Wissenden (1) naturwissenschaftlich in Gestalt eines Wasserstoffbomben-Herstellers (2) ideologisch-nihilistisch in Form einer Gruppe nachtragender Drehbuchautoren um einen logorrhoischen Philosophieprofessor. Die Hauptfigur ist dagegen ehrerbietig, beherzigt die menschlichen Unfähigkeit, alles zu wissen, ist eingedenk unsereres Aufgeschmissenseins ohne "die Hilfe Gottes". Dieser Held ist außerordentlich flexibel, einfallsreich, intelligent, bereit zu jeder Herausforderung, welche das Leben an ihn heranträgt, und hat - was nur gläubige Menschen haben können - "fortune". Denn was liegt im Glaube anderes als die Auffassung, dass nicht alles, was wir zum Überleben brauchen, dem Bereich unserer Kontrolle entspringen kann - dass wir verloren wäre, wenn es sich so verhielte? Die erfolgreichen Hauptfiguren der Coens setzten auf die "Mitarbeit Gottes": den "glücklichen Zufall", dem auch in Hail Caesar! immer wieder das Voranbringende entspringt (herrlich einfach im Fall der Schulsport-Erfolge des unsichtbaren Sohnes unseres Helden). Das Glück kommt dabei freilich nicht umsonst, sondern winkt dem Tüchtigen zugl. Demütigen, der zugibt, nicht alles alleine gebacken zu bekommen. In No Country for Old Men gibt er die unmittelbare Verfolgung des Zieles sogar auf, überlässt sie ganz und gar der Fügung.

Heldenreise

Gestern auf einem Drehbuch-Seminar klagte mir eine Teilnehmerin ihr Leid mit der "Heldenreise", zu welcher ihr Betreuer sie allemal zwinge, sie aber wolle etwas ganz anderes erzählen. Der Gedanken der Heldenreise wird klarer, wenn man sich vor Augen hält, dass es drei Gruppen oder Hauptgenres des Fiktionalen gibt: Liebesgeschichten, dann solche, in denen die Hauptperson sich wandelt, und solche, in denen sie es nicht tut. Im letzen Fall haben wir es mit Action, Abenteuer oder Krimi zu tun, mit allem, was die Amis sinnbildlich "Cop-Story" nennen. Die Heldenreise dagegen beschreibt eine Umformung der Hauptfigur. Setzt man die Persönlichkeit einem Ufer gleich, das einen Flusslauf reguliert, beschreibt die Heldenreise eine Verschiebung des Laufes unter dem Einfluss der Strömung. Oder die Persönlichkeit ist ein Floss - auf dem Meer: die Heldenreise beschreibt, wie dieses, um nicht von den Wogen zerstört zu werden, umgebaut wird. Die Planken müssen dazu auseinander genommen und neu zusammengesetzt werden, wobei man ertrinken kann (etwa navigiert gerade auch die EU, wenn nicht die Weltordnung in diese Phase). Die populärste Version hiervon ist der Thriller. Nicht jede Geschichte ist deswegen aber ein Heldenreise. Genausogut kann von Zusammenhalt und Behauptung des Flosses erzählt werden, welches die Wellen bezwingt (Odysseus) oder von ihnen verschlungen wird (Macbeth). Anstatt einem Autor oder einer Autorin gleich Zurückgebliebenheit im Fall des Absehens vom Heldenreise zu unterstellen, sollte man erst mal ermitteln, ob sie vom Festhalten erzählen wollen oder vom Loslassen.

Heldenreise (Fortsetzung)

Meine US-Kollegen sagen gern, jeder Film zerfalle in eine "cop story" und eine "love story" - "cop story" ist dabei alles, was nicht "love story" ist - außer es ist eine "hero's journey". Was die "cop story" aber von der "hero's journey" unterscheidet, ist die Beweglichkeit des Ziels. Es verwandelt sich in der "hero's journey" bestenfalls in sein Gegenteil, wodurch "Feinde zu Freunden" werden. Mithin zerfällt jeder Film also in eine "love story" sowie entweder eine "cop story" oder eine "hero's journey". Die"hero's journey" läuft auf eine "Krise" (im Sinne der altgriechischen Medizin) hinaus: jenen Moment, in dem sich entscheidet, ob eine Entwicklung erfolgreich verläuft oder misslingt. Wann aber ist "eine Entwicklung erfolgreich"? Das hängt von Alter der Hauptfigur ab. Handelt es sich um ein Kleinkind, liegt der Erfolg in der Vergrößerung von Bewegungsfreiheit und zunehmendem Werksinn, beim Schulkind in der Äußerung von Leistungsbewusstsein, beim Jugendlichen in der Entwicklung von Hingebung und Treue. Beim jungen Erwachsenen besteht die Besserung im Sich-Einlassen aufs Innige, beim Erwachsenen im Annehmen des "erzieherischen Eros" (z. B. durch Lester Burnham in American Beauty). Die letzte mögliche "Heldenreise" ist die der älteren Menschen und besteht in der Überwindung des Existenz-Ekels sowie der neuen Fähigkeit, dem eigenen Leben sowie dem anderer einen vernünftigen und hinreichenden Sinn zu geben. Und die "Beweglichkeit des Ziels" - was hat es damit wieder auf sich? In der Regel begibt sich die "Heldenperson" (ohne zu wissen, dass sie eine ist) auf die "Reise" - um genau das Gegenteil dessen zu erreichen, was sie läutern würde. Das Kleinkind etwa will in diesem Fall seine Eltern beschwichtigen, das Schulkind sucht ihren Schutz, der Jugendliche will seine Identität vernebeln, der junge Erwachsene seine Mitwelt los sein, der Erwachsene sich ausschließlich selbst verwirklichen, der Alternde seinen Überdruss verspritzen. Wenn sie diese ihre ursprünglichen Ziele erreichen (wie etwa Michael Corleone im Paten), wäre das schlecht für sie und alle, verändern sie aber, was sie ursprünglich wollten, ist es ein Segen. Die Heldenreise dramatisiert diese "change" Prozesse, und es gibt manche, die finden, nur solche Geschichten lohne es sich zu erzählen.